Den Geheimdiensten auf der Spur

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefanie Waske

faktor-Autorin Stefanie Waske hat sich als Geheimdienst-Expertin einen Namen gemacht. Ihr aktueller Fall: das Attentat auf das Münchner Oktoberfest und die Rolle der ‚Schlapphüte‘.

Angefangen hat es mit einer Magisterarbeit über den Bundesnachrichtendienst am Seminar für Politikwissenschaften an der Universität Göttingen. Seitdem lässt sie das Thema nicht mehr los. Stefanie Waske verbringt regelmäßig viel Zeit in Archiven. Mal durchforstet sie Protokolle früherer Bundesregierungen, mal stöbert sie in Dokumenten der politischen Parteien, mal gräbt sie sich durch Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde.

Die freie Autorin und Journalistin sammelt ständig Material für ihre Hintergrundgeschichten zu zeitgeschichtlichen Themen, die sie unter anderem in der ‚ZEIT‘ veröffentlicht. Bei ihren aufwendigen Recherchen macht die promovierte Politikwissenschaftlerin, die aus Boffzen (Kreis Holzminden) stammt und in Höxter Abitur gemacht hat, immer wieder brisante Entdeckungen. Schon während ihres Studiums an der Universität Göttingen hat sie über den Bundesnachrichtendienst (BND) geforscht, eine Organisation, über die wenig bekannt ist, weil deren Akteure schon von Berufs wegen das Licht der Öffentlichkeit scheuen.

Der BND war dann auch später das Thema ihrer Dissertation an der Universität Marburg. Diese beschäftigte sich mit der (mangelhaften) Kontrolle des Inlandsdienstes durch Parlament und Regierung. Bei den Recherchen für ihre Doktorarbeit stieß Stefanie Waske auf einen Geheimzirkel, von dessen Existenz bis dahin kaum jemand gewusst hatte: Politiker von CDU/CSU hatten 1969 nach der Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler einen eigenen Nachrichtendienst gegründet. Das Netzwerk konservativer Politiker verfolgte das Ziel, mit Hilfe konspirativ gesammelter Informationen den ersten ,roten‘ Regierungschef der Bundesrepublik zu stürzen und dessen Ostpolitik zu torpedieren.

Über ihre Enthüllungen schrieb sie ein Buch (,Nach Lektüre vernichten. Der geheime Nachrichtendienst von CDU und CSU im Kalten Krieg‘, Hanser Verlag 2013), das in vielen überregionalen Medien große Beachtung fand.

Zeitweise war ihre Arbeit an dem Buch ein beruflicher Spagat gewesen. Nach ihrer Promotion hatte sie zunächst bei der ,Braunschweiger Zeitung‘ gearbeitet. „Um tagsüber in den Archiven recherchieren zu können, habe ich in der Redaktion oft den Spätdienst übernommen“, erzählt Waske. Seit 2010 arbeitet sie als freie Autorin und betreibt ein eigenes Medienbüro in Braunschweig.

Aktuell ist sie einem weiteren brisanten Fall auf der Spur: Stefanie Waske geht der Frage nach, wer hinter dem Anschlag auf das Münchner Oktoberfest im September 1980 steckte. War der Student Gundolf Köhler der alleinige Täter, wie damals die Ermittlungsbehörden behauptet hatten, oder gab es noch weitere Mittäter und Unterstützer? Waske hatte vor einigen Monaten die Gelegenheit, gemeinsam mit einer Kollegin des Bayerischen Rundfunks zahlreiche bislang unter Verschluss gehaltene Akten zu durchforsten, für die vor kurzem die Sperrzeit von 30 Jahren abgelaufen ist. „Ich hatte nicht geahnt, dass es so viele Akten sein würden“, erzählt die Autorin. Allein im Bundesarchiv in Koblenz kämpfte sie sich durch 80 Ordner, außerdem sichtete sie zahlreiche Unterlagen in der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin und im Hauptstaatsarchiv in München.

Erste Ergebnisse ihrer Recherchen hat sie Ende Februar in einem Beitrag im ‚ZEITmagazin‘ veröffentlicht. Ihre Archivfunde belegen, dass die Ermittlungsbehörden damals zahlreichen Spuren, die in rechtsextreme Kreise und zu den Nachrichtendiensten führten, nicht nachgegangen sind. Inzwischen hat der Generalbundesanwalt die Ermittlungen wieder aufgenommen und die Akten an sich gezogen. Stefanie Waske konnte schon vorher Einblick nehmen.