Demographischer Faktor lässt Medizintechnik boomen

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Text von: redaktion

Die Region ist in der Medizintechnik gut aufgestellt. Dabei bevorzugen die Beteiligten einen losen Verbund – und wollen vorerst kein Netzwerk gründen.

„Wir wollen die großen Erfolge der letzten zehn Jahre fortsetzen und unseren Umsatz in der Firmengruppe von 500 Millionen Euro im vorigen Jahr auf 800 Millionen im Jahr 2010 steigern.“ Selbstbewusste Worte von Michael Hasenpusch, Geschäftsführer und Leiter der Entwicklungsabteilung der Otto Bock HealthCare. Gut begründeter Optimismus in Anbetracht der zweistelligen Zuwachsraten des Global Players aus Duderstadt in den vergangenen Jahren. Und die immer älter werdende Gesellschaft stärkt die Umsatzaussichten nachhaltig. Deshalb gehört für den Regionalmanager und Assistenten des Vorstandes der SüdniedersachsenStiftung, Karsten Ley, die Medizintechnik zu den identifizierten Zukunftsfeldern der Region: „Es ist wichtig, dass unsere Region in einer solch

zukunftsträchtigen Branche so gut positioniert ist und wir für die Arbeitnehmer ein passendes soziales Umfeld mit Schulen, Kindergärten und kulturellen Angeboten bieten können.“

Auch Christian Heller, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG), sieht in der Medizintechnik und in der gesamten Gesundheitswirtschaft entscheidende Zukunftsmärkte: „Ganz wichtig ist dabei das Zusammenspiel zwischen regionalem und überregionalem Agieren der hiesigen Wirtschaft und Wissenschaft.“ Dies sehe er beispielsweise bei den vielfältigen Kooperationsprojekten der Otto Bock HealthCare, die mit fast 60 Prozent weltweitem Marktanteil Marktführer im Bereich Prothetik (künstliche Gliedmaßen) ist. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte mit den ersten industriell gefertigten Holzbeinen nach dem Ersten Weltkrieg. Zuvor wurden alle Prothesen individuell gefertigt. In den Bereichen Orthetik (äußerlich stützende Hilfsmittel, z. B. Halskrausen), Mobility Solutions (z. B. Rollstühle und Bewegungsschienen) und Neurostimulation (z. B. Neuroimplantate) sind ebenfalls weltweit vordere Plätze anvisiert. Um sich dafür grenzübergreifend Wachstumspotenzial zu sichern, wurden in jüngster Vergangenheit personelle und organisatorische Veränderungen im Topmanagement in den Bereichen West- und Osteuropa, Amerika und Asien/Pazifik durchgeführt. Als wichtigen faktor für die gute Positionierung im globalisierten Markt sieht Hasenpusch aber auch einen festen Stand am „Heimathafen Duderstadt“. Inhaber Hans Georg Näder bekennt sich ausdrücklich zum Standort und unterstreicht dies durch viele Netzwerkinitiativen sowie Kooperationen mit regionalen Forschungseinrichtungen und Unternehmen. So ist beispielsweise das ausgegründete, von Näder privat geförderte Start-up Cinogy in direkter Nachbarschaft zu Otto Bock beheimatet. Cinogy hat im medizintechnischen Bereich etwa den PlasmaStick entwickelt. Mit der batteriebetriebenen Plasmaquelle lassen sich dermatologische Krankheiten, wie etwa von Neurodermitis verursachter Juckreiz, mit Hilfe einer lokal begrenzten

Gasbehandlung (Plasma) therapieren.

Auch die Biomedizinische NMR Forschungs GmbH, eine Abteilung am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, hat eine enge Verbindung mit Otto Bock. In einem gemeinsamen, auf zehn Jahre angelegten Zukunftsprojekt werden myoelektrische Orthesen zur Verstärkung von elektrischen Muskelreizen entwickelt. Myoelektrisch bedeutet dabei, dass sich die Orthesen der elektrischen Spannung bedienen, die in den Muskelzellen erzeugt wird. Die innovativen Orthesen sollen bei Lähmungen zum Einsatz kommen, z. B. nach einem Schlaganfall. Die Biomedizinische NMR wird im Rahmen der gemeinsamen Projekte mittels spezieller Verfahren der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) funktionelle Veränderungen beobachten, die bei den Patienten durch das Training mit den Orthesen in denjenigen Gebieten des Gehirns entstehen, die motorische Aktionen planen und ausführen. Die Zusammenarbeit mit Otto Bock ist für die Biomedizinische NMR möglich geworden durch das vom Bundesforschungsministerin geförderte Bernstein Center for Computational Neuroscience (BCCN) in Göttingen. Bereits in den achtziger Jahren gelang dem Forscherteam am MPI ein entscheidender Durchbruch in der MRT. Mit einer neuen Technik konnte die Messung der Bilder um den faktor 100 beschleunigt werden. Jens Frahm, Leiter der Abteilung, blickt zufrieden auf die Erfolge: „Die Einnahmen aus den Patentrechten haben es der Max-Planck-Gesellschaft ermöglicht, unsere Forschungen über die Gründung einer gemeinnützigen GmbH langfristig zu finanzieren. Natürlich ist das für uns eine sehr angenehme Konstellation.“ Die Kernkompetenz in seiner Abteilung sieht der Forscher in der methodischen Weiterentwicklung der MRT und ihren Anwendungen in der neurobiologischen Grundlagenforschung am Menschen wie am Versuchstier. Hierzu verfügt die Forschungseinrichtung über hochmoderne MRT-Systeme, die Untersuchungen des Gehirns von Maus bis Mensch ermöglichen. Die Ergebnisse ermöglichen ein besseres Verständnis für die Funktionsweise unseres Gehirns und für Hirnerkrankungen.

Ein weiteres wichtiges Bindeglied zwischen Wirtschaft und Forschung stellt die Göttinger MBM ScienceBridge dar (siehe auch faktor 2/2005). Seit 2001

beschäftigten sich die sechs Mitarbeiter an der Norduniversität damit, naturwissenschaftliche Erfindungen zu patentieren und zu vermarkten. Die nutzbaren

Synergieeffekte für Forschung und Wirtschaft sind für Markus Mladek, Patentmanager im Bereich Medizintechnik, entscheidend. So biete die MBM ScienceBridge den Entwicklern ein über Jahre aufgebautes industrielles Netzwerk zur Kommerzialisierung der neuen Produkte. „Wir untersuchen die Marktfähigkeit der neuen Entwicklungen. Wenn diese gegeben ist und die Markteinführung erfolgreich stattgefunden hat, fließen 30 Prozent der erzielten Einnahmen an die Erfinder“, skizziert Mladek den Geschäftsprozess. Der Universität bringen die bestehenden 26 Lizenzen eine jährliche Einnahme im sechsstelligen Bereich.

MBM ist seit der Gründung international aktiv und konnte bereits die englische Smith Medical Group als Kunden gewinnen. Im regionalen Bereich erwies sich beispielsweise die Vermarktung des Huschmand-Bestecks durch Labotect als großer Erfolg. Dem Göttinger Unternehmen ist so ein zügiger Markteinstieg möglich gewesen. MBM hat die Lizenzierung und Entwicklung dieses wirtschaftlich effizienten und patientenschonenden gynäkologischen Hilfsmittels begleitet. Für die Geschäftsführerin von Labotect, Delia Schinkel-Fleitmann, liegt auf der Vermarktung der Fokus für die Zukunft: „Weil sich die Krankenkassen immer weiter zurückziehen, ist es wichtig, einen professionellen Marktzugang zu haben. Inzwischen muss die Hälfte der medizintechnischen Hilfsmittel privat finanziert

werden.“ Dies wiegt bei Labotect besonders schwer im Bereich der Assistierten Reproduktion/Reproduktionsmedizin. Schon an der Schwangerschaft des ersten deutschen Retortenbabys 1981 hatten Labotect-Produkte entscheidenden Anteil. Die Technik ist nun zwar ein Vierteljahrhundert weiter, und es gibt viele interessierte Ehepaare, die Hilfe suchen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen, doch die Krankenkassen schränken die Kostenübernahme immer weiter ein.

Neben den zum Teil hemmenden deutschen Forschungsbeschränkungen ein weiterer Grund für Labotect, internationale Märkte zu erschließen.

Ein wichtiger Endverbraucher für medizintechnische Produkte und Entwicklungen sind Großkrankenhäuser wie das Universitätsklinikum Göttingen (UKG). In der Abteilung Medizintechnik wacht der Geschäftsbereichsleiter Norbert Siebold mit seinem Team über insgesamt 45 000 Medizin- und Laborgeräte, die im gesamten Bereich Humanmedizin eingesetzt werden. Insgesamt 16 Mitarbeiter kümmern sich um die regelmäßige Wartung sowie die termingerechte Durchführung von gesetzlich vorgeschriebenen Prüfungen, die bei ca. 4 000 Geräten erforderlich sind. Außerdem führt die Abteilung Reparaturen sowie Schulungen für die Ärzte und Pfleger, die mit den Geräten täglich arbeiten, durch. Besonders zufrieden zeigt sich Siebold mit der 96-prozentigen Trefferquote bei der Prüfung der Geräte. „Das heißt: Wir finden fast alle Geräte, wenn wir sie prüfen wollen.“ In Anbetracht der vielen mobil eingesetzten Geräte sei dies ein wirklich gutes Ergebnis.

Um einen modernen und funktionsfähigen Gerätebestand zu haben, setzt das UKG auf langfristige Kooperationen mit überregionalen, aber auch mit regionalen Unternehmen wie etwa Sartorius für den Laborbereich. Siebold sieht seine Mitarbeiter und sich als „Dienstleister im Dienstleistungsbetrieb“ – ein wesentlicher Unterschied zu den im internationalen Globalisierungswettbewerb stehenden Unternehmen oder den um öffentliche Gelder kämpfenden

Forschungseinrichtungen.

Text: STEFAN LIEBIG