©Luka Gorjup
Text von: Rupert Fabig

Der Extremsportler Fritz Geers aus Clausthal-Zellerfeld geht beim Ultra-Cycling an die Grenzen des Vorstellbaren – und darüber hinaus.

Wem auch immer man von einem Treffen mit Fritz Geers und von seiner Geschichte erzählt, macht ein Gesicht, als hätte er soeben einen Alien gesehen. Was in diesem Fall ein treffendes Bild ist, denn was der erst 23-Jährige leistet, erscheint Normalsterblichen außerirdisch, mindestens unmenschlich. Der Clausthal-Zellerfelder ist professioneller Ultra-Cyclist. Fährt also Radrennen, die per Definition mindestens 160 Kilometer lang sind – wenngleich diese Distanz für ihn nicht mal zum Aufwärmen dient – und bei denen die Uhr im Gegensatz zu Etappenrennen nie gestoppt wird, sondern erbarmungslos vom Start bis zum Ziel durchläuft. In den vierstelligen Kilometerbereich dringen diese Wettkämpfe spielerisch vor. Ach ja, und Geers ist ein verdammt guter Fahrer. Er hält die Streckenrekorde beim 4.721 Kilometer langen Race across Europe sowie dem 3.250 Kilometer langen Race around Germany. Aber die Erfolge sind nicht mal das Beeindruckendste an ihm – was seine Story umso eindrucksvoller werden lässt.

Um den schmächtigen, gut 1,76 Meter großen Harzer – der aufgrund seines lichten Haaransatzes deutlich älter aussieht als Mitte 20 und dank seiner gemächlichen Artikulation auch so wirkt – zu durchblicken, ist eine ganze Batterie an W-Fragen notwendig. Die Wichtigste: das Warum? Die Unfassbarste: das Wie? Weswegen wir hier beginnen. Denn wie zum Teufel sind über 4.700 Kilometer und rund 50.000 Höhenmeter von Frankreich über Deutschland, Österreich, Slowenien, Italien bis zur Südküste Spaniens in läppischen zwölf Tagen, sieben Stunden und fünf Minuten zu bewältigen? Indem Geers den Strapazen zum Trotz praktisch nicht schläft. Kein Witz. „Während des Rennens habe ich es auf ins gesamt 26 Stunden Schlaf gebracht, die sich aus kurzen Powernaps zusammengesetzt haben“, berichtet der Extremsportler. Eine Aufgabe vergleichbar damit, einen Ozean zu durchschwimmen oder 1.000 Meter in einer Minute zu laufen – für Geers nichts Außergewöhnliches, er lebt im ,Überman-Rhythmus‘, schläft täglich maximal zwei Stunden. Wann es zuletzt acht Stunden am Stück waren? „Kann mich nicht erinnern“, antwortet Geers und schiebt das für ihn typische, sympathische Kichern an.

Um das erfolgreich durchzustehen [lies: überleben], ist ein funktionierendes Team nötig. Und Geers hat eines: Arzt, Physio, Teamleiter, Kameramann, Fotograf, Pacecar-Fahrer, Koordinatoren – was auch immer Sie wünschen! Alles ist auf Effizienz ausgelegt, bloß keine Sekunde verlieren. Dieses System lässt sich auch in der Dachgeschosswohnung in seinem Geburtsort Clausthal- Zellerfeld beobachten. Die Regale sind voller detailliert sortierter Ordner, alles hat seinen exakten Platz. Derzeit entwickelt Geers ein Müsli (,Mueslay‘), das nicht an der Schale kleben bleibt, um Zeit beim Abwaschen zu sparen.

Dennoch: All diese Kniffe schützen nicht vor einem Ausfall des wichtigsten Kapitals eines jeden Sportlers, der Gesundheit. Am elften Tag, auf dem Weg zum Sieg beim Race across Europe im vergangenen Jahr, erleidet Geers in der spanischen Wüste einen Zusammenbruch, beschreibt es als Nahtoderfahrung. „Ich hatte gerade zehn Minuten geschlafen, bin dann fünf Minuten gefahren, benötigte weitere zehn Minuten Schlaf, als ich, zurück auf dem Rad, gemerkt habe, wie ich langsam meinen Körper verlasse und immer weiter nach oben aufsteige“, erinnert sich der Ausnahmeathlet. „Ich habe mich von oben beim Radfahren beobachtet, die Landschaft erkundet, einen Stausee gesehen. Als es mir zu hoch wurde, habe ich entschieden, lieber vom Fahrrad abzusteigen.“ Nachdem er unter einer schattenspendenden Brücke wieder zu sich kam, war ihm der weitere Streckenverlauf herum um den Stausee ohne vorherige Kenntnisse sofort bewusst. „Das war für mich der Beweis.“ In diesem Moment habe er sich geschworen, Profi zu werden, wenn er es ins Ziel schaffe.

Freilich verdient die Mensch-Maschine seit Beginn dieses Jahres sein Geld mit Ultracycling, hat eine beachtliche Sponsorenzahl für den teuren Sport angehäuft – ein Start beim renommierten Race across America kostet beispielsweise um die 60.000 Euro. Zuvor musste der ausgebildete Technische Produktdesigner mitunter von zwei Euro pro Tag leben, ernährte sich ein halbes Jahr lang ausschließlich von Nudeln mit Tomatensoße. Noch so eine irre Episode.

Also nun: Warum tut er sich das an? Spoiler- Alert: Masochismus ist nicht die Quelle der Qual. „Es erfüllt mich, anderen Menschen zu helfen, ihren Horizont zu erweitern. Meine Teammitglieder haben nach den Rennen häufig eine andere Sicht aufs Leben“, erklärt Geers. „Nachdem wir den Streckenrekord beim Race around Germany gebrochen haben, hat einer meiner Betreuer beispielsweise hemmungslos geweint. Das hat mich tief berührt. Ob ich am Ende Erster, Vierter oder Zehnter werde, ist sekundär.“ Seine Erfahrungen, die zahlreichen Rückschläge und der nicht zu beziffernde Verzicht lassen auch ihn wachsen.

Inzwischen hält der Mountainbike-Guide regelmäßig Vorträge, unter anderem über Teamführung, Entscheidungsfindung und Sinn. Vor allem in Schulen bereitet ihm dies großen Spaß. „Mein Eindruck ist, dass es den Schülern sehr hilft.“ Tag und Nacht arbeitet Geers, um sich auf allen Ebenen zu verbessern. Seien es sieben Stunden auf dem stationären Bike auf seinem dunklen, kalten Dachboden – zu Ballermann-Hits! – oder vor dem Laptop. Wohl dem, der keinen Schlaf benötigt.

Doch was hat jemand, der Extremsportler ist, dessen primäre Motivation allerdings nicht sportliche Erfolge sind, noch vor? Ultra-Cycling-Karrieren sind von langer Dauer, erleben ihren Höhepunkt zwischen dem 31. und 36. Lebensjahr. „Weiter das tun, was ich liebe. Bereit sein, die Komfortzone zu verlassen, im Wissen, dass ich daran wachse. Ich habe einmal gesagt, 5.000 Kilometer seien die Grenze des Möglichen“, sagt der Harzer. „Nun, da ich es geschafft habe, kann ich mir auch vorstellen, um die Welt zu fahren.“ Wer gegen Fritz Geers wettet, wird verlieren. Garantiert.

„Fritz denkt immer etwas größer“, habe schon sein Vater früher immer gesagt. Es ist wohl das Woher seines Lebenswegs. Immer beweisen, dass man nichts haben muss, um etwas zu erschaffen, dass man alles schaffen kann. Schmerz sei ein faktor gewesen. Da war dieses Baumhaus. Auf dem elterlichen Grundstück vom kleinen Fritz gebaut und ständig erweitert. „Das wird instabil, größer kann es nicht werden“, mahnte der Papa. „Also bin ich in den Wald gegangen, habe eine Fichte gefällt und es stabilisiert“, erklärt Geers in regional üblichem Dialekt. Schließlich wurde es so groß, dass die Behörde einschritt und eine Baugenehmigung verlangte. Mit zwölf lief er seinen ersten Marathon, mit 15 Jahren 150 Kilometer. Als sein Umfeld daran zweifelte, er könne Ultra-Rennen fahren, tourte er mit 17 Jahren kurzerhand 540 Kilometer am Stück durch Norwegen.

Sicher, er müsse aufpassen, nicht in eine Persönlichkeitsstörung zu verfallen, alles zu extrem zu absolvieren. Dagegen setzt der Workaholic punktuell Akzente. Genuss ist es für ihn, „am Wochenende einfach mal drucklos 300 Kilometer mit dem Rad ins Blaue zu fahren, an einer Tanke zu halten, wenn ich hungrig bin, oder mir abends etwas Schönes zu kochen.“ Eine Dusche, Zähneputzen, Wäsche aufhängen, auf die Toilette gehen. „Dinge, die du da draußen bei der Arbeit [Anm. d. Red.: Geers spricht vom Sport stets als Arbeit] nicht hast.“ Auch die seltene Pflege sozialer Kontakte sei von immenser Bedeutung, um mit sich im Reinen zu bleiben. Und während in Clausthal-Zellerfeld tagtäglich die Dunkelheit hereinbricht, die Bürgersteige und Straßen menschenleer sind – was der Stadt mitunter einen depressiven Anstrich verleiht –, wirkt der an die Einsamkeit gewohnte Geers wie ein von Grund auf zufriedener, gar glücklicher Mensch. Es ist ein ungewöhnlich glaubhafter Eindruck.