„Delikat und herzhaft fein schmeckt der Schierker Feuerstein“

© Alciro Theodoro da Silva
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Am 15. November trafen sich Ralf Gläsing, Bürgermeister aus dem Oberharzort Elend, und Albert Baumann, der ehemalige Bürgermeister von Braunlage, der den aktuellen Amtsinhaber Stefan Grote vertrat, mit zahlreichen Einwohnern und Besuchern zum traditionellen 'Grenzfest an der Bremke‘.

Hier, wo bis vor 25 Jahren noch die deutsch-deutsche Grenzlinie verlief, wird inzwischen jährlich der Mauerfall gefeiert. Dass sich die beiden Ortsoberhäupter bei dieser Feierlichkeit seit jeher eine Flasche Schierker Feuerstein überreichen, deutet die geschichtsträchtige Stellung dieser Spirituosenmarke aus dem Harz bereits an. Kaum ein Produkt dürfte so eng mit der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands verbunden sein. Doch dazu später mehr.

Die Geschichte des Kräuter-Halb-Bitters beginnt nämlich bereits im Jahre 1908. Wach gehalten von unzähligen klingelnden Kurgästen mit Völlegefühl entwickelt der Schierker Apotheker Willy Drube ,ein Elixier, das Kurgäste von Magenbeschwerden befreien soll‘ – die Geburtsstunde des Schierker Feuersteins. Fortan laufen die Geschäfte der Apotheke zum Roten Fingerhut im damals sogenannten ‚St. Moritz des Harzes‘ besser denn je. Ein Grundstein für den Ausbau der Geschäftsidee stellt die strikte Geheimhaltung des Originalrezeptes bis ins Jahr 2014 dar. Selbst auf beharrliches Nachfragen geben die heutigen Geschäftsführer nicht einmal die Anzahl der verwendeten Kräuter preis. Nur Familienmitglieder haben Einblick in die Details der Zutaten. Zurück in die Erfinderjahre der hochprozentigen Kräuterköstlichkeit: Dank der Reichsmonopolverordnung darf die Apotheke ab 1922 keine Spirituosen mehr verkaufen. Aber Willy Drube war ein findiger Mensch. Er zog einfach eine Wand in das herrliche Gebäude und trennte so die Apotheke von seinem Drogerieladen. Die beiden verschiedenen Eingänge stimmten auch die Behörden versöhnlich. „Mein Urgroßvater schickte dann die Apothekenkunden einfach in ,das andere Geschäft‘, um ihnen dort ihren Schierker Feuerstein zu verkaufen“, erzählt Britta Möller, die heute gemeinsam mit ihrem Mann Walter in vierter Generation das Unternehmen führt. Drubes Kreation erfreut sich so großer Beliebtheit, dass er 1924 das Patent dafür erwirbt. Eine wichtige Absicherung, die aber den Harzer Likör nicht vor Nachahmern schützt. „Neben dem Patent für das Rezept wären aus heutiger Sicht weitere Markenschutzmaßnahmen durchaus vorteilhaft gewesen“, resümiert Walter Möller, ohne einen Groll erkennen zu lassen, denn Willy Drube machte bereits in den 1930er-Jahren Reklame mit gut inszenierten Hirschgeweihen und Trikotwerbung bei einer Deutschen Rodelmeisterschaft.

Während die beiden Kriege und die bewegte Zeit dazwischen dem neuen Getränk und seinem wachsenden Erfolg nichts anhaben konnten, sind die Folgen der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten tiefgreifend. Willy Drube behielt aber einen kühlen Kopf. Er realisierte die schwierige Lage, die Schierke inmitten des russischen Sperrgebietes am Fuße des Überwachungsstützpunktes Brocken bevorstand, und gab 1952 seiner Tochter Margret das Originalrezept, berichtet Walter Möller respektvoll. Margret soll in Bad Lauterberg den echten Schierker Feuerstein produzieren. Drube selbst bleibt in Schierke und stellt seine Schöpfung nun nach einer ‚Kriegsrezeptur‘ her. Viele der Kräuter sind schlecht oder gar nicht zu beziehen. So hieß es häufig, der Schierker Feuerstein schmecke im Osten etwas süßer als das Original. Doch noch im selben Jahr stirbt der Erfinder des Schierker Feuersteins im Alter von 72 Jahren und wird am Schierker Friedhof beigesetzt.

Der inzwischen in Bad Lauterberg angesiedelte Familienzweig darf zur Bestattung nicht einreisen, beobachtet die Zeremonie aber vom Wurmberg aus mit dem Fernglas. Die verweigerte Anreise hinterlässt tiefe Wunden. Die Produktion in Schierke wird von Willy Drubes Enkelin bis zur Enteignung im Jahre 1972 weitergeführt. Bis zur Wiedervereinigung geht der volkseigene Betrieb Schierker Feuerstein ins Getränkekombinat Magdeburg über, während in Bad Lauterberg die Schierker Feuerstein KG zunächst unter der Führung von Tochter Margret und ihrem Mann Ernst Geyer weitergeführt wird.

Anfang der 1960er-Jahre übernimmt deren Sohn Dieter den Betrieb bereits in dritter Generation. Er bewahrt Willy Drubes Testament wie einen Schatz. Das Schriftstück besagt, dass die Apotheke in Schierke in Familienbesitz bleiben soll. „Wir sagten meinem Vater immer: ‚Papa, das wird doch nie was.‘ Doch er glaubte fest an die Wiedervereinigung“, erinnert sich Britta Möller an die Unerschütterlichkeit ihres Vaters Dieter Geyer. Und er sollte tatsächlich Recht bekommen: 1989 fiel die Mauer. Schierker Feuerstein aus dem Osten dient in dieser Zeit sogar als Tauschobjekt für Westware wie beispielsweise Glühbirnen. Dieter Geyer hält sich aber nicht lange mit Feiern auf, sondern macht sich sofort auf den Weg und ist einer der Ersten, die geschäftlich in den Osten gehen. Für die wenigen Kilometer, die ihn vom Stammsitz seiner Familie trennen, muss er am Anfang den weiten Weg über Berlin auf sich nehmen und sich ein Dreitagesvisum für das immer noch im Sperrgebiet liegende Schierke besorgen. „Ihm gelang es, das Unternehmen noch vor der Wiedervereinigung an seine ursprünglichen Besitzer überschreiben zu lassen.

Eine wichtige Weichenstellung für unser Unternehmen“, so Britta Möller. Im Juli 1990 sind die beiden Betriebe zusammengeführt. Der Jubel ist grenzenlos. Die elf Mitarbeiter aus Schierke werden alle übernommen und arbeiten zum Teil noch heute für das Unternehmen. Die Produktion wird aber mit der Zusammenführung zum Großteil nach Bad Lauterberg verlagert. Im ‚Stammhaus Alte Apotheke‘ in Schierke befindet sich auch heute noch der Verkaufsladen und das wunderbar aromatisch riechende Kräuterlager, in dem die geheime Mixtur zusammengestellt wird. Stolz und froh über die Sammelleidenschaft seiner Vorfahren zeigt Möller die aufgehobenen Schätze der Harzer Getränkeproduzenten: Museumsgleich schaffen Reliquien, wie vergilbte Postkarten, kunstvoll beschriftete Phiolen und Ampullen, farbenfroh drapierte Kräuterproben und ledergebundene Arzneibücher auf einem alten Apothekertresen sowie unzählige Schwarz- Weiß-Fotos, eine Zeitreisenatmosphäre, die mit den modernen Merchandising-Artikeln wie werbebedruckten Kleidungsstücken und durch Schierker Feuerstein veredelten Würsten und Marmeladen endet.

Wesentlich moderner geht es in den 1998 erweiterten Produktionshallen in Bad Lauterberg zu. Bis zu 20.000 Flaschen können hier stündlich abgefüllt, verschlossen, etikettiert und verpackt werden. Kunden aus ganz Deutschland warten auf Lieferungen von einem der 46 noch produzierenden Spirituosenherstellern in Deutschland.

„In den 1980er-Jahren waren dies noch über 250 – allein in der damaligen Bundesrepublik. Seitdem werden weniger alkoholische Getränke konsumiert, und es hat ein enormer Verdrängungswettbewerb stattgefunden“, beklagt Walter Möller einerseits die schwierigen Marktbedingungen, andererseits macht es den aus Northeim stammenden Destillateur und Brennermeister stolz, dass sein Unternehmen dennoch gleichbleibende Mengen absetzt. Er führt dies auf eine stringent verfolgte Marketingpolitik zurück. Diese zeigt ihren Erfolg in den erhaltenen Labels ‚Kulinarischer Botschafter Niedersachsen‘ in den Jahren 2013 und 2014 sowie ‚Typisch Harz‘. Das Land Niedersachsen und der Harzer Tourismusverband belohnen damit das klare Bekenntnis der Inhaberfamilie zur Region. „Wann immer es möglich ist, arbeiten wir mit Lieferanten und Partnerfirmen aus der Region zusammen“, sagt Britta Möller. „Dass wir mit solchen Auszeichnungen belohnt werden, spornt uns natürlich an.“

Ebenso motivierend hätten die unverhofften Vorträge eines prominenten Schierker-Fans gewirkt. „Wir haben durch Zufall erfahren, dass Fußballprofitrainer Mirko Slomka über die gedanklichen Verbindungen von prägnanten Begriffen mit Persönlichkeiten und Orten referierte. Mehrmals führte er dabei an, dass ihn der Begriff Harz immer an Schierker Feuerstein denken lasse“, ergänzt ihr Mann erfreut über diese Marketing- Unterstützung. So ein Standing erlangt man natürlich nur, wenn eine stets gleichbleibend hohe Qualität garantiert ist. Möllers geben dieses Versprechen, weil sie auf ein gut eingespieltes 28-köpfiges Team setzen können. Vom Ansetzen der Kräuter über die Abmischung in den großen jeweils 5.000 Liter fassenden Edelstahltanks bis hin zur Abfüllung des 35-prozentigen Getränkes mithilfe modernster Maschinen, greift hier ein Zahnrad in das andere. Als kaufmännische Leiterin des Betriebes hat Britta Möller stets ein wachsames Auge auf die stark schwankenden Kräuterpreise und die komplizierten Bestimmungen, die das Zollwesen mit sich bringt. Denn diesem Recht unterliegen alle Produzenten von alkoholischen Getränken.

Seit 2007 führen Britta und Walter Möllers nun gemeinsam den Betrieb. Sie haben das Zepter vom damals bereits schwer erkrankten und im Jahr 2013 verstorbenen Dieter Geyer übernommen. In den Jahren zuvor war diese Unternehmensnachfolge schon sorgfältig vorbereitet worden. Britta Möller hofft, auch den nächsten Generationenwechsel innerhalb der Familie vollziehen zu können. Die beiden Söhne sind inzwischen 15 und 17 Jahre alt und haben den Betrieb bereits durch Praktika kennengelernt. „Es ist schön, das Interesse der beiden zu sehen. Wir würden uns sehr freuen, wenn der Betrieb in Familienhand bliebe. Aber wir drängen sie zu nichts. Auch ich habe die Entscheidung für mich getroffen“, sagt die Mutter.

Viel wichtiger als die noch in ferner Zukunft liegende Weitergabe des Dirigentenstabes sei ihnen im Moment die Etablierung ihres Markenproduktes auf dem internationalen Markt. „Wir möchten in anderen Ländern Fuß fassen. Ein schwieriges, aber vielversprechendes Projekt. Schierker Feuerstein soll auch im Ausland eine Marke werden“, skizziert Walter Möller die Pläne für die Zukunft des traditions- und geschichtsreichen Harzer Kräutergetränks.

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