Der Freundschaft ein Denkmal gesetzt

© Repro: Stadtarchiv Göttingen
Text von: Claudia Krell

Göttinger Stammbuchkupfer zeugen von den frühen Jahren der Universität, dem studentischen Leben – und waren echte Exportschlager.

„Auf diesen Trümmern hab’ ich auch gesessen, vergnügt getrunken und gegessen, und in die Welt hinaus geschaut.“ Dieser Gedichtanfang ist auf einem der vielleicht berühmtesten Stammbuchkupfer notiert: einer Ansicht der Burg Hanstein, beschrieben von Johann Wolfgang von Goethe. Wie viele seiner Zeitgenossen nutzte Goethe die Stammbuchblätter ‚Made in Göttingen‘. Nur mit den Motiven nahm er es nicht so genau. Denn sein Ausflug führte ihn 1801 zur Ruine der Burg Plesse, der er auch das Gedicht widmete.

Seinen Anfang nahm der Siegeszug der Gebrauchsgrafiken aus Göttingen mit Georg Daniel Heumann (1691-1759). Der Universitäts-Kupferstecher brachte die ersten Stiche im handlichen Format auf den Markt, die als Schmuckelemente die bis dahin schlichten Stammbücher verzierten. Er legte damit den Grundstein für einen über 50 Jahre lang florierenden Markt, der von 1785 bis etwa 1835 fester Teil des akademischen Lebens in Göttingen war. Dieser Zeitraum geht auch eng einher mit der Entwicklung der jungen Universität: In die Welt getragen, warben die Stiche, vor allem ‚Göttingen bey Wiederhold‘, auch für den Universitätsstandort. Göttingen, das war das Zentrum der Stammbuchkupfer, beschreiben Otto Deneke und Fritz Scheidemann in ihren Göttinger Nebenstunden (1938), mit denen sie sich dem ‚Göttinger Stammbuch-Kupfer‘ erstmals systematisch näherten. Dem schließt sich auch Rolf Wilhelm Brednich an. Der Volkskundler hat 1997 die Edition ‚Denkmale der Freundschaft. Göttinger Stammbuchkupfer – Quellen der Kulturgeschichte.‘ herausgebracht und kann bestätigen: „Göttingen ist nicht der einzige Standort, aber sicher der bedeutendste.“ Stammbuchblätter seien in sehr viel geringerem Maße auch an anderen Universitätsorten hergestellt worden. „Aber aufgrund der starken Kapazitäten hatte Göttingen fast ein Monopol und hat sogar bis nach Amerika exportiert.“

Als ‚LiberAmicorum‘ (Freundschaftsbücher) waren Stammbücher bereits in der frühen Reformationszeit beliebt. „Diese Stammbücher haben mit den älteren Abstammungsbüchern von Adelsfamilien nichts gemein“, betont Brednich. Vom gebundenen Album, meist mit robustem Ledereinband und weißen Seiten, hatten sie sich bis zum Aufkommen der Göttinger Stammbuchkupfer bereits zu Loseblattsammlungen entwickelt. Im Schuber oder mit Einband zusammengefasst und mit Goldschnitt versehen, erweckten sie dennoch den Anschein geschlossener Bücher. Die Vorteile lagen auf der Hand: Ein Band war nicht mehr lange von Freund zu Freund unterwegs oder konnte gänzlich verloren gehen – jeder bekam sein eigenes Widmungsblatt. Auch Einträge von Vorgängern waren so nicht mehr sichtbar – ein nicht unwichtiger Fakt, zeichneten sich doch die Einträge im Zeitalter der ‚Neuen Empfindsamkeit‘ durch oft gefühlslastige, intime Widmungen aus. Der damalige Freundschaftskult und ein späteres Deckblatt mit der Inschrift ‚Denkmahl der Freundschaft‘ habe ihn auch zum Titel seines Werkes angeregt, erläutert Brednich.

Mit den Einzelblättern nahm auch der Wunsch nach individueller Gestaltung zu. Dieses Geschäftsfeld entdeckte Heumann bereits früh für sich und begründete die grafisch aufwändig gestalteten Stammbuchkupfer. Ihm folgte bald Buchbindermeister Johann Carl Wiederhold (1743-1826) mit seinem Markenzeichen ‚Göttingen bey Wiederhold‘. Als Verleger beschäftigte er mehrere Kupferstecher und sorgte für die technische Umsetzung sowie den Vertrieb. Zu den produktivsten und bekanntesten Künstlern, die für ihn arbeiteten, zählten Johann Christian Eberlein (1778-1814), Heinrich Christoph Grape (1761-1834) und Christian Andreas Besemann (1760-1818). In Konkurrenz dazu verlegte Ernst Ludwig Riepenhausen (siehe S. 75) seine eigenen Werke. Sie alle bildeten ab, was Göttinger Studenten gut fanden – und folglich kauften. „Damals wurde auch ’nur‘ ein Markt bedient“, merkt Erich Böhme, Leiter des Göttinger Stadtarchivs, nüchtern an. Universitätsgebäude, studentisches Leben, beliebte Ausflugsziele – all das zeigten die Stammbuchblätter. Böhme, in dessen Obhut zahlreiche private Stammbuchsammlungen lagern, erklärt: „Aus stadthistorischer Sicht haben wir es mit einer erstaunlich guten Dokumentation Göttingens zu tun.“ Anhand einer Ansicht des Botanischen Gartens (siehe oben) demonstriert er: „Auf dem Stichen von Riepenhausen lassen sich selbst die Pflanzen rekonstruieren.“ Die Detailtreue erschließe sich auch aus der damaligen Kundschaft: „Die Studenten kannten die Stadt und die häufig besuchten Orte ganz genau.“ Brednich fügt hinzu, dass die Verleger auf möglichst authentischen Darstellungen bestanden, möglichst vor Ort aufgezeichnet. „In Details wurde aber etwas geschönt wie z.B. bei Personengruppen.“

„Erst als das Produkt später zum Massenerzeugnis wurde und geographisch immer weitere Bereiche einbezogen wurden, arbeiteten die Stecher mehr und mehr nach vorhandenen Vorlagen, insbesondere den romantischen Ansichten deutscher Landschaften von Ludwig Richter“, sagt Brednich. Tatsächlich nahm die Vielfalt erheblich zu, allegorische Abbildungen und Sagenbilder, ferne Reiseziele und christliche Motive kamen hinzu. „Die Gravuren waren in unserem Fall jedoch meist Radierungen“, korrigiert Brednich als Einwand auf die Bezeichnung ‚Kupfer‘ oder ‚Stecher‘. Die Stammbuchblätter seien tatsächlich fast allesamt Radierungen, d.h. nicht durch mechanisches Ritzen entstanden, sondern durch chemisches Ätzen. Riepenhausen soll als einziger auch ein begnadeter Kupferstecher gewesen sein und seine Radierungen mit einem Stichel nachbearbeitet haben. Dieses Vorgehen machte überhaupt die Massenproduktion möglich. Wie viele Stiche tatsächlich im Umlauf waren, ist kaum zu fassen. Von gut einer Million gehen Deneke und Scheidemann in ihrer Publikation 1938 aus. Sie machen die Rechnung auf: „Von den 25.000 Studenten, die in jenem Halbjahrhundert in Göttingen studiert haben, hat gewiß die große Mehrzahl ein solches Stammbuch erworben. Rechnen wir nur 15.000 und jedes Stammbuch zu 60 Bl.(…).“ Die Zahl der in Göttingen verwendeten Druckplatten lasse sich damit auf etwa 2.000 beziffern. „Wiederhold und Riepenhausen kam der Löwenanteil zu“, betont Brednich. 230 Platten habe er mittlerweile, bis zu 800 Drucke pro Tag würden in seiner Werkstatt produziert, schrieb Riepenhausen 1818 an seine Söhne. Von einem Lutherportrait habe er gar 4.000 Exemplare verkauft, „2.700 in einem Stücke nach Meiningen a Stück 6 Pfennig“. Staunend sagt er: „Und dann gehen sie sogar nach Griechenland und Moskau!“

Doch mit der Ausweitung der Stammbuchkupfer, sowohl was die Motive als auch den angesprochenen Personenkreis anbetraf, ging auch ihr Ende in studentischen Kreisen einher. Je ‚gemeiner‘ die Kupfer wurden, desto weniger wurden sie in akademischen Kreisen geschätzt, vermerkt Brednich. Auch neue Illustrations-Moden, wie z.B. Silhouetten, trugen schließlich zur Verdrängung der Stammbücher bei. Selbst bei der Firma Wiederholdt gerieten sie in Vergessenheit. 1955 müsse es gewesen sein, als die Familie wieder auf die kleinen Unternehmensschätze im Tresor aufmerksam wurde, erzählt Hartmut Grosse, direkter Nachfahr von Wiederhold. „Aber selbst dann haben die Stammbuchkupfer noch eine ganze Weile bei uns geschlummert.“ Nun, da Sohn Alexander die Geschäfte in achter Generation von ihm übernommen hat, findet er Muße für die Beschäftigung mit der Historie des eigenen Hauses. ‚Göttingen bey Wiederhold‘, das sei natürlich etwas Besonderes für ihn. „Ich wünsche mir, dass sich auch nachfolgende Generationen für dieses Kulturgut interessieren.“ Ein Wunsch, den Institutionen wie das Stadtarchiv Göttingen oder die SUB Göttingen unterstützen. Sie tragen mit ihrer Arbeit dazu bei, dass die Stammbuchkupfer, die ‚Denkmale der Freundschaft‘, noch vielen Generationen aus der Anfangszeit der Universität erzählen können.

Über Ernst Ludwig Riepenhausen

Vor 250 Jahren, am 6. September 1762, wurde Ernst Ludwig Riepenhausen geboren. Sein Vater, gebürtiger Duderstädter, stand als Mechanikus im Dienst der neuen Göttinger Universität. Auch Ernst Ludwig zog es in das akademische Umfeld. Riepenhausen – vermutlich Autodidakt – arbeitete als Kupferstecher unter anderem für Georg Christoph Lichtenberg. Für dessen ‚Göttinger Taschenkalender‘ reproduzierte er die Stiche des englischen Satirikers William Hogarth. In Sachen Talent soll er mit Daniel Nikolaus Chodowiecki gleichgezogen haben, der als populärster deutscher Kupferstecher, Grafiker und Illustrator des 18. Jahrhunderts gilt. Erst mit 58 Jahren erhielt Riepenhausen eine Anstellung an der Universität und damit einen festen Lebensunterhalt. Zwei Mal war er zuvor mit entsprechenden Gesuchen gescheitert – trotz Unterstützern wie dem Mediziner und Naturgeschichtler Johann Friedrich Blumenbach, der Riepenhausen für unverzichtbar für die universitäre Arbeit hielt. Mit seinen Stammbuchblättern brachte Riepenhausen es zu hoher Profession. „Er hat mit seiner Produktion das Wiederholdt’sche Stammhaus zumindest eingeholt, wenn nicht sogar überholt“, stellt Rolf Wilhelm Brednich fest. „Seine künstlerischen Ansprüche an die Drucke waren höher, seine Stiche sind sämtlich durchgestaltet und lassen Raum für Widmungen nur auf der Rückseite.“ Mit den Porträts von Göttinger Universitätsgelehrten und anderen Persönlichkeiten habe Riepenhausen zudem eine Marktlücke gefunden. „Wir können nur mutmaßen, dass er sich als Künstler gesehen hat – aber mit Sicherheit auf den regelmäßigen Broterwerb angewiesen war“, spekuliert auch Erich Böhme. Aus dem Nachlass lässt sich dies nicht rekonstruieren. Seine zweite Frau Elisabeth und Tochter Margareth verkauften nach seinem Tod am 27. Januar 1840 die Sammlung Riepenhausens. Einzig der Briefwechsel mit seinen Söhnen aus erster Ehe ist in Archiven erhalten – Franz und Johannes schafften es in Italien zu Ruhm als Maler und Kupferstecher. Trotz des runden Geburtstages ist Göttingen weit von einem ‚Riepenhausen-Jahr‘ entfernt. „Seine Bedeutung ist vermutlich stark auf die damalige Zeit begrenzt“, sagt Böhme. „Für Stadthistoriker haben die Stammbuchkupfer einen hohen Quellenwert.“ Die künstlerische Tragweite dürfte indes geringer ausfallen. Die „serielle Gebrauchskunst“ eines Riepenhausens sei vielleicht unter der Würde der Kunsthistoriker, vermutet auch Brednich. Und weiter: „Zumindest in meiner Stammbuch-Edition habe ich ihm ein kleines Denkmal gesetzt.“