©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Elena Schrader

Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen, gewinnt in unserer Welt seit Jahren zunehmend an Bedeutung. Jetzt ist sie besonders gefordert. Resilienzexperte Sebastian Mauritz erklärt, wie wir uns für Krisensituationen im Leben wappnen – und sogar stärker daraus hervorgehen können.

Immer wieder werden wir in unserem Leben mit Situationen konfrontiert, die uns emotional, manchmal sogar existenziell vor Herausforderungen stellen und uns gleichzeitig die Chance bieten, unser Leben bejahend und selbstgesteuert in die eigenen Hände zu nehmen. Eine solche Situation ist für viele die Corona-Krise. Zum Glück verfügt jeder Mensch von Natur aus über eine psychische Widerstandsfähigkeit, mit eben solchen Belastungen umzugehen, sich von ihnen zu erholen und wieder in seinen normalen ausgeglichenen Zustand zurückzufinden. Diese Fähigkeit wird als Resilienz bezeichnet – und ihre Stärkung beginnt bei jedem selbst. Resilienzexperte Sebastian Mauritz aus Göttingen erklärt im Interview, warum es erst einmal wichtig ist, zu verstehen, wie wir Menschen überhaupt ,funktionieren‘, bevor wir uns gegen Probleme und Stress immunisieren können.

Herr Mauritz, seit vielen Jahren beschäftigen Sie sich als Resilienz-Lehrtrainer mit Stress, Burn-out und Krisen. Sie haben viele Hunderte Trainingstage, Seminare und Workshops auf Ihrem Konto. Trifft die Corona-Krise auch Sie persönlich? Oder haut so eine Krise Experten wie Sie überhaupt nicht mehr um?

Ich persönlich lebe, was ich lehre, und plane gerne im Voraus mehr als ein Szenario, meist zwei oder drei. Wenn dann eines eintritt, sei es auch ein wenig anders als erwartet, dann kann ich die Herausforderungen viel besser angehen. Natürlich war von einem auf den anderen Tag auch mein Terminkalender erst einmal für zwei Monate leergeräumt. Doch durch Corona stieg auch der konsequente Wunsch nach Online-Veranstaltungen rasant, und vieles wurde in kürzester Zeit auf entsprechende Formate umgestellt. Ich habe zudem schnell aus der Not eine Tugend gemacht und einen Online-Resilienz-Kongress ins Leben gerufen, bei dem ich mit über 50 Kollegen über eben dieses Thema sprach. Am Ende hatten wir über 50 Stunden Videomaterial erstellt. Ich habe an meinem neuen Buch gearbeitet und eine Kooperation mit einer anderen Akademie ins Leben gerufen – es war also durchaus eine produktive Zeit.

Bedeutet Resilienz also, dass alles an einem abprallt?

Eindeutig nicht. Für Resilienz gibt es nicht ,die‘ eine Definition. Für mich ist Resilienz das, was Menschen während und nach Widrigkeiten psychisch gesund hält. Die Frage wiederum, was einen psychisch gesund hält, hängt dabei ganz stark mit der Anpassungsfähigkeit jedes Einzelnen zusammen. Also: Wie gut kann ich mich an bestimmte Umstände anpassen? Aber auch: Wie kann ich mich regulieren? Es geht darum, mich nach einer Belastung wieder in meine Mitte zu regulieren. Wichtig ist, dass man in einer Krise nicht das Steuer aus der Hand gibt, sondern dass man sich mit den Gefahren und Chancen auseinandersetzt. Ich nenne das ein Problem-Lösungs-Schaukeln.

Wodurch zeichnen sich resiliente Menschen eigentlich aus?

Den Vorteil, den resiliente Menschen haben, ist aus meiner Sicht, dass sie schneller wissen, was da auf sie zukommt. Sie haben ein höheres Maß an Verstehbarkeit, das bedeutet, sie können Dinge schneller einordnen. Ärger oder Stress können entweder auf emotionaler Ebene handlungsunfähig machen, oder sie lassen den Menschen auf funktionaler Ebene in seine Selbstwirksamkeit kommen. Resiliente Menschen treffen also zielgerichtete Entscheidungen und lassen sich nicht von ihren Emotionen überwältigen.

Ist das eine Frage der Intelligenz?

Nein. Wir sind im Grunde alle resilient und der überlebende Beweis, dass wir bisher stärker waren als das Leben.

Welche Gefühlsprozesse entstehen denn in uns während einer Krise?

Am Beginn von Krisen entstehen erst einmal Irritationen. Und das bedeutet, ein bisheriges Muster im Denken, Fühlen und Handeln funktioniert nicht mehr. Menschen, die nicht gelernt haben, damit umzugehen, reagieren auf diese Irritationen schnell mit Angst. Meine Umdeutung für ‚Irritation‘ ist hingegen: Es sind Momente neuen Lernens. Immer, wenn ich irritiert bin, sage ich mir: ,Das ist ja interessant.‘

Wie kann ich Stresssymptome frühzeitig erkennen, um nicht in eine Abwärtsspirale zu geraten, die zu einer tiefergehenden Krise führt?

Viele Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, berichten davon, dass sie die ganze Zeit grübeln – also in permanenten Gedankenschleifen feststecken. Als Zweites gehört Schlafmangel dazu. Schlaf ist essenziell für die Regeneration, fehlt er, gerät der Mensch schneller in Stresszustände. Und als Drittes folgt dann meistens der soziale Rückzug.

Haben Sie eine Erste-Hilfe-Maßnahme, die Sie auch selbst anwenden?

Ich habe in den letzten Wochen sehr viel meditiert und auf meine Atmung geachtet. Um die Emotionen zu regulieren, empfehle ich die Resonanzatmung: fünf Sekunden einatmen und fünf Sekunden ausatmen – zehn Minuten lang. Das ist aus meiner Sicht das Beste und Stärkste, was nicht nur in der Krise, sondern auch vorbeugend hilft. Denn wie resilient ein Mensch wirklich ist, zeigt sich letztlich immer erst in einer Krise. Mit der Resonanzatmung steigert man langfristig die Stärke des präfrontalen Cortex, den man auch als Resilienzmuskel im Gehirn bezeichnet.

Sehen Sie denn jede Herausforderung im Leben als Chance?

Eine Herausforderung ist grundsätzlich eine Aufgabe, die mich Kraft kostet. Ich definiere Herausforderung so, dass ich hier den Weg kenne – im Gegensatz zu einem Problem, wo ich ihn nicht kenne. Es geht hierbei um die innere Haltung. Ich entscheide, ob ich eine Herausforderung annehme, ob ich also die Chance nutze, um zu wachsen und meine Komfortzone erweitere. Auf der anderen Seite muss ich aber eine Herausforderung nicht annehmen. Ich kann mir sagen, das ist mir gerade zu anstrengend, ich muss jetzt auf meine Ressourcen achten. So ähnlich, wie wenn man zu einem Duell herausgefordert würde: Man muss nicht zu jedem Duell gehen, weil man auch immer mit den Folgen leben muss.

Brauchen wir also Krisen als Motor für Entwicklung?

Tja, die wesentlichen Entwicklungen in meinem Leben habe ich durch Krisen gemacht. Und egal, wen sie fragen, alle werden Ihnen dieses Phänomen bestätigen. Die wirklich zentralen Veränderungen kamen im Leben eines jeden Menschen durch Krisen. Die erste Krise, die wir alle haben, ist die Geburt, dann folgt die krisenhafte Erkenntnis, dass es ein Ich und ein Du gibt, die Schule, die Pubertät und so weiter. Und so gibt es auch weiterhin im Leben immer kleinere und größere Krisen – bis zum Tod als letzte Krise. An der Auseinandersetzung mit diesen wächst man.

Welche Krise hat Sie persönlich besonders stark gemacht?

Ich wäre einmal beinahe bei einer Nachtwanderung gestorben. Wenn ich damals eingeschlafen wäre, dann wäre ich nicht wieder aufgewacht. Ich war mit Freunden in einer Hütte auf einem Gletscher. Abends kamen wir auf die ,kluge‘ Idee, noch einmal spazieren zu gehen. Wir waren viel zu dünn angezogen, und ich beschloss auf halben Weg, allein umzukehren. Dann habe ich mich verlaufen und war plötzlich in einem Schneefeld. Trotz eines schlechten Gefühls hatte ich die Gruppe verlassen, weil ich einfach müde war. Rückblickend hätte ich erst gar nicht mitgehen sollen. Und das war für mich die zentrale Erkenntnis: Ich habe dort gelernt, sehr auf mein Bauchgefühl zu hören und nichts zu tun, wonach ich mich nicht fühle. Mit einem, wie ich finde, für mich sehr positivem Outcome.

Vielen Dank für das Gespräch!