Der Anwalt der Wirtschaft

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Heidi Niemann

Die Wirtschaft stärken, dabei aber nie die Schwachen aus dem Blick verlieren: Dies ist die Maxime von Clemens Freiherr von Wendt. 26 Jahre lang hat er als Hauptgeschäftsführer an der Spitze des Arbeitgeberverbandes Mitte gestanden, jetzt geht der 67-Jährige in den Ruhestand.

Wenn Clemens Freiherr von Wendt sich für etwas entschieden hat, dann bleibt er dabei. Seine Biografie ist durch eine bemerkenswerte Stetigkeit geprägt.

Er hat nie die Universität gewechselt, sondern seine gesamte Studienzeit in Bonn verbracht, wo er Jura und Politikwissenschaften studierte. Nach Referendariat und zweitem Staatsexamen war er kurzzeitig in einer Bonner Anwaltskanzlei tätig.

Dann zog es ihn nach Göttingen – und hier blieb er. Bis zum Eintritt in den Ruhestand hat von Wendt weder den Standort noch den Arbeitgeber gewechselt.

Insgesamt war er fast 34 Jahre in der Geschäftsstelle des Arbeitgeberverbandes in Göttingen tätig. Auch privat setzt der 67-Jährige auf Beständigkeit: Er ist seit mehr als 35 Jahren verheiratet, mittlerweile Vater von sechs erwachsenen Kindern und Großvater von drei Enkeln, ein viertes Enkelkind wird demnächst erwartet.

Seit seinem Wechsel nach Göttingen ist die Familie nur ein einziges Mal umgezogen, von Barterode nach Güntersen, und das ist nun auch schon mehr als 25 Jahre her.

Der Arbeitgeberverband

Mehrfach gewechselt hat dagegen der Name des Arbeitgeberverbandes.

Als Clemens von Wendt am 1. Januar 1980 seine Tätigkeit als Syndikus aufnahm, firmierte dieser noch unter der Bezeichnung ,Allgemeiner Arbeitgeberverband Südhannover‘.

Der aus dem Landkreis Meschede stammende Jurist hätte damals auch woanders hingehen können. „Ich hatte mich bei drei unterschiedlichen Arbeitgeberverbänden beworben und überall eine Zusage erhalten.“

Trotz attraktiver Alternativen entschied er sich für die Universitätsstadt Göttingen und gegen Hamburg und Wiesbaden. „In Göttingen hatte ich die Option, Nachfolger des Geschäftsführers werden zu können“, erzählt der Jurist.

„Diese Perspektive gab für mich den Ausschlag.“ Die Stelle in Göttingen wird eine Stelle fürs Leben. Genau 33 Jahre und neun Monate wird von Wendt in der Geschäftsstelle wirken, 26 Jahre davon als Hauptgeschäftsführer.

In dieser Zeit gewinnt der Verband stark an Bedeutung: „Anfangs hatten wir 300 Mitglieder, heute sind es etwa 800″, sagt von Wendt. Dieser Zuwachs hat sich auch auf die Arbeit der Geschäftsstelle ausgewirkt: Zu Beginn seiner Tätigkeit war von Wendt dort einer von zwei Juristen, heute kümmern sich vier Juristen um die im Arbeitgeberverband organisierten Unternehmen.

Eine der Hauptaufgaben des Verbandes ist es, die wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialpolitischen Interessen seiner Mitgliedsfirmen gegenüber Politik, Behörden, Gewerkschaften und Gesellschaft zu vertreten.

„Mir war es immer wichtig, die Region wirtschaftlich nach vorn zu bringen“, sagt der Hauptgeschäftsführer. „Wenn es den Betrieben gut geht, geht es auch den Menschen gut.“ Der Arbeitgeberverband fungiert aber nicht nur als Sprachrohr der Unternehmen gegenüber der Öffentlichkeit, sondern auch als interner Berater und Betreuer.

„Wir sind der direkte Ansprechpartner für alle Betriebe“, erläutert von Wendt. „Wir beraten und unterstützen unsere Mitglieder in allen Fragen des Arbeits- und Sozialrechts.“

In den meisten Fällen geht es um personalrechtliche Fragen, z.B. um Einstellungen oder Kündigungen von Mitarbeitern, Änderungen von Arbeitsverträgen, Versetzungen oder auch um die Zusammenarbeit mit Betriebsräten und Gewerkschaften.

Auch bei der Gestaltung ihrer Betriebsstrukturen können sich die Unternehmen Tipps und Unterstützung holen. 1986 benennt sich der AGV um in ,Arbeitgeberverband Südniedersachsen e.V.‘.

Im Oktober 1987 wird von Wendt Hauptgeschäftsführer, nachdem sein Vorgänger in den Ruhestand gegangen ist. Kurze Zeit später bricht die spannendste Zeit seines Berufslebens an: Im November 1989 fällt die Mauer.

Die ostdeutschen Länder stehen vor der Herausforderung, nach mehr als 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft die bisherigen Produktionsgenossenschaften, Handwerkskollektive, Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) und Kombinate in wettbewerbsfähige Privatbetriebe umzuwandeln.

„Wir haben damals viel Entwicklungshilfe bei der Neugründung sowie der organisatorischen und arbeitsrechtlichen Ausgestaltung von Firmen in Thüringen geleistet“, erzählt von Wendt.

Der Arbeitgeberverband in Göttingen macht die neuen Unternehmen in den Regionen Heiligenstadt, Nordhausen, Sondershausen und anderen Orten Ostdeutschlands mit dem westlichen Arbeits- und Sozialrecht bekannt und unterstützt sie beim Aufbau ihrer betrieblichen Strukturen.

„Ziel war es, die Menschen, die Verantwortung in den Unternehmen übernahmen, fit zu machen für die Anforderungen der Marktwirtschaft und das sie tragende Rechtssystem. Das galt auch für staatliche Institutionen wie zum Beispiel die Arbeits- und Sozialgerichte, wo ehrenamtliche Arbeitgeberbeisitzer zu benennen und zu schulen waren.“

Der große Einsatz

Der große Einsatz des Arbeitgeberverbandes habe dort einen starken Eindruck hinterlassen: „Die Firmen waren nicht nur sehr dankbar, sondern auch verblüfft darüber, wie viel geballte Kompetenz und ehrliches Engagement sie für einen relativ geringen Mitgliedsbeitrag bekamen.“

Durch die zahlreichen Beitritte von Firmen aus den neuen Bundesländern verändern sich die regionalen Strukturen des Verbandes. Das Kerngebiet reicht nun weit über Südniedersachsen hinaus bis nach Nord-West-Thüringen.

Der Verband trägt diesem Wandel Rechnung, indem er sich 1993 in ,Arbeitgeberverband Mitte e.V.‘ umbenennt – „weil unser AGV genau in der Mitte Deutschlands liegt und die Unternehmen im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stehen“, sagt von Wendt.

Er hat die gemeinsame Aufbauarbeit als ungemein bereichernd empfunden. „Dass wir dann auch den thüringischen Bereich in unseren Verband integrieren konnten, war eine der schönsten Erfahrungen meines Berufslebens.“

Festredner bei der Mitgliederversammlung, in der die Namensänderung beschlossen wurde, war denn auch der damalige Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, Bernhard Vogel, der sich sehr lobend über die grenzüberschreitende Aufbauarbeit äußerte.

Auch in seiner sonstigen Arbeit hat der Hauptgeschäftsführer immer Wert darauf gelegt, dass die Arbeitgeberorganisation über den eigenen Tellerrand hinausblickt und gesellschaftspolitische Verantwortung übernimmt.

Der Verband engagiert sich nicht nur in zahlreichen Organisationen und Einrichtungen zur regionalen Wirtschaftsförderung wie beispielsweise der Südniedersachsenstiftung, dem MEKOM-Regionalmanagement, dem Regionalverband Measurement Valley oder den diversen Cluster- Initiativen, sondern unterstützt auch Kultureinrichtungen in der Region. Kultur sei einer der wichtigen „weichen“ Standortfaktoren, meint von Wendt.

„Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Beständigkeit dieser Einrichtungen sichergestellt ist.“

Ein weiterer Tätigkeitsschwerpunkt ist der Bereich Schule und Ausbildung. Der Verband beteiligt sich z.B. an den Berufsinformationstagen, engagiert sich im Bildungswerk der niedersächsischen Wirtschaft und bei der Praxisbörse der Universität, vermittelt Patenschaften zwischen Schulen und Unternehmen und fährt auch schon mal 600 Schüler aus Südniedersachsen zur Ideen- Expo 2011 nach Hannover.

„Wir müssen nachhaltige Strukturen schaffen, die auch Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern die Chance auf eine erfolgreiche schulische und berufliche Ausbildung bieten“, sagt von Wendt. „Um dies zu erreichen, braucht man nicht nur gute Ideen, sondern auch ein gutes Netzwerk – auch und gerade mit den Kommunen und freien Trägern.“

Daneben engagiert er sich aber auch ganz persönlich für benachteiligte Kinder und Jugendliche: Nach dem Motto ,Es gibt nichts Gutes, außer man tut es‘ betreut er als Mentor im Rahmen des Rotary-Clubs Göttinger Hauptschüler, die einer besonderen Unterstützung bedürfen. „Das ist eine sehr interessante Aufgabe.“

Unzählige andere Funktionen und Ehrenämter

In seiner Funktion als Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes hat er auch unzählige andere Funktionen und Ehrenämter inne gehabt, beispielsweise im Verwaltungsausschuss der Agentur für Arbeit, im Verwaltungsrat der AOK oder im Kuratorium der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

„Ein 12-Stunden-Arbeitstag ist für mich eigentlich immer die Regel gewesen“, meint von Wendt.

Das breit gefächerte Engagement habe sich in jedem Fall bezahlt gemacht: „Wir haben uns einen hohen Bekanntheitsgrad und ein hohes Ansehen erarbeitet, nicht nur durch unsere juristische Kompetenz, sondern auch dadurch, dass wir sozial politische Verantwortung leben.

Sowohl die öffentlichen Stellen als auch die privaten Betriebe und Einrichtungen arbeiten alle gerne mit uns zusammen.“

Auch das Verhältnis zu den Gewerkschaften sei im Laufe der Jahre sehr viel sachlicher und entspannter geworden: „Wir arbeiten gut zusammen und haben einen sehr professionellen Umgang miteinander.“ Über diese vielfältigen Aktivitäten ist seine Familie allerdings häufig zu kurz gekommen.

„Hier habe ich einiges nachzuholen“, sagt von Wendt. Außerdem will er künftig viel lesen, reisen, öfter mal auf die Jagd gehen und sich auch weiter sozial durch „selbstloses Dienen“ im Rotary-Club und im Malteserorden engagieren.

Nebenbei will er, wenn auch nur „mit gebremstem Schaum“, weiter als Rechtsanwalt tätig sein, insbesondere im Bereich Unternehmensberatung und -sanierung.

Zum 1. Oktober wird seine bisherige Stellvertreterin Kirsten Weber die Gesamtverantwortung übernehmen (siehe Kurzinterview). Die Rechtsanwältin ist bereits rund 20 Jahre als Geschäftsführerin für den Arbeitgeberverband tätig gewesen.

Von Wendt hält große Stücke auf seine Nachfolgerin: „Durch ihre Kompetenz und ihr Engagement genießt sie schon seit langer Zeit hohes Ansehen, sowohl bei den Mitgliedern als auch in der Öffentlichkeit.“


Kurzinterview

Kirsten Weber tritt am 1. Oktober die Nachfolge von Clemens Freiherr von Wendt an.

Die künftige Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Mitte hat in Göttingen Betriebswirtschaft und Jura studiert. Bereits während ihres Referendariats absolvierte sie eine Wahlstation bei den Arbeitgeberverbänden in Göttingen.

Nach dem 2. Juristischen Staatsexamen trat sie im Februar 1993 als Syndica bei der AGV Mitte ein. Ab 2007 leitete sie die Rechtsabteilung eines Unternehmens der Callcenter-Branche in Karlsruhe mit deutschlandweit 10.000 Mitarbeitern.

2008 kehrte sie als Geschäftsführerin des AGV Mitte nach Göttingen zurück. Kirsten Weber ist Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre zukünftige Aufgabe gesetzt?

Wir wollen unsere Serviceleistungen, zum Beispiel im Bereich Personalentwicklung, weiter ausbauen, um unseren Mitgliedern noch mehr bieten zu können. Hierzu gehört auch die Fortbildung unserer eigenen Mitarbeiter, damit weitere Kompetenzen abgefragt werden können. Außerdem wollen wir weitere Mitglieder gewinnen und versuchen, sie verstärkt miteinander ins Gespräch zu bringen.

Was werden die größten Herausforderungen für die Arbeitgeber der Region in den kommenden Jahren sein?

An erster Stelle steht der Fachkräftemangel vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Wir werden zudem große Anstrengungen unternehmen müssen, um möglichst viele Menschen ins Erwerbsleben zu integrieren. Deshalb müssen wir verstärkt über moderne, manchmal auch mutige Instrumente der Personalarbeit zur Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiterbindung diskutieren und Schüler aller Schultypen möglichst früh für die Belange der Wirtschaft interessieren.

Was ist Ihr Rezept, um trotz Ihrer vielen Funktionen und Ehrenämter eine ausgewogene ,Work-Life-Balance‘ zu erreichen?

Wann immer möglich, arbeite ich im Garten. Und Urlaub heißt für mich wirklich Urlaub. Ich entziehe mich dann allem, was mit der Arbeit zu tun hat. Dafür hat nicht jeder Verständnis, aber man muss lernen, auch damit klarzukommen.