der digitale boom

© Entscheider Medien GmbH
Text von: redaktion

Die IT-Unternehmen der Region sind erfolgreich, weil sie Marktnischen erkannt und besetzt haben. Dabei setzen die einen auf Fremdkapital, während anderen Unabhängigkeit und organisches Wachstum wichtiger sind. Was sie alle eint: Sie sind bodenständige Unternehmen der Old Economy.

Wenn vor dem Eingang 40 erfahrene IT-Berater stehen würden – könnten sie alle bei uns anfangen!“ Der Fachkräftemangel behindert laut sycor-Geschäftsführer Marko Weinrich (41) das Wachstum des Unternehmens – wie in 50 Prozent der Unternehmen in der IT-Branche. Laut Prognosen des Branchenverbandes Bitkom wird sich die Situation durch zu wenige Informatikstudenten und schlecht ausgerüstete EDV-Räume in den Schulen noch weiter verschärfen. Doch bei sycor liegt es nicht nur an der zu geringen Anzahl qualifizierter Bewerber. „Wir hatten schon viele gute Kandidaten. Häufig wollen sie aber nicht nach Göttingen ziehen“, so Weinrich. Dies sei branchenübergreifend häufig ein Problem beim Recruiting in der Region.

sycor gründete sich 1998 aus der Datenverarbeitungsabteilung des Duderstädter Unternehmens Otto Bock aus und ist vorwiegend auf die Beratung mittelständischer Unternehmen in den Branchen Kunststoff, Healthcare, Vermietung sowie Druck und Verpackungen spezialisiert. Außerdem bietet sycor das gesamte Dienstleistungsspektrum im SAP- und „Microsoft Dynamics AX“-Umfeld. Das junge Göttinger Unternehmen investiert viel in ein gutes Arbeitsklima. Sein Leitbild wird durch die Führungskräfte verkörpert, indem sie den Mitarbeitern positive Werte vorleben und ihr Führungsverhalten mit einem internen Coach permanent schulen. Außerdem findet durch turnusmäßige Mitarbeitergespräche ein stetiger Erfahrungsaustausch statt, und die Mitarbeiter können sich auf den monatlich stattfindenden so genannten „Open Bars“ in zwangloser Runde über die neuesten Entwicklungen informieren. Hierzu gehört auch die regelmäßige Offenlegung der aktuellen Unternehmenszahlen. Ziel ist es also, eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit zu erzeugen, um die Angestellten langfristig zu binden.

Darüber hinaus hat Weinrich einen zunächst verblüffenden Wunsch: „Wir hätten gerne noch mehr Konkurrenz vor Ort.“ Was zunächst überrascht, wird durch seine Erklärung logisch: zum einen seien Mitbewerber gut, um die eigenen Marktstrategien zu überprüfen und aneinander zu messen, zum anderen wäre der Standort Göttingen dann attraktiver für auswärtige Fachkräfte. Denn momentan müssten diese häufig über das Wiesbadener Tochterunternehmen SLA, dem Recruiting-Dienstleister der Firmengruppe, als freie Mitarbeiter für einzelne Projekte angeworben werden und schmälern so die Gewinnmargen. Wachsen möchte das Unternehmen mit seinen 200 Mitarbeitern nicht nur am Heimatstandort Göttingen, sondern auch in Nordamerika und Asien, wo bereits mehr als 30 Mitarbeiter beschäftigt sind.

Kontrolliert expandieren und den Schwung der anziehenden Konjunktur nutzen, möchte der IT-Dienstleister mbs ebenso. Aber auch für den Göttinger Anbieter kundenindividueller ITTrainingsprojekte, ruft in manchen Bereichen die Verpflichtung von qualifiziertem Personal großen Aufwand hervor. „Wir suchen im Moment einen E-Learning-Spezialisten – am liebsten aus der Region. Aber es ist sehr schwer, jemanden zu finden“, klagt Alexander Osterbrink (37), Leiter des Geschäftsbereichs Training. Für mbs heißt es somit, auf interne Ausbildung zu setzen und bei Großprojekten zusätzlich zu den 32 festen Mitarbeitern, freie Mitarbeiter zu engagieren. So können sogar Projekte, wie die Einrichtung von 1 400 Laptops in großen Unternehmen zügig durchgeführt werden. Die Abdeckung des Marktes spricht für sich: Von den 15 führenden Pharmakonzernen sind sieben Kunden bei mbs, und etwa 13 000 der bundesweit 19 000 Pharmareferenten durchliefen die Trainingsmaßnahmen der Göttinger IT-Spezialisten.

Einen erfolgreichen Weg hat auch die Einbecker Unternehmensberatung MOD eingeschlagen. 1991 gründete sich die Consulting- Firma, die heute in Hannover und Einbeck ansässig ist, aus dem benachbarten Pflanzenzuchtunternehmen KWS aus. Die inhabergeführte, mittelständische MOD beschäftigt heute 60 Mitarbeiter. Die Kernkompetenz besteht im vernetzten Management aller wichtigen Unternehmens-Supportprozesse. Partner sind vor allem Mittelständler aus dem Bereich Forschung und Entwicklung.

Mittelständische Unternehmen sind das Hauptklientel der Rosdorfer B&N Software, die mittlerweile als B&N Crossgate firmiert. Die Entwicklung von Software-Komponenten zur Unterstützung konzernweiter und unternehmensübergreifender Prozessoptimierung ist das Geschäftsmodell der B&N. In allen relevanten Branchen wie Automobil, Logistik und Pharma ist das Unternehmen vertreten. Die meisten Installationen und Kundenaufträge wurden in den vergangenen Jahren in der Konsumgüterindustrie durchgeführt. „Anfangs sind wir belächelt worden, aber wir haben einen Markt, der in den vergangenen Jahren hauptsächlich durch Software- Dienstleistungen geprägt wurde, revolutioniert“, erklärt Axel Bernigshausen (42), Vorstand von B&N Crossgate. Jetzt liefert B&N mit m@gic Eddy und dem m@gic EDDY AI (Advanced Integration) vielen namhaften Unternehmen das Kommunikationstool für ihre wichtigsten Kunden und Geschäftspartner. Das multifunktionale und datenbankgestützte System zum Austausch von Geschäftsprozessen wie beispielsweise Rechnungen, Bestellungen oder Lieferscheinen ist so erfolgreich, dass Ende vorigen Jahres das in Starnberg ansässige Unternehmen Crossgate mit einer Mehrheitsbeteiligung bei B&N Software einstieg. „Für uns ist das eine Riesenchance, uns im SAPMarkt zu etablieren“, sagt Bernigshausen und verweist stolz auf die Crossgate-Gesellschafterliste, auf der sich unter anderen SAP-Gründer Dietmar Hopp befindet. Bevor das Unternehmen nun weiter wachse, installieren die beiden Fusionspartner erst einmal eine gemeinsame Kommunikationskultur, welche die Firmenphilosophien der beiden insgesamt ca. 200 Mitarbeiter zählenden Unternehmen zusammenbringen soll. Doch entgegen der Befürchtungen der Mitarbeiter, die sich bei der Fusion ihres Arbeitgebers Sorgen um die Sicherheit ihrer Stellen gemacht haben, werde „Rosdorf als Technikstandort erhalten bleiben und mittelfristig weiter ausgebaut“, blickt Bernigshausen optimistisch in die Zukunft und denkt bereits über die Grenze hinaus: „Crossgate bietet uns fantastische Netzwerkkontakte. Die werden wir nutzen, um auf dem internationalen Markt anzugreifen.“ Von den Problemen des Fachkräftemangels sind die Zukunftsaussichten von B&N Crossgate übrigens nicht getrübt. Traditionell bildet das Unternehmen seine Fachkräfte selbst aus. Dabei sei es nahezu egal, aus welchem Fachbereich der Bewerber komme. Wichtig seien vor allem die Lernfähigkeit, die Leidenschaft und die Persönlichkeit, die er mitbringe.