Der Beamte im Urlaub

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

GWG-Geschäftsführer Klaus Hoffmann steht kurz vor seiner Pensionierung. faktor wirft einen Blick zurück – und nach vorn.

Genau genommen macht Klaus Hoffmann seit 20 Jahren Urlaub.

Denn als er 1992 die Geschäftsführung der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung mbH (GWG) in Göttingen übernahm, wurde er als Beamter lediglich beurlaubt.

„Im Prinzip habe ich also in meinem Urlaub für die GWG gearbeitet“, sagt Hoffmann und kann sich dabei ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Denn ein Urlaub war die Zeit sicher nicht.

Zwei Jahrzehnte lang hat der heute 65- Jährige die Wirtschaftslandschaft in und um Göttingen entscheidend mitgeprägt. Dabei hat er viele Erfolge gefeiert, aber auch Enttäuschung erlebt und gegen diverse Windmühlen gekämpft. So hatte Hoffmann zunächst die Aufgabe, die GWG bei den Fördermittelgebern zu etablieren.

Denn das unübliche Konstrukt als GmbH sorgte bei Bund und Land für geringe Akzeptanz.

Das erste Projekt

Dazu gestaltete sich der Start der ersten Projekte schwierig, Stichwort: Lokhalle. Hoffmann erinnert sich: „Wenn der Göttinger mit einem viergeschossigen Parkhaus nicht zurechtkommt, ist man schon genervt.“ Viele waren skeptisch, ob eine Veranstaltungshalle für 10.000 Besucher in Göttingen überhaupt Sinn macht.

Schließlich bot vorher die größte Halle Platz für 1.500 Besucher – die Lokhalle war ein Quantensprung. Und als es zu Beginn nicht gleich rund lief, wurden die negativen Töne lauter, und der Druck stieg.

Doch für solche Situationen hat Klaus Hoffmann eine klare Devise: „Schnauze halten und weiterarbeiten!“ Mit einer eindeutigen und fundierten Zielsetzung sowie einem unbeirrbaren Glauben führte er die Lokhalle gemeinsam mit seinem Team zum Erfolg. Das Schlüsselerlebnis war die ,Wetten dass!‘-Sendung im Jahr 2001.

Danach ging es steil bergauf. „Jeder wollte auf einmal in die Lokhalle – sogar die ehemaligen Kritiker“, erinnert sich Hoffmann.

Heute ist die Lokhalle nicht mehr wegzudenken. „Und wenn ein Projekt erst einmal zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, lässt sich die Arbeit richtig genießen.“

Früh habe er erkannt, dass die Früchte der Entwicklungsarbeit nicht in den ersten fünf Jahren kassiert werden.

Vielmehr gehe die Saat erst nach zehn oder sogar mehr Jahren auf. Da heißt es, Geduld haben. Für Menschen wie Hoffmann, die immer auf der Suche nach Ansätzen zur Weiterentwicklung sind und etwas bewegen wollen, nicht immer ganz einfach.

Dennoch hat er die für ihn größte Tugend seines Jobs meistens aufgebracht. Geholfen hat ihm die stets breite Unterstützung der Politik. Die Projekte, bei denen in den politischen Gremien Kampfabstimmungen nötig waren, könne er dagegen an einer Hand abzählen.

„Die einfache Mehrheit war mir immer zu wenig. Ich wollte eine breite Mehrheit, in der ich zumindest alle großen Parteien überzeugten konnte.“

So konnte die GWG auch die ,Saure-Gurken-Zeit‘ bei anderen Projekten, wie dem Science Park, überbrücken. Als hier der dritte Bauabschnitt im Rohbau stand, gingen drei Firmen Pleite. Es dauerte drei Jahre, bis der Motor wieder ansprang.

Die GWG blieb hartnäckig und war überzeugt, dass es aus Universität und Instituten Ausgründungen geben würde, die den Platz benötigten. „Und heute denken wir schon wieder über eine Erweiterung nach“, sagt Hoffmann zufrieden.

Die Liste der Vorzeigeobjekte ist lang

Die Liste der Vorzeigeobjekte, die in Hoffmanns Amtszeit zu einem Erfolg wurden, ist lang. Aber natürlich gab es auch Rückschläge. Wie zum Beispiel die Spitzenclusterbewerbung um Measurement Valley.

Das Projekt war mit großen Erwartungen gestartet. „Letztendlich waren die Unternehmen aber nicht bereit, mehr in den Verbund zu investieren“, berichtet Hoffmann. Denn es seien die Unternehmen, die als Treiber fungieren müssten.

Die GWG könne lediglich als Initiator und Backoffice dienen. Es habe ihn schon sehr enttäuscht, dass aus der Teilnahme am Wettbewerb noch nicht einmal ein funktionierendes Netzwerk entstanden sei.

„Daran zeigt sich: Entwickeln ist auch immer ein bisschen wie Fischen im Karpfenteich“, sagt Hoffmann.

Doch trotz Rückschlägen, ans Aufhören hat er nie gedacht.

Auch nicht in den Zeiten, als die Übernahme durch die WRG drohte oder die GWG öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt war.

„In solchen Zeiten darf man sich nicht entmutigen lassen“, sagt Hoffmann und fügt hinzu: „Ganz im Gegenteil, gerade in der Krise heißt es: Gas geben.“

Wechselseitige Beziehungen und großes Vertrauen

Natürlich verzweifelte auch er manchmal an den Rahmenbedingungen und hatte als Entwickler „wenig Verständnis für 47 Prüfungen, Gutachter und Stellungnahmen“. So ginge es auch vielen Unternehmern.

Deshalb sei es wichtig, sowohl das Verständnis innerhalb von Verwaltung und Politik für die Belange der Wirtschaft wachzuhalten als auch im Umkehrschluss die Unternehmen für die Wege in der Verwaltung zu sensibilisieren. „Ein unverzichtbarer Brückenschlag“, wie Hoffmann feststellt.

Gute Beziehungen bilden hier die Grundlage. Diese hat der GWG-Geschäftsführer stets unter dem Motto aufgebaut: „Es gibt immer noch einen Tag danach, und man trifft sich immer mehrmals.“

Auf diese Weise hat er es geschafft, wechselseitige Beziehungen und großes Vertrauen aufzubauen.

Dies gilt gleichermaßen auch für die Zusammenarbeit mit Partnern und Mietern. Denn diese sind für die Arbeit der GWG existenziell. Ein Beispiel ist Novelis im Zusammenhang mit dem Güterverkehrszentrum (GVZ).

Das ehrgeizige Projekt, das lange scharf kritisiert wurde, bekam durch eine Novelis-interne Umstrukturierung der Logistik einen entscheidenden Schub. „Heute stehen die Container schon zweistöckig auf dem Umladeplatz“, freut sich Hoffmann.

Mit dem GVZ hat es Göttingen auf die deutsche Logistiklandkarte geschafft – ein Verdienst der GWG. Insgesamt hat die GWG bei Geldgebern, in der Politik sowie bei Partnern und Mietern einen ausgezeichneten Ruf. Bei den Mietern zeigt sich dies in einer sehr geringen Fluktuation. So ist z.B. das Technologie- und Gründerzentrum der GWG, das GöTec, meist ausgebucht.

Das liege nicht an niedrigen Mieten, denn diese seien angemessen.

„Vielmehr merken die Mieter, dass wir uns um unsere Immobilien kümmern und den Unternehmen dazu noch eine vernünftige Betreuung bieten.“ Darüber hinaus hat die GWG Stärken in den Bereichen Marketing und Werbung entwickelt.

Denn diese sind für die Institution existentiell. Bis zu sechs Millionen Euro müssen jährlich in die Kassen kommen, um die Leistungen zu finanzieren.

Die Suche nach dem Nachfolger

Dass sich die GWG auch über die Grenzen der Region hinaus einen Namen gemacht hat, zeigte sich u.a. bei der Suche nach dem Nachfolger von Klaus Hoffmann. Mit 20 Bewerbungen hatte er gerechnet, am Ende waren es 63, wovon er 20 als sehr gut einstufte.

„Darin wurde deutlich, dass den Bewerbern die Standortqualität bewusst ist“, sagt Hoffmann. Dies zeigt, dass die Botschaften der GWG bereits Früchte tragen. „Aber noch immer treffe ich Unternehmer, die von unseren Mietobjekten oder Fördermöglichkeiten nichts wissen“, sagt Hoffmann.

Dementsprechend sei die Arbeit für das ehrgeizige und motivierte Team noch lange nicht beendet.

In Zukunft sieht Hoffmann die GWG vor einer Umstrukturierung. Diese ist eng mit aktuellen Themen verknüpft. Dabei geht es um das GVZ III und die Öffnung der Universität zur regionalen Wirtschaft.

Hier liege laut Hoffmann großes Potenzial, und mit der neuen Universitätspräsidentin, Ulrike Beisiegel, sei auch die richtige Kraft am Ruder. „Da entsteht eine Brücke, die es auszubauen gilt.“

Als wichtigstes Thema nennt Hoffmann allerdings die Koordination des regionalen Auftritts Göttingens und der gesamten Region auf nationaler und internationaler Ebene.

Die darin involvierten Institutionen, wie die SüdniedersachsenStiftung, seien für diese Aufgabe noch unzureichend ausgestatten. „Hier müssen alle bereit sein, mehr Geld in die Hand zu nehmen.“

Es sei wichtig, Südniedersachsen als Logistik-, IT- oder Biotechnologiestandort besser zu bewerben.

Mit Erfahrung und Wissen

Ob und in welchem Umfang Hoffmann selbst an den Maßnahmen beteiligt ist, steht noch nicht fest. Eins ist aber klar: „Ich habe meiner Nachfolgerin Ursula Haufe bereits angeboten, meine Erfahrung und mein Wissen als Berater weiterhin zur Verfügung zu stellen.“

Und da dieses Angebot offenbar auf positive Resonanz gestoßen ist, bleibt Hoffmann der Region zunächst erhalten.

„Ich habe auch keinen Fluchtreflex und möchte auch nicht nach Mallorca auswandern“, sagt er. Ein wenig mehr Zeit für die Enkel, für das Segeln und für mehr Engagement im ehrenamtlichen Bereich, wie im Beirat der BG Göttingen, soll aber drin sein.

„Insgesamt wird sich mein Leben vermutlich etwas vereinfachen, aber nicht radikal verändern.“

Über eines freut sich Hoffmann übrigens besonders, wenn am 31. Oktober sein , Beamtenurlaub‘ bei der GWG endet. „Es ist ein Segen, im Guten aus diesem Job auszuscheiden und von allen Seiten mit Respekt behandelt zu werden.“

Für diesen Respekt hat der 65-Jährige auch viel investiert, durch seine kontinuierliche Arbeit, die vielen erfolgreichen Projekte und die sanfte Pflege vieler guter Beziehungen.

Zum Interview mit der neuen Geschäftsführerin der GWG Ursula Haufe