Der 100-Jährige, der durch Europa reist
Leon Weintraub hat den Holocaust überlebt. Der 100-Jährige bezeichnet sich selbst als „lebendiges audio-visuelles Lehrhilfsmittel“: Noch immer besucht er regelmäßig Schulen, um die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Zu Göttingen hat er eine besondere Beziehung.
Zur Person
Leon Weintraub wurde am 1. Januar 1926 im polnischen Łódź geboren. Sein Vater starb 1927, seine Mutter kümmerte sich um ihn und seine vier älteren Schwestern. Kurze Zeit nach dem Einmarsch der Wehrmacht am 8. September 1939 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Litzmannstadt (deutscher Name für Łódź) zwangsumgesiedelt. 1944 wurden die Weintraubs zusammen ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und voneinander getrennt. In einer riskanten Aktion gelang es ihm, sich einem Gefangenentransport in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anzuschließen, wodurch er dem Tod in Auschwitz entkam. Weitere Stationen waren Flossenbürg und Natzweiler-Struthof.
Bei einem weiteren Transport Richtung Bodensee gelang Weintraub zusammen mit anderen Flüchtlingen die Flucht, nachdem ihr Zug beschossen worden war. Nach Kriegsende erfuhr er durch einen glücklichen Zufall, dass drei seiner Schwestern, die ihn für tot hielten, im Lager für Displaced Persons in Bergen-Belsen sind. Dorthin schlug er sich durch.
Im Rahmen eines Förderprogramms für befreite KZ-Häftlinge nutzte er die Möglichkeit, Medizin in Göttingen zu studieren und spezialisierte sich auf Gynäkologie („Ich hatte so viel Tod und Leid gesehen, ich wollte neues Leben entstehen sehen!“). Er heiratete Katja Hof, mit der er 1948 den ersten ihrer drei Söhne bekam. 1950 kehrte er nach Polen zurück, holte seine Familie nach und arbeitete in einer Frauenklinik in Warschau. Wegen antisemitischer Maßnahmen verlor er 1969 seine Stelle als Oberarzt und emigrierte mit seiner Familie nach Schweden, wo er bis heute lebt. Sechs Jahre nach dem Tod seiner Frau Katja heiratete er Evamaria.
In Schweden und vielen anderen Ländern berichtet er seit den 1990er-Jahren als Zeitzeuge vom Holocaust. Weintraub ist Autor des Buches „Die Versöhnung mit dem Bösen“. Darin berichtet er der Journalistin Magda Jaros von seiner Kindheit und der Nachkriegszeit, dem Studium der Medizin in Göttingen, seiner Karriere in Polen und seiner Auswanderung nach Schweden aufgrund der antisemitischen März-Unruhen 1968 in Polen (292 S., 13 Abb., erschienen im Wallstein-Verlag, ISBN 978-3-8353-5232-2, 28 Euro). Weintraub wurden das Bundesverdienstkreuz am Bande (2004), das Bundesverdienstkreuz erster Klasse (2024) sowie die Paracelsus-Medaille (2023) verliehen.
Ich merke doch langsam, dass ich anfange, alt zu werden. Aber für mein Alter geht es mir ausgezeichnet“, antwortet Leon Weintraub auf die Einstiegsfrage nach seinem Befinden. Das mitschwingende schalkhafte Augenzwinkern blitzt in dem zugleich beeindruckenden wie auch oft schockierenden Gespräch des Öfteren auf – über zwei Stunden nimmt er sich Zeit für den faktor. Auch wenn man weiß, dass der am 1. Januar dieses Jahres 100 Jahre alt gewordene Holocaustüberlebende inzwischen über viel Erfahrung im Berichten über seine schreckliche Zeit in mehreren Konzentrations- und Gefangenenlagern der Nationalsozialisten verfügt, verblüfft diese Art des unerwarteten Humors doch hier und da. Zwar mildert er so den Schrecken seiner Erlebnisse nicht, erleichtert aber die Verarbeitung ein wenig. Diese Erleichterung ist wichtig, denn schließlich will er vor allem die junge Generation erreichen. Ihr möchte er vermitteln, wie dringend es ist, die Geschichte der Judenverfolgung ein für alle Mal zu beenden. Mit seinem speziellen Humor gelingt es ihm, das Interesse von Kindern für das Thema zu wecken und sie zu sensibilisieren. So überfordert er die jungen Zuhörer nicht. Seine inzwischen jahrzehntelange Erfahrung in ungezählten öffentlichen Veranstaltungen hilft ihm dabei.
Herr Dr. Weintraub, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 100. Geburtstag! Wie haben Sie ihn gefeiert?
Vielen Dank. Ich hatte etwa 100 Gäste aus aller Welt zu Gast: ein Rabbiner, ein Vertreter der Evangelischen Kirche, ein Mitglied der Katholischen Hochschule am Niederrhein, ein Agnostiker – Menschen aus mehreren Ländern und mit vielen Berufen. Und vor allem waren meine Frau, meine vier Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel da. Sehr gefreut habe ich mich über den Geburtstagsgruß der Bundesärztekammer, und kürzlich erreichte mich sogar noch ein Geburtstagsgruß vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier – wohl etwas verspätet, weil er über die Botschaft kam.
Macht Sie das glücklich, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen?
Ich empfehle den Menschen, so alt zu werden. Dann erhält man so viel Aufmerksamkeit. Glück ist ein zu starker Begriff. Aber es macht mich echt zufrieden.
Wenn man sich Ihr Leben vor Augen führt, ist es kaum zu fassen, dass Sie dieses Alter erreichen konnten und noch so gut in Form sind.
Ich tue alles, um so alt zu werden, und habe gerade meinen dritten Krebs überwunden. Als Arzt weiß ich, worauf ich achten muss: Ich trinke höchstens mal einen kleinen Schluck Wein, ernähre mich gesund und so weiter.
Der Jubilar spricht über die guten Gene in seiner Familie. Die haben offenbar auch zu seinem Überleben und dem seiner drei Schwestern im Konzentrationslager beigetragen. Er selbst wurde nach der Befreiung in einem Sanatorium am Bodensee körperlich aufgebaut, hatte aber keine schwerwiegenden Folgen von der Mangelernährung und Lagerarbeit. Die psychischen Folgen steckte er ebenfalls beachtlich weg. Wobei er auf eine Studie verweist, nach der KZ-Überlebende mehrheitlich eine gewisse emotionale Abstumpfung erkennen lassen. Er erklärt: „Um die Grausamkeit nicht an mich heranzulassen, habe ich eine unsichtbare Mauer um mich errichtet.“ Eine Mauer, die er auch bei seiner Ausweisung aus Polen (siehe „Zur Person“) wieder brauchte, die er aber einriss, als er in den 1970er-Jahren begann, seine Erlebnisse in der Deutschen Schule Stockholm zu erzählen. Inzwischen besucht er Schulen in vielen Ländern, um Schülern, Lehrern und Eltern seine Erfahrungen zu schildern.
Ist es nicht extrem anstrengend, ständig auf Reisen zu sein und von Ihrem schweren Schicksal zu sprechen?
Diese Reisen sind wichtig, um bei jungen Menschen ein „Bewusst Sein“ zu erzeugen. Als nicht gläubiger Naturwissenschaftler bin ich Rationalist und vermittle auf glaubwürdige Art mit sachlichen Beispielen, was während des zwölf Jahre dauernden „Tausendjährigen Reichs“ geschehen konnte. Es darf kein Zweifel bestehen. Mich strengt das Reisen nicht so sehr an. Zumal ich seit zehn Jahren mit dem Rollstuhl am Flughafen an den Schlangen vorbeifahre. Im Jahr 2024 bin ich von meiner Wohnung in Stockholm achtmal nach Deutschland, dreimal nach Polen und einmal nach Spanien gereist. 2025 war es ähnlich.
Sind sie eigentlich auch manchmal zuhause?
Ja, und ich liebe es, dann Filme zu schauen und Musik zu hören. Ich habe viele Mitschnitte von Beethovens Konzerten für Violine und Orchester in D-Dur op. 61 und 6a. Bach und die Musik aus dem späten Mittelalter mag ich sehr gerne. Einen Film anzuschauen, ist für mich wie eine Dusche für das Gehirn.
Sitzen Sie jetzt auch schon auf gepackten Koffern?
2026 ist schon gut verplant und bis September ausgebucht, und wenn dieses Heft erscheint, werde ich bereits eine weitere zweiwöchige Deutschlandreise hinter mir haben. Sie startet in Hann. Münden und Göttingen, dann geht es auf Einladung der nordrhein-westfälischen Kultusministerin nach Essen und wieder zurück in die Gänselieselstadt.
Bei den beiden Stationen in Göttingen stand sein Lebenswerk im Zeichen der Erinnerungskultur im Zentrum des Interesses: Am 2. März erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universitätsmedizin Göttingen und am 7. März den Göttinger Friedenspreis. Man könnte meinen, für den Bundesverdienstkreuzträger seien solche Ehrungen inzwischen Routine, doch er sagt: „Sie sind für mich eine tiefe Befriedigung. Denn so erfahren meine Reflexionen zu diesen weit über den Menschenverstand hinausgehenden Verbrechen eine besondere Wertschätzung.“ Die gleichzeitige Friedenspreisverleihung an das Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ freut ihn besonders. Denn darin erkennt er die Fortführung der Erinnerungskultur durch die junge Generation.
Sie sprachen eben von Abschalten und Entspannung. Konnte es ähnliche Momente auch in der Gefangenschaft geben?
Im Ghetto war für mich die einzige Entspannung, wenn ich unerlaubterweise Bücher in die Hände bekam. Mir fehlte das sehr: Ich hatte vor der Gefangenschaft gerne gelesen und gelernt.
Können sich das die jüngeren Zuhörer überhaupt vorstellen? Was wissen sie überhaupt noch über diese Zeit?
Das ist sehr unterschiedlich. Aber genau deshalb berichte ich ihnen davon. Das ist so wichtig. Denn wenn ich mit Erwachsenen spreche, ist das meist wie eine Predigt an die Bekehrten. Eine interessante Ausnahme gab es, als ich vor dem Niedersächsischen Landtag über die Reichskristallnacht sprach. Tatsächlich hörten mir auch 18 Abgeordnete der AfD zu, und ich bot ihnen an, sich ein gewidmetes Buch von mir abzuholen. Ihr Vorsitzender Klaus Wichmann kam zu mir und sagte: „Sie irren sich! Wir sind nicht so, wie sie es beschreiben!“ Ich antwortete sehr bestimmt: „Sie sind also aufrechte Demokraten und keine Menschenfeinde?“ – Er hat das Buch genommen und ist abgehauen …
Was machen dieses Erstarken der politischen Rechten und die Verrohung der gesellschaftlichen Umgangsformen mit Ihnen?
Tatsächlich zweifle ich manchmal an meinem eigentlich unbeugsamen Optimismus. Als Arzt bewundere ich die Komplexität des Gehirns und verstehe es zugleich nicht, dass es bei vielen Menschen nicht in der Lage ist, den Lockrufen des Bösen zu widerstehen und zu begreifen, dass es nur eine Menschenrasse gibt: den Homo sapiens. Ich bin traurig und enttäuscht, weil die Menschheit nicht vernünftig wird.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche den Menschen, mein Alter zu erreichen und dabei zufrieden zu sein.
Herr Dr. Weintraub – alles Gute und vielen Dank für das Gespräch! ƒ
