Das Kreuz mit dem Kreuz

Text von: redaktion

“Ich hab's im Rücken“ − diesen Spruch haben Sie bestimmt schon gehört oder sogar selbst schon geäußert. Doch wie kann man dem Schmerz begegnen?

Jährlich entstehen durch Rückenschmerzen in Deutschland insgesamt Kosten in Höhe von fast 49 Milliarden Euro. Kosten, die von der Krankenkasse (Behandlung und Rehabilitation), vom Arbeitgeber (Fehlzeiten und Produktionsausfälle), vom Staat (Frühverrentung) und nicht zuletzt vom Patienten, der bei vielen Behandlungsmethoden zuzahlen muss, getragen werden.

Diese erschreckend hohe Zahl hat das Deutsche Forschungsnetzwerk für Rückenschmerzen 2008 ermittelt. Die so genannte Volkskrankheit hat also bereits eine immense wirtschaftliche Bedeutung, und doch findet sie, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist, wenig Beachtung im persönlichen Bereich.

Stecken keine offensichtlichen bzw. ernsthaften Erkrankungen dahinter, wird der Spruch „Ich hab’s im Kreuz“ oft gekontert mit „Das renkt sich wieder ein“. Doch so einfach ist es nicht:

Denn Rückenschmerzen zu ignorieren, kann die allgemeine Gesundheit, sowohl körperlich als auch seelisch, auf Dauer schwer beeinträchtigen. Daher sollten Sie Schmerzsymptome durchaus ernst nehmen. Doch ab welcher Schmerzgrenze ist das eigene Wohlbefinden eingeschränkt, und ab wann sind Rückenschmerzen ein Fall für den Arzt?

Treten sie plötzlich und sehr heftig auf, ist die Sache klar: Nach einem Sturz, wenn keine Bewegung mehr möglich ist, muss natürlich ein Arzt zu Rate gezogen werden.

Doch manchmal spürt man den Rücken einfach nur unangenehm − eine Bewegung verursacht Unbehagen, oder selbst das Liegen ist unbequem. Dabei hat man oft nur etwas zu Schweres gehoben, zu schnell den Kopf gedreht oder über längere Zeit eine zu starre Haltung eingenommen, und schon ist es passiert. Diese Art von Schmerzen verschwindet meistens wieder nach ein paar Tagen, mit oder ohne ärztliches Zutun.

Wenn der Patient es wünscht, verweigern sich die meisten Ärzte natürlich nicht, das Wundermittel Spritze zu verabreichen. Solch medizinische Ersthilfe kann jedoch schwerwiegende Folgen haben. Denn wird anfangs zwar der Schmerz betäubt, bleibt unklar, ob es die richtige Maßnahme war. Die Verlockung ist groß, auch das nächste Zipperlein derart zu behandeln. Und so wird eine Spirale in Gang gesetzt, die den eigentlichen Ursachen bei ernsthaften Rückenschmerzen nicht wirklich entgegenwirkt.

Den Schmerz zu beobachten, hilft da schon wesentlich mehr. Bleibt er hartnäckig über ein paar Tage, fängt man an, eine Haltung einzunehmen, die Schonung verspricht. Oder man greift zum Schmerzmittel, um sich selbst zu beweisen „Das geht schon“.

Falsch! In dem Moment, wo Sie merken, dass der Rücken länger wehtut, als Sie es von ganz normalen Schmerzen kennen, die durch eine falsche Bewegung oder Zugluft herrühren, und auch, wenn die Schmerzen zwar nicht lange bleiben, aber immer wieder kommen: Gehen Sie unbedingt zum Arzt! Denn eine gut gemeinte Schonhaltung bringt den Bewegungsapparat in ein ungesundes Ungleichgewicht und ruft in der Folge selbst Schmerzen hervor. Ohne Bewegung baut die Muskulatur ab, und der Rücken kann schlechter stabilisiert werden. Ein Teufelskreis, der das Auftreten von Rückenschmerzen eher fördert. Und Tabletten wirken auch nicht ewig.

Wie aber erkennen Sie einen guten Arzt? Wenn keine ernsthaften Verletzungen vorliegen, fordert er ein, dass Sie selbst einen Beitrag leisten! Er greift nicht gleich zur Spritze, gibt nicht nur den Rat, kürzer zu treten, und er verschreibt nicht einfach nur wohltuende Therapien. Vor allem wird er Sie sich ganz genau anschauen, in Fachkreisen spricht man von der „4A-Diagnose“: Anamnese, Ausziehen, Anschauen, Anfassen. Was nichts anderes heißt, als dass Sie zunächst nach der Art ihrer Schmerzen gefragt werden, nach familiären Vorbelastungen und auch, ob Sie eine seelische Belastung haben. Beim anschließenden Blick auf den nackten Rücken und der Beobachtung bestimmter Haltungen, kann der Arzt sehr wohl erkennen, was nicht in Ordnung ist.

Zu gern wird noch ein Röntgenbild empfohlen, doch ist es nicht immer notwendig. Grundsätzlich kann eine Apparatediagnostik nur unterstützen. Oft genug kommt es vor, dass unter der MRT Bandscheibenvorfälle sichtbar sind, die jedoch nie Schmerzen verursacht haben.

Keine Wirbelsäule ist frei von Fehlern, und möglicherweise rufen sie nie Probleme hervor. Die häufigste Ursache für Rückenschmerzen liegt nämlich sehr oft nicht im Rücken selbst, sondern ist eine Folge von unterschiedlichen Faktoren, die zusammengenommen den Rücken belasten. Ein wesentlicher faktor ist dabei die seelische Belastung: Mobbing am Arbeitsplatz, Zukunftsängste und private Unzufriedenheit gehören dazu. Wenn also sprichwörtlich zu viele Dinge auf einem lasten, dann streikt oft auch der Rücken. Also macht es Sinn, unspezifische Rückenleiden komplex zu behandeln.

Im Schmerzzentrum an der Universitätsklinik Göttingen ist dafür ein eigenes Programm für Patienten entwickelt worden, das alle ursächlichen Aspekte miteinbezieht: GRIP − das Göttinger Rücken Intensiv Programm. „Körper und Seele sind eine Einheit“ − nach diesem Grundsatz wurde die ganzheitliche Behandlung entwickelt. Vier Wochen lang kümmern sich Arzt, Physio-, Sport- und Psychotherapeut im Rahmen eines organisierten Stundenplans um die Patienten. Eingebunden in eine Gruppe von ebenfalls Betroffenen werden Sport- und Bewegungsübungen gemacht, es wird zur Bewegung motiviert, aber auch Entspannungsübungen absolviert. Und selbstverständlich finden Einzelgespräche statt, in denen über das psychische Befinden gesprochen wird.

Wichtig für Michael Strumpf, Leiter des Bereichs Schmerztherapie an der Universitätsmedizin Göttingen, ist dabei die Rückmeldung der mitbehandelnden Experten: Wirken die verschriebenen Medikamente, oder lösen sie unerwünschte Nebenwirkungen aus, verbessert sich der Bewegungsradius, inwieweit spielt das persönliche Umfeld eine Rolle, und muss der Patient angehalten werden, in diesem Punkt etwas zu ändern. Durch diese interdisziplinäre Arbeitsweise kann jedem individuell geholfen werden.

Oft jedoch müssen die Patienten überhaupt ermutigt werden, sich zu bewegen. Besonders wenn sie merken, dass die Schmerzen durch die angeleitete Bewegung erstmal stärker werden. Dass das normal ist, hängt von der oben genannten Schonhaltung ab, Muskeln und Knochen müssen in ein harmonisches Zusammenspiel zurückgeführt werden. Und ist dieses wieder eingestellt, dann muss es durch konstantes Training erhalten bleiben.

Alle anderen Behandlungsmethoden wie Fangopackungen, Massagen oder auch Akupunktur und Akupressur sind daher nur als komplementäre Maßnahmen geeignet. Genauso wie spezielle Rückenübungen nicht alleine helfen, sondern unbedingt im Kontext eines Gesamttrainings gesehen werden müssen. „Wer rastet, der rostet“ ist eine uralte und doch sehr aktuelle Weisheit. Und diese Weisheit gilt selbstverständlich auch bei der Vorbeugung.

Selbst wenn Sie den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, können Sie dafür sorgen, dass sich Ihre Wirbelsäule bewegt: Unterschiedliche Sitzpositionen fordern Ihre Wirbelsäule immer wieder heraus. Und natürlich beugen Sie am Besten mit einer Kräftigung der Muskulatur vor. Ausdauersport, der den ganzen Körper fordert, wie beispielsweise Nordic Walking, ist empfehlenswert.

„Tango statt Fango“, rät auch Professor Strumpf. Sogar im Schlaf können Sie Ihrer Wirbelsäule Gutes tun, indem Sie ein Matratzensystem wählen, das ihren Körper optimal entlastet und stützt. Die Kosten für solche „Gebrauchsgegenstände“ scheinen oft sehr hoch. Doch umgerechnet auf die Lebensdauer wirklich guter Produkte, sind sie auf Dauer preiswerter als Schnäppchenangebote. Und das Wichtigste ist doch Ihre Gesundheit − das sollte sie Ihnen wert sein!