Der “Basta-Präsident“

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Belinda Helm

Führungswechsel an der Georgia Augusta. Mit Kurt von Figura verabschiedet sich Endes des Jahres 2010 ein umstrittener Uni-Präsident – eine Bilanz.

Fünf Jahre lang war er der Kopf. Ohne Wenn und Aber. Aber nicht unumstritten. Am 31.Dezember 2010 endet die Amtszeit des Göttinger Universitätspräsidenten Kurt von Figura.

Ein Rückblick:
Unter von Figura wurde die Georg-August-Universität Göttingen zur Elite. Eine Auszeichnung höchster Güte. Im vergangenen Jahr dann aber das: 16 Göttinger Wissenschaftler sollen in einem Antrag auf Forschungsförderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) falsche Angaben über Publikationen gemacht und teilweise Veröffentlichungen erfunden haben. Der Ruf der Universität sei „erheblich beschädigt worden“, sagte Figura in einer Stellungnahme. Laut dem Göttinger Oberstaatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner können sich die laufenden Ermittlungen noch über Monate hinziehen.

Die damalige DFG-Ombudsfrau und ab Januar 2011 zukünftige Präsidentin der Georgia Augusta, Ulrike Beisiegel, die sich seit 2005 mit Fragen wissenschaftlichen Fehlverhaltens beschäftigt, äußerte bei Bekanntwerden der Vorwürfe gegenüber Spiegel-Online, dass sie immer wieder Fälschungsversuche auf den Tisch bekomme. Göttingen sei da kein Einzelfall. Von Figura reagierte schnell: Um einen Eklat zu vermeiden, zog er, selbst Spitzenforscher und langjähriger Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft, unmittelbar Konsequenzen. Die Hochschule nahm ihren Antrag auf 8,6 Millionen Euro Forschungsgelder zurück. Zudem leitete die Universität eine Untersuchung und Schritte zur Verbesserung des Qualitätsmanagements ein.

Und auch als Stimmen laut wurden, Figura hätte von den Fälschungen gewusst, blieb er gelassen. Der Universitätspräsident kennt sich aus mit steinigen Wegen. Die Flinte frühzeitig ins Korn zu werfen – das ist nach Ansichten vieler Kollegen und Weggefährten nichts für den vierfachen Vater. Der 66-Jährige geht gern steinige Wege: Schon kurz nach Amtsantritt 2005 scheute er sich nicht vor einer Umstrukturierung der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die viele Studenten und Wissenschaftler als Provokation empfanden. Andere bewundern seine klare Linie. Von Figura polarisiert.

Ende des Jahres 2010 verabschiedet sich der umstrittene Präsident.

faktor wollte wissen, wie die Zusammenarbeit mit ihm wirklich ablief und hat sich bei Weggefährten, Kollegen und Kritikern umgehört:

Prof. Cornelius Frömmel, Dekan der Universitätsmedizin Göttingen: „Man sollte wissen, dass mich mit Professor von Figura einiges verbindet. Zuerst haben wir beide Medizin studiert und sind nach dem Studium in die Biochemie gewechselt. Daraus ergibt sich sicherlich eine gewisse Grundübereinstimmung. Als Prodekan für Forschung der Berliner Charité hatte ich außerdem Gelegenheit, mit Professor von Figura in hochschulplanerischen Fragestellungen, es ging um die Struktur der Berliner Hochschulmedizin, zusammenzuarbeiten. Er war damals Mitglied der Expertengruppe zur Strukturreform in Berlin.

Vor sechs Jahren klingelte unerwartet mein Telefon, und er fragte mich ohne lange Vorrede, ob ich mir vorstellen könne, Dekan der Universitätsmedizin Göttingen zu werden. Ich war ziemlich perplex und antwortete, so eine Möglichkeit müsse ich erst zu Hause besprechen. Meine Frau hat diese Herausforderung auch gern angenommen. So gesehen ist von Figura die Ursache dafür, dass ich mittlerweile seit fünf Jahren hier in Göttingen bin.

Unsere Art zu arbeiten, unterscheidet sich aber voneinander: Während Kurt von Figura eher einem Solo-Geiger gleicht, kümmere ich mich gern um die Mittelstimmen. Manchen ist das zu wenig für einen Dekan. Wenn es diese Kritiker tröstet, kann ich darauf verweisen, dass diese Ansicht auch von Johann Sebastian Bach vertreten wurde: Mittelstimmen sind das Schwierigste. Beide zusammen ergeben erst wunderbare Musik.
Unsere Zusammenarbeit lief einfach perfekt, man verstand sich oft blind, hat- te vielfach gemeinsame Zielsetzungen. Ich schätze seine visionäre Art, seine Konsequenz und seine, wenn notwendig, Härte in Diskussionen. Ich hoffe, dass er uns als freundlich gewogener, aber
deutlicher Kritiker erhalten bleibt. Und wünsche ihm, dass er die nun gewonnene freie Zeit nutzen kann – für künstlerische, kulturelle und sonstige menschliche Herausforderungen.“

Prof. Reinhard Jahn, MPI für biophysikalische Chemie und Honorarprofessor an der Biologischen Fakultät der Universität:
„Herr von Figura ist ein führungsstarker Präsident, der kompromisslos auf Qualität in Forschung, Berufungen und Lehre gesetzt hat. Es ist im Wesentlichen sein Verdienst, dass Göttingen im Wettbewerb um den Elite-Label erfolgreich war, er hat die im Wettbewerb erfolgreichen Konzepte konsequent umgesetzt. Besonders hervorzuheben ist sein Engagement für eine gute Zusammenarbeit zwischen Uni und außeruniversitären Instituten, und zwar nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Ausbildung von Doktoranden. Zwar konnte er hier auf ein von seinem Vorgänger, Profes- sor Kern, gelegtes Fundament aufbauen. Es ist aber im wesentlichen von Figura zu verdanken, dass wir in Göttingen bezüglich der Integration der Doktorandenausbildung bundesweit zum Vorbild geworden sind.

Kurt von Figura hat sich nie in seinem Ziel beirren lassen, die Leistungen und die Anerkennung der Universität voranzutreiben. Dabei fallen gelegentlich Späne. Professoren sind nun einmal Individualisten, und natürlich gibt es ab und zu auch Ärger über die eine oder andere Handlung und Entscheidung eines führungsstarken Präsidenten. Die Ziele waren und sind aber richtig. Ich zolle Herrn von Figura hohen Respekt für das, was er für die Göttinger Forschungs- und Lehrlandschaft geleistet hat. Seiner Nachfolgerin, Frau Professor Beisiegel, wünsche ich eine gute Hand und viel Erfolg.“

Andreas Sorge, Physiker und ehemaliger AStA-Vorsitzender: „2007 hatte Kurt von Figura mich gebeten, bei der Exzellenzinitiative mitzuwirken. Ziemlich schnell habe ich festgestellt, dass von Figura in seiner Art sehr direkt ist, nur selten ein Blatt vor den Mund nimmt. Das war erfrischend. Und er war immer offen für Vorschläge.

Er hat forschungsstrategisch für die Uni viel erreicht und für die Exzellenzinitiative die richtigen Leute herangeholt. Für die gelungene Umsetzung guter Ideen braucht es jedoch mehr, es mangelte an der Kommunikation nach außen. Wie ein Konzept an der eigenen Uni wirkt, was Kollegen und Studierende davon halten, die nicht zum innersten Kreis um Figura gehörten, wurde eher selten berücksichtigt. Von Figura ist ein Visionär und „Basta-Präsident“ – letztendlich hat er den selben Fehler wie Gerhard Schröder gemacht: Mit der Basis wurde nur unzu- reichend kommuniziert.

Ich hoffe, dass uns von Figura als Graue Eminenz noch eine Weile erhalten bleibt und er Frau Beisiegel als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Vielleicht hat er ja sogar Lust, wieder Forschung zu betreiben. Das würde mich als Physiker sehr freuen.“

Zur Person Kurt von Figura:

Kurt von Figura wurde am 16.Mai 1944 in Heiningen/Baden-Württemberg geboren. 1963 beginnt er mit dem Medizinstudium und promoviert 1970 an der Universität Tübingen. Am Physiologisch-Chemischen Institut der Universität Münster, wo er von 1971 bis 1986 beschäftigt ist, habilitiert er sich 1975.

1986 übernimmt von Figura eine Professur für Biochemie (C4) am Zentrum Biochemie und Molekulare Zellbiologie, Abteilung Biochemie II, der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. 1989 wird er an die Biologische Fakultät kooptiert. Seit 2005 ist der vierfache Familienvater Präsident der Georgia Augusta in Göttingen.