©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Anja Danisewitsch

2019 ist ein besonderes für die Piller-Group in Osterode: Es ist 100  Jahre her, dass Unternehmensgründer Anton Piller den Standort in den Harz verlegte. Zum Jubiläum blickt faktor in die Werkshallen des Weltmarktführers, der in Krankenhäusern, an der Wallstreet und anderen sensiblen Orten sicherstellt, dass wir rund um die Uhr ohne Unterbrechungen mit Strom versorgt sind.

Juni 2019: Ein Team von zehn motivierten Männern mittleren Alters in blau-weißen Trikots und schwarzen Radlerhosen kämpft sich durch den Vorharz. Insgesamt über 100 Kilometer Strecke wollen sie an diesem Tag zurücklegen und damit 100.000 Euro Spendengeld für karitative Zwecke sammeln. Bereits nach fünf Stunden und zehn Minuten haben die Fahrer, die allesamt Geschäftsführer der weltweit agierenden Piller Group sind, ihre beiden Ziele erreicht. „Wir wollten zum 100-jährigen Bestehen des Stammsitzes in Osterode etwas ganz Besonderes machen“, erzählt der Initiator der Radtour Detlev Seidel, der seit 2007 die Geschäfte in Osterode leitet. Um sich persönlich auf dieses Ereignis vorzubereiten, fuhr der 55-Jährige in den Monaten zuvor immerhin über 500 Trainings­kilometer, denn Fahrradfahren ist keine Sportart, die der vierfache Familienvater sonst in seiner Freizeit ausübt. Während es für Seidel dennoch irgendwie ein Heimspiel war, da er seit 20 Jahren in Südniedersachsen lebt, hatten die übrigen Fahrer eine ziemlich weite Anreise: aus Indien, Italien, Spanien, Australien, Singapur, Frankreich, England und aus den USA – diese Liste gibt zugleich einen ­guten Überblick, wo in der Welt der deutsche Mutterkonzern inzwischen Tochterunternehmen unterhält.

Es ist – so wie Detlev Seidel heute im Besprechungsraum sitzt und von Piller erzählt – über die Jahre ein Stück weit ‚sein‘ Unternehmen geworden. „Ich sage immer, irgendwie hat diese Firma eine besondere Faszination“, so der promovierte Maschinenbauingenieur. „Wir machen ganz viel anders als andere.“ Bereits zu Beginn des Interviews wird klar, hier sitzt ein begeisterungsfähiger Mensch, der gern erzählt und auch viel zu sagen hat und der sich nicht vorstellen könnte, irgendwo anders zu arbeiten. „Wie ich zu Piller gekommen bin?“ Seidel lacht herzlich auf. „Nicht geplant“, gesteht er. „Denn bevor ich vor 20 Jahren hierhergezogen bin, wusste ich ehrlicherweise gar nicht, dass es Piller überhaupt gibt und was die da machen“, erzählt der gebürtige Ostwestfale. „Letztlich hat mich ein Freund aus Studienzeiten in Hannover zu Piller geholt. Das Unternehmen war damals gerade in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung. Ich kam – und blieb.“

Inzwischen gehört Piller zu den klassischen Hidden Champions. Mit seinen Anlagen zur unterbrechungsfreien Stromversorgung garantiert Piller, dass unter anderem in einem der größten Krankenhäuser Schwedens in Stockholm kein Patient bemerkt, wenn es zu einem Stromausfall kommt. In Sekundenschnelle reagieren die Stromversorgungsanlagen von Piller und liefern wie ein kleines Kraftwerk den notwendigen Strom, um alles am Laufen zu halten. In den regionalen Medien tauchte das Unternehmen in den vergangenen Jahren vor allem immer dann auf, wenn die neuen Umsatzzahlen veröffentlich wurden: Der internationale Marktführer von unterbrechungsfreier Stromversorgung konnte im Jahr 2017 einen Umsatz von 250 Millionen Euro vermelden, 2018 blieb er mit rund 220 Millionen Euro zwar nur knapp am Rekordumsatz des Vorjahres dran. „Doch für dieses Jahr gehen wir wieder von einem Umsatzwachstum von über zehn Prozent aus – und gut ausgelasteten Werken“, erklärt Seidel zufrieden. „Osterode und Bilshausen ­tragen dabei übrigens rund 85 Prozent der Gesamtproduktion von Piller, wobei unsere Exportquote bei 75 bis 80 Prozent liegt.“

Den Grundstein für diesen Erfolg legte allerdings ein anderer. Vor gut einem Jahrhundert, 1909, meldet der Ingenieur Anton Piller in Hamburg das Patent für die Konstruktion eines Ventilators an und produziert in der Hansestadt überwiegend Orgel- und Schmiedegebläse. Bereits zehn Jahre später kommt der Umzug nach ­Osterode am Harz – aus ganz pragmatischen Gründen: Das kleine Örtchen im Harz liegt geografisch fast in der Mitte Deutschlands, was für den Vertrieb und die Zulieferung gegenüber Hamburg wesentliche Vorteile darstellt. Anton Piller kauft das heutige Firmengelände und lässt direkt neben den Pferdeställen eine Villa (Foto) errichten, in welcher er mit seiner Familie lebt. Es ist zudem überliefert, dass der Firmengründer an einem Wochenende eine Schaufel nahm und eigenhändig die Söse, den ­Nebenfluss der Rhume, an welchen das Firmengelände grenzt, etwas verlegt hat, um sich mehr Platz zu schaffen. So oder so, der Grundstein war gelegt, und die Erfolgs­geschichte nahm ihren Lauf – eine Geschichte mit Höhen und Tiefen.

In den folgenden Jahren baut Anton Piller die Produktion immer weiter aus. 1939 entsteht das Werk in Moringen, welches mit seinen Hochleistungsgebläsen und Turbo­kompressoren noch heute an die Ursprünge Pillers anknüpft. Im Jahr 1958 übernimmt der Sohn Hans Piller die Geschäfte und bringt in zweiter Generation neue Impulse ins Werk. Erst in der dritten Generation konnte der einstige Erfolgskurs nicht fortgesetzt werden, und die Eigentümerfamilie entschloss sich zum Verkauf. „Vor 20 Jahren etwa war Piller in Osterode vor allem durch Negativpresse und Entlassungswellen im Gespräch“, so der heutige Geschäftsführer. 1993 wurde das Familienunternehmen von RWE aufgekauft und blieb für gut zehn Jahre Teil des Konzerns – mit wechselnden Vorständen, Geschäftsführungen und Ideen. „Viel Bewegung, aber auch viel Personalabbau“, sagt Seidel ernst, und erinnert sich, wie er eben in dieser Phase zu Piller kam. Während in den 1970er-Jahren um die 1.500 Mitarbeiter am Standort Osterode arbeiteten, waren es 1999, als Seidel anfing, nur noch rund 600 – wobei das Ende der Entlassungswelle zu diesem Zeitpunkt noch nicht erreicht war. Am Tiefpunkt waren es unter 500.

Aus diesem Negativkurs herauszukommen, gelang unter anderem durch eine einschneidende Umstrukturierung: Im Jahr 2004 wurde Piller vom eigentümer­geführten britischen Konzern Langley Holdings Plc. übernommen und damit wieder ein Familienunternehmen: Denn Langley Holdings ist ein Einfamilienunternehmen mit Anthony Langley als alleinigem Inhaber. Der Tonfall Seidels ändert sich just in dem Moment, in dem er beginnt, von dieser neuen Ära in Osterode zu erzählen. Sofort ist zu spüren, dass sich etwas zum Positiven verändert hat. Anthony Langley ist keiner dieser Investmenthaie oder Private-Equity-Anhänger, die Firmen erwerben, um sie nach drei bis fünf Jahren möglichst gewinnbringend wieder zu verkaufen. Langley kauft, um zu erhalten, Potenziale auszuschöpfen und Unternehmen, die momentan unter ihren Möglichkeiten agieren, wieder profitabel zu machen und langfristigen Erfolg zu sichern. „Es war von Anfang an eine sehr persönliche Beziehung zwischen dem neuen Eigentümer und der Belegschaft vor Ort“, erzählt Seidel, und so sei es bis heute. Die Angst der Angestellten, dass sich mit einem ausländischen Investor die Entwicklungen, die unter RWE begannen, weitergehen, hat sich nicht bestätigt. Stattdessen – das zeigen die Umsatzzahlen der letzten Jahre – hat sich Piller in den vergangenen 15 Jahren zu einem Weltmarktführer entwickelt, der auf höchste Qualität und vor allem auch auf langfristigen Service setzt. „Die Zeiten haben sich glücklicherweise wieder gewandelt, und wir arbeiten permanent daran, unser Image auch weiter in eine positive Richtung zu entwickeln.“ Seit 2013 gehört Piller nun auch zu den zertifizierten TOPAS – den Top-Arbeitgebern in Südniedersachsen.

Dass Piller ansonsten nicht wie Ottobock oder Sartorius ständig in den Medien und in aller Munde ist, liegt sicher auch ein Stück weit an der zurückhaltenden, aber gezielten Marketingstrategie, die nach der Krise in den 1990er-Jahren das Unternehmen auf seine wesent­lichen Werte besinnen ließ – und dazu gehört, anfallende Kosten, auch in der Geschäftsführung, immer wieder zu hinterfragen: „Muss das sein? Brauchen wir wirklich die teuren Handys? – Das beginnt bei uns bei den kleinen Dingen“, sagt Seidel. Nachhaltigkeit zeigt sich zum Beispiel in so wirklich kleinen Dingen wie der Anschaffung von Kugelschreibern für alle Mitarbeiter. „Ich habe jedem Mitarbeiter persönlich einen hochwertigen Kugelschreiber mit der Gravur – ,Team Piller‘ und seinem Namen – überreicht. Das fördert vor allem Verbundenheit mit dem Unternehmen“, erklärt der Geschäftsführer, der großen Wert darauf legt, in persönlichen Kontakt mit seinen Angestellten zu sein. Seine Tür steht offen, und die Weihnachtspost verfasst er jedes Jahr eigenhändig. Das ist ihm wichtig.

Es sind die Werte eines Familienunternehmens, die die Piller Group bis heute prägen: persönliche Beziehungen, langfristige Planungen und die Pflege von Kundenkontakten. Auch wenn die Nachfolgegenerationen der Gründerfamilie inzwischen nicht mehr am Unternehmen beteiligt sind.

Dass Traditionen bei Piller eine große Rolle spielen, zeigt sich auch darin, dass hier anders gearbeitet wird als bei anderen hoch technologisierten Unternehmen. Hinter dem Werbeslogan ,Nr. 1 für High-End-­Power Protection‘ lässt sich eine Produktion vermuten, die vor allem computergesteuert und bei Industrie 4.0 längst angekommen ist. Doch weit gefehlt: „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir Industrie 1.0 haben“, sagt der Maschinenbauingenieur, während er zufrieden durch ,seine‘ Produktionshallen in Osterode geht. „Was wir hier machen, ist Handwerk – eine handwerklich industrielle Manufaktur.“ Und tatsächlich arbeiten hier Männer und Frauen vor allem mit ihren Händen und nicht an großen Maschinen.

In der Halle herrscht fast Stille. Ein ruhiges und konzentriertes Arbeiten an elektrischen Maschinen, die eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) ­gewährleisten und projektbezogen zusammengestellt werden. Das Herzstück ist der Uniblock UBT – diese rotierende USV-Anlage kombiniert Motor und Generator in einem gemeinsamen Schaltschrank. Im Falle kurzer ­Unterbrechungen oder kompletter Stromausfälle wird die Last mit Energie aus einem Energiespeicher – einem herkömmlichen Batteriesystem oder der Piller Powerbridge (kinetischer Energiespeicher) – versorgt. Seit in den 1980er-Jahren der erste Uniblock entwickelt wurde, haben sich die Anforderungen an USV-Systeme gravierend verändert. Ob in den riesigen Rechenzentren, auf Flughäfen oder im Bank- und Finanzwesen – die benötigten Kapazitäten stiegen in einem Maße, das kaum vorstellbar ist. Ein Rechenzentrumen, wie es beispielsweise von Google betrieben wird, benötigt die Leistung eines ­eigenen kleinen Kraftwerks. Nicht anders sieht es im Bank- und Finanzwesen aus. Piller ist auch an der Wallstreet – und man stelle sich vor, es gäbe einen Stromausfall und alle gerade getätigten Transaktionen wären unwiderrufbar verloren …

Um zu verstehen, was die Produkte von Piller so besonders macht, braucht es darüber hinaus einen Blick auf die Zahlen: Die Maschinen der USV speichern Energie, als Beispiel vier Kilowattstunden. Das können auch Maschinen anderer Hersteller. Entscheidend ist aber, wie viel Leistung mit diesen Maschinen bei einem Stromausfall schnell zur Verfügung gestellt werden. Es geht in der Größenordnung, in der Piller agiert, bei einem Produk­tionsausfall der Kunden um Millionenbeträge – in Krankenhäusern geht es sogar um Menschenleben. Während Pillers Technologie 1,5 Megawatt für bis zu 40 Sekunden liefert, schaffen Geräte anderer Firmen maximal 200 Kilowatt bei gleicher Kilowattstundenzahl. Diese enorme Energieleistung schafft man nicht mehr mit einer klassischen Blei-Batterie, da diese zu viele Tonnen wiegen würde und die baulichen Voraussetzungen dafür meist nicht gegeben wären. „Wir haben schon vor 20 Jahren – von der Leistung her – den größten kinetischen Speicher gebaut und dann vor acht Jahren den größten durch den weltweit größten ersetzt“, erzählt Seidel stolz, um dann noch schnell zu ergänzen: „Und nun haben wir noch einmal 25 Prozent Leistung drauf­gepackt und konkurrieren mit Lithium-Ionen-Batterien.“ Diese gebe es erst wenige Jahre und hätten auch ihre Schattenseiten, ergänzt er.

„Piller spricht Strom“, sagt Seidel stolz – und das sehr erfolgreich. Das Unternehmen hat im Laufe der Jahre gelernt, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren. Eine Überlegung, sich auch in Richtung Windkraftanlagen zu orientieren, haben sie wieder verworfen. „Man muss auch den Mut haben, etwas nicht zu tun“, so der Geschäftsführer. „Wir wollen unseren Kunden den größtmöglichen Nutzen bieten und wir wollen die Besten auf dem Markt sein und das – wenn möglich – auch noch die nächsten einhundert Jahre“, sagt Seidel mit einem Zwinkern. Es gehe ihnen nicht zwingend um weiteres Wachstum. Nichts spricht dagegen, ein Unternehmen über Jahrzehnte konstant auf einem guten Niveau zu halten.

So passt es gut ins Bild, dass es ein sichtliches Anliegen von Anthony Langley ist, die alte Villa auf dem Firmengelände in Osterode zu erhalten, auch wenn dieses Gebäude heute nicht mehr genutzt wird – in Ehrerbietung an den einstigen Gründer. Denn an den Tagen, an denen der jetzige Inhaber aus England in Osterode ist, sitzt er gern im Büro vom ,alten‘ Piller. „Dort stehen noch die alten Ledersessel, und an der Wand hängt ein großes Porträt von Anton Piller“, erzählt Seidel. „Und wenn Langley dort arbeitet, dann schaut er so manches Mal zu Anton hin­über, wie um zu prüfen, ob alles noch in dessen Sinne läuft.“ ƒ

 

Zum Unternehmen

Piller ist der weltweit führende Anbieter im Bereich der sicheren Stromversorgung von unternehmenskritischen Anwendungen. Zu den Kunden zählen viele der weltweit führenden Banken und Finanzinstitutionen, Kranken­häuser, Rundfunkanstalten, Telekommunikationsbetreiber und zahlreiche andere renommierte Organisationen. Piller wurde 1909 von Anton Piller gegründet. Das Unternehmen befand sich bis zu seiner Übernahme durch RWE im Jahr 1993 im Besitz der Familie Piller. Seit 2004 gehört Piller zum ­eigentümergeführten britischen Engineering-­Mischkonzern Langley Holdings Plc. Seit über 100 Jahren operiert das Unternehmen von seinem Stammsitz in Osterode am Harz aus und hat zahlreiche Niederlassungen in Europa, Nord- und Südamerika, Australien und Asien. Heute beschäftigt Piller weltweit 956 Mitarbeiter.

www.piller.com

 

Zur Person

Detlev Seidel ist seit zwölf Jahren Geschäftsführer von Piller am Stammsitz in Osterode und lebt seinen Job mit Leidenschaft. Der promovierte Maschinenbauingenieur war vor seinem Wechsel zu Piller bei ABB, einem Technologiekonzern, als Profit-Center-Leiter Service für Elektromaschinen angestellt. In seiner Freizeit liest der vierfache Familienvater gern Bücher, die sich mit angrenzenden Themen zu
seinem Beruf beschäftigen. So ist der 55-Jährige seit Jahren ein Fan von Marc Elsbergs Werken ‚Black out‘ und ‚Zero‘.