Der Chancenseher

Die Erfolgsgeschichte von Bikeleasing ist auch die Geschichte von Bastian Krause, der erst wegen einer losen Fahrradschraube durch die halbe Republik fahren musste, um ein skalierbares
Geschäftsmodell zu entwickeln.

»…und dann bin ich in diese Eingangshalle gekommen und habe nur gedacht, krass, wie im Raumschiff hier.«

Drei Radrennfahrer kämpfen sich, begleitet von einem Presse-Motorrad, die Serpentinen in den französischen Alpen hinauf. Es ist die Tour de France im Jahr 1951. Als übergroße Schwarz-Weiß-Fotografie hängt diese ikonische Aufnahme in dem Besprechungsraum, in welchem wir mit Bastian Krause verabredet sind. Fast unauffällig hat sich ein leuchtend grünes Bikeleasing-Logo auf die Sporthose des Rennfahrers in der Spitzenposition geschlichen. „Den Fahrern sieht man an, wie stark sie sich quälen müssen, wenn sie oben ankommen wollen“, sagt Bastian Krause, einer der Gründer von Bikeleasing. „Aber jeder, der sich schon einmal solch einen Berg hinauf gekämpft hat, weiß, dass es sich lohnt und dass das Gefühl, oben anzukommen, einfach nicht zu ersetzen ist.“ Ein Sinnbild also. Und Bastian Krause kennt das Gefühl. Er hat es auf seinen Gravelbike-Touren in den Alpen genauso gefühlt, wie er es auch auf seinem Weg vom Fliesenleger zum Geschäftsführer eines Unternehmens erlebt hat, dessen Wert sich heute auf 525 Millionen Euro beläuft.

Wir treffen Krause in Uslar, seiner Heimatstadt, in der er aufgewachsen ist und mit der er sich bis heute verbunden fühlt. Der größte Standort des Unternehmens ist ein ehemaliges Autohaus mit dem Charme der 1990er-Jahre. Sobald man jedoch das Gebäude durch eine Glastür betritt, vergisst man sofort, dass man sich in einem Autohaus befindet. Es ist fast gemütlich, Birkenstämme säumen den Eingangsbereich, Naturmaterialen – und Arbeitsplätze, die sich in das Gesamtkonzept einfügen. Bevor Bastian Krause uns begrüßen kann, hat dies bereits sein Hund Anton übernommen. Die ganze Atmosphäre erinnert eher an einen kleinen Familienbetrieb und weniger daran, dass dieses Unternehmen insgesamt neun Standorte in Deutschland und einen in Österreich verantwortet. Oder dass es 500 Mitarbeiter beschäftigt. Ein kontinuierliches Wachstum über die vergangenen zehn Jahre, seit der Gründung 2016, spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Mehr als 80.000 Arbeitgeber bieten Bikeleasing in ihren Unternehmen an, über vier Millionen Arbeitnehmer können das Angebot nutzen und rund 7000 Fahrradgeschäfte sind mittlerweile Partnerhändler.
2021, knapp fünf Jahre nach der Gründung, beteiligt sich die Brockhaus Technologies AG mit 52 Prozent an Bikeleasing. Der Unternehmenswert beläuft sich zu diesem Zeitpunkt auf 300 Millionen Euro. 2026 steigt Decathlon Pulse mit 65 Prozent ein und übernimmt die Brockhaus-Anteile. Der Unternehmenswert liegt inzwischen bei 525 Millionen Euro. Bastian Krause und Paul Sinizin, den wir im faktor bereits ausführlich vorgestellt hatten, bleiben weiterhin Geschäftsführer und für das operative Geschäft verantwortlich. Decathlon wird für Bikeleasing ein wichtiger strategischer Partner sein, um neue Märkte in Europa und darüber hinaus zu erschließen. Ein erster Schritt in Richtung Internationalisierung sind dabei die Beteiligungen an dem Bikeleasing-Anbieter Workride in Neuseeland sowie dem Mikromobilitäts­anbieter Ridepanda in den USA. Doch auch in Deutschland wächst Bikeleasing. Mit der Übernahme der Multibenefit-Plattform Probonio im Jahr 2024 hat das Unternehmen sein Angebot erweitert. Über Probonio können Arbeitgeber neben dem Dienstrad weitere Mitarbeiter-Benefits wie Firmenfitness, Essens- und Kita­zuschuss oder Sachbezug an einem einzigen digitalen Ort verwalten.
Eine Entwicklung, die er und der Mitgründer Paul Sinizin in der Anfangsphase nicht geahnt haben. „Als wir unseren ersten Leasingvertrag über zehn Fahrräder verkauft haben, haben wir gefeiert und gesagt: Jetzt starten wir durch“, erinnert sich Krause lachend. Er spricht von „wir“, immer wieder. Selbst dann, wenn er von den Anfängen erzählt, als er noch als Soloselbstständiger Partner gesucht hat, die ihn bei seiner Idee unterstützen.

Zwei Dinge sind es vor allem, die aus seiner Sicht hauptsächlich zum Erfolg des Unternehmens geführt haben. „Das eine ist zu erkennen, wo Chancen sind und Türen aufgehen könnten. Das andere, die richtigen Leute zusammenzubringen.“ Bastian Krause kennt den Uslarer Autohändler Maik Siebrecht – und der kennt Paul Sinizin. Long Story short: Während Krause eher der kreative Part ist, der bereits zum Zeitpunkt der Gründung seit zehn Jahren in der Fahrradbranche im Vertrieb unterwegs war, ergänzt Sinizin das entstehende Geschäfts­modell mit seiner Expertise als Industrieversicherungsmakler. Eine Kompetenzverteilung, die bis heute Bestand hat. Und eine anfängliche Geschäftsbeziehung ist heute eine enge Freundschaft. Die Zuständigkeiten sind geblieben: Krause verantwortet die Produktentwicklung und Vermarktung, während die Finanzen, das Leasing- und das Versicherungsgeschäft in Sinizins Händen liegen.
Es hat Monate gedauert, bis wir einen Termin für das Interview gefunden haben, der weit im Voraus geplant wurde. Jetzt sitzt uns der 48-Jährige entspannt gegenüber. „Ich denke immer, ich mache gar nicht so viel“, sagt er und denkt einen kurzen Moment nach. „Allerdings weiß ich gerade auch nicht, wann ich in den letzten zehn Jahren meine E-Mails mal nicht gecheckt habe.“ Immer wieder lässt er im Gespräch einfließen, dass er von Haus aus Unternehmer-Gene mitbekommen habe. Denn ursprünglich war sein Lebensweg anders vorgezeichnet. Nach der Schule macht er seine Ausbildung zum Fliesenleger im väterlichen Betrieb und mit 23 Jahren seine Meisterprüfung in Stuttgart. Wäre alles gelaufen wie geplant, hätte er irgendwann die Nachfolge des Vaters angetreten. Bei einem Snowboard-Unfall kurz darauf bricht er sich allerdings auf komplizierte Weise beide Hände. Fliesen legen kann er danach nicht mehr. Und für eine Doppelspitze neben seinem Vater ist der Betrieb zu klein. Zunächst auf nur unbestimmte Zeit begrenzt, so ist der Plan, geht Krause einen anderen Weg.
Es ist kein Zufall, sondern seine Fähigkeit, Chancen zu erkennen, dass er zum Fahrradhersteller Corratec in die Radbranche wechselt. „Ich habe eigentlich erst da meine Leidenschaft fürs Radfahren entdeckt“, sagt der inzwischen leidenschaftliche Gravelbike-Fahrer. „Zehn Jahre lang habe ich dann, nicht nur bei Corratec, Fahrradhelme verkauft, Fahrradschlösser, Flaschenhalter, Luftpumpen – viele Produkte, die ein bisschen lang­weilig oder auch schwierig sind“, sagt Krause. Was für manche Unternehmer eher Pflicht ist, scheint für Krause die Kür zu sein: Vertrieb und Kundenakquise. „Ich habe schnell einen guten Draht zu den Menschen – und gerade im Vertrieb hat mir das immer sehr geholfen“, sagt er.
Von Luftpumpen und Fahrradschläuchen ist er heute weit entfernt. „Im Bikeleasing hat uns der Vertrieb ­immer so viel Freude bereitet, dass wir fast gar nichts verkauft haben, sondern eigentlich was verteilt oder ­geholfen haben“, erzählt Krause. Doch auch er musste zu Beginn eine Lernkurve absolvieren.
Nachdem 2012 das sogenannte Dienstwagenprivileg auch auf Fahrräder und E-Bikes ausgeweitet wurde, fragte sich Krause, warum die Fahrradhändler diese Chance nicht nutzen und Leasing für Dienstfahrräder anbieten. Seine Konsequenz, „dann mache ich es selbst“, führte dazu, dass er seine Doppelgarage leerräumte und sie stattdessen mit Fahrrädern bis unters Dach vollstopfte. Mit Maik Siebrecht hatte er einen Leasingpartner, mit Paul Sinizin wenig später einen Versicherungspartner. Also zog er los und verleaste seine Fahrräder inklusive Full Service. Heute erzählt er gern die Geschichte, wie er wegen einer einzelnen losen Sattelschraube von Uslar nach Rostock gefahren ist. Viereinhalb Stunden hin und viereinhalb Stunden zurück: „Da hat man dann neun Stunden Zeit zu überlegen, ob das Modell irgendwie skalierbar ist“, erinnert er sich schmunzelnd. Das war vermutlich der Moment, in dem er tatsächlich anfing, unternehmerisch zu denken.

Seine Lösung ist so banal wie erfolgreich: Jeder macht das, was er am besten kann. Die Fahrradhändler übernehmen Beratung, Verkauf und Service, die Unternehmen stellen unkompliziert als Benefit das Dienstrad zur Verfügung und Bikeleasing ist die „Schaltzentrale, bei der Leasing, Versicherungen, Dokumentenmanagement und die Verbindung aller Beteiligten über die Bikeleasing-Plattform zusammenlaufen“, so Krause.
2016 gründen Bastian Krause und Paul Sinizin offiziell den Bikeleasing-Service. Die Feuerprobe wird bereits Anfang des zweiten Jahres ihr erster großer Kunde – SMA Kassel. „… und dann bin ich in diese Eingangshalle gekommen und habe nur gedacht, krass, wie im Raumschiff hier“, sagt Krause. Im Konferenzraum saßen ihnen zehn Herren gegenüber, alle in schwarzen Anzügen, mit Vertretern nicht nur aus der HR-Abteilung, sondern auch aus der Rechtsabteilung – das war eine völlig neue Welt. Und eine völlig neue Auftragsdimension. 100 Fahrräder als Testphase haben sie an diesem Tag ausgehandelt. „Wir haben dann in einem Hörsaal vor 100 Mitarbeitern erklärt, wie Bikeleasing funktioniert. Und wir standen vorn auf der Bühne, das war der Wahnsinn für uns“, sagt Krause. Ein wenig in Erinnerung versunken, ergänzt er: „SMA ist bis heute unser emotionalster Kunde.“ Eigentlich müsste Krause das gar nicht erwähnen, das ist zu spüren.
Doch was treibt Bastian Krause ursprünglich an? „Es gibt eines, was ich schon als Kind nicht gut konnte, und das ist verlieren. Ich glaube, das treibt mich auch heute noch an“, sagt der Unternehmer. Eigentlich müsste er schon längst nicht mehr arbeiten, wenn man es an dem wirtschaftlichen Erfolg misst. „Ja, das stimmt“, sagt er ganz unaufgeregt. Aber darum gehe es ihm gar nicht. Die Unfähigkeit, verlieren zu können, ist seine Triebfeder für Wachstum. „Wir wollen natürlich den einen oder anderen Mitbewerber überholen, wir wollen schneller sein, wir wollen besser sein als die anderen“, sagt er schlicht. Doch dabei gehe es ihm vor allem auch darum, dass er den 500 Mitarbeitern „einen sicheren Hafen“ bieten kann.

Bei allem unternehmerischen Erfolg, die Leidenschaft fürs Radfahren ist dem zweifachen Familienvater nicht verloren gegangen. Ganz im Gegenteil. „Wenn du mal wirklich weg bist, raus aus allem und dich irgendwo in den Bergen selbst versorgst, den ganzen Tag auf dem Rad sitzt, dann kriegst du wirklich den Kopf frei“, sagt Krause und erzählt von einer Bergtour in Kroatien, bei der er tatsächlich mal keine Mails gecheckt hat. Allerdings aufgrund von fehlendem Handyempfang, wie er _augenzwinkernd anmerkt. Sein Blick geht noch einmal zu der Tour-de-France-Fotografie an der Wand. Schotterstraßen, steile Anstiege und weiße Berggipfel. Auch er ist bereits einige Tour-de-France-Etappen nachgefahren, teilweise sogar mit einigen Mitarbeitern.
Und weitere Touren werden folgen, denn der Reiz, den nächsten Berg zu bezwingen, um auf dem Gipfel die Weite zu spüren, lässt niemanden mehr los, der es einmal erlebt hat. Auch nicht Bastian Krause. ƒ

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