Das Herz wird nicht dement

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Text von: Christina Sittig-Gebhardt

Das Sprichwort ,Essen hält Leib und Seele zusammen‘ hat für erkrankte Personen seine eigene Bedeutung. Denn: Essen ist weitaus mehr als nur Ernährung,  ganz besonders für Menschen mit Demenz.

Bis dato gibt es kein Patentrezept für die Vorbeugung einer demenziellen Veränderung, da die Arten der Demenz äußerst vielfältig sind. Medikamente verlangsamen lediglich den Verlauf und heben die Stimmung, aber heilen nicht aus. Auch eine gesunde Ernährung kann Demenz nicht verhindern, doch gibt es einige Regeln, wie man der Erkrankung zumindest entgegenwirken oder sie positiv beeinflussen kann.

Eine beginnende Demenz geht zunächst oft mit Essensunlust, Müdigkeit und Übelkeit einher, ähnlich wie bei Infektionen. Hier kann es folglich sehr schnell zu einer Mangelernährung kommen. Gut zu erkennen ist dies an einer Verschlechterung der Muskelfunktionen (hohe Sturzgefahr), einem geschwächten Immunsystem (häufige Infektanfälligkeit), beginnenden Wundheilungsstörungen, einer Dekubitusgefahr (bei bettlägerigen Menschen) oder einem insgesamt verlangsamten Gesundungsprozess.

All dieses gilt es zu verhindern und den Ernährungsstatus des Patienten zu kontrollieren, damit Gewichtsverluste vermieden werden. Aber auch eine stark über gewichtige Person kann mangelernährt sein. Das erkennt man insbesondere daran, dass der Bauch zwar dick, aber die Beine immer dünner, kraftloser und damit schwächer werden.

Aus ernährungstherapeutischer Sicht muss präventiv und therapeutisch immer auf den Vitamin-B12-Status geschaut werden. Dieses Vitamin benötigen wir für unsere psychische und physische Leistungsfähigkeit. Ein Mangel kann hier zu Verwirrtheit, Psychosen und Orientierungslosigkeit führen. Vitamin B12 ist überwiegend in Vollkornprodukten und Fleisch enthalten, aber auch in Gemüsen, welche gerade bei älteren Menschen – auch aufgrund der Kau- und Schluckfähigkeit und der Kochkompetenz – in immer geringeren Mengen und seltener auf dem Speiseplan stehen. Hier kann ein geeignetes Nahrungsergänzungsmittel oder eine spezifische ernährungstherapeutische Beratung helfen, um Defizite auszugleichen.

Zudem sollte die Schilddrüse optimal eingestellt sein. Stellen die Angehörigen fest, dass es sehr starke und schnelle Gewichtsabnahmen oder auch -zunahmen gibt, muss der Facharzt konsultiert werden.

Im weiteren Verlauf der Demenz treten nach und nach immer mehr Probleme mit der Nahrungsaufnahme auf. Sei es, weil der Demenzkranke das Essen als solches nicht erkennt oder bisher Bevorzugtes nicht mehr mag, sei es, weil er mit dem Besteck nicht zurechtkommt oder durch die Umgebung gestört wird und sich nicht aufs Essen konzentrieren kann. Mit fortschreitender Demenz kommen dann zusätzlich Probleme beim Kauen sowie Schluckstörungen zum Tragen.

Manchmal behindern auch Schmerzen im Mundbereich das Essen, etwa infolge von Druckstellen aufgrund einer schlecht sitzenden Zahnprothese oder auch wegen einer Infektion im Rachenraum. Dann sind die Pflegekraft oder der Arzt gefragt.

Bei Personen, die allein leben, kann zusätzlich das Problem entstehen, dass sie nicht mehr ausreichend einkaufen oder das Essen nicht mehr zubereiten können. Die Angehörigen nehmen dann sehr gerne das Angebot von ‚Essen auf Rädern‘ in Anspruch. Doch auch hier kann es problematisch werden, wenn der demenziell erkrankte Mensch mit der Form des gelieferten Essens nicht zurechtkommt, zum Beispiel das Essen als solches nicht erkennt oder die Verpackung nicht öffnen kann.

Was kann man also bei Ernährungsproblemen tun? Die erste Frage, die sich immer stellt, ist: Wann, wie oft und warum tritt ein Problem auf – und wie äußert es sich? Die nächste Frage sollte dann sein: Welche Maßnahmen bieten sich an? Hilfreich ist oft zu klären, inwieweit der Alltag und die Umgebung so gestaltet werden können, dass sie das Essen unterstützen. Gemeinsam eingenommene Mahlzeiten gliedern den Tagesablauf, lassen Gemeinschaft erleben, vermitteln Genuss und Wohlbefinden und rufen häufig auch Erinnerungen wach.

Solange sich die Erkrankten noch an den Essensvorbereitungen beteiligen können, fühlen sie sich außerdem noch bestätigt und erleben sich selbst als gebraucht. Zum gemeinsamen Zubereiten gehören eine ruhige Atmosphäre mit allenfalls leiser Hintergrundmusik, viel Zeit, das Vermeiden von Hektik, ein einfaches Eindecken, wenig Dekoration, rote Farbe (Geschirr, Tischsets, Gläser), gewohnte Abläufe und Rituale (inklusive Tischgebet) und das Anbieten von Bekanntem.

Ebenfalls hilfreich sein kann, vermehrt Geschmack an das Essen zu bringen (etwa, Gewürze verstärkt einzusetzen), immer gemeinsam zu essen, eventuell mit der süßen Nachspeise zu beginnen, weil diese den Appetit anregt, stets nur einen Gang zu servieren und die Essbewegung vorzumachen, wenn der Erkrankte sich nicht mehr erinnert, wie essen funktioniert. Wenn das Besteck nicht mehr benutzt werden kann oder der demenziell veränderte Mensch rastlos herumläuft, bietet sich Fingerfood an. Wichtig sind auch mehrere Zwischenmahlzeiten und späte Abendmahlzeiten.

Da jeder Erkrankte mit seiner Demenz ein Individuum bleibt, ist auch die Ernährung bis zum Lebensende individuell. Das Wichtigste ist auch hier die Biografiearbeit und für Angehörige, Pflegepersonal oder Betreuer das Wissen um individuelle Vorlieben des Betroffenen.

‚Das Herz wird nicht dement.‘ Diesen Gedanken gilt es, für den Umgang mit demenziell veränderten Menschen zu bewahren. Jede Mahlzeit kann Freude und erneute Vorfreude produzieren und wunderbare Momente und Erinnerungen hervorrufen. Daher ist die beste Demenzprophylaxe, Ernährung, Bewegung und Entspannung in Einklang zu bringen.


Zur Autorin

Christina Sittig-Gebhardt ist Ernährungsberaterin und -therapeutin mit einem Zertifikat für Ernährungspsychologie. Im Evangelischen Krankenhaus Weende und der Praxis Villa Dahlmann berät die Diplom-Oecotrophologin zu ernährungsabhängigen Erkrankungen und funktionellen Störungen oder nach chirurgischen Operationsmaßnahmen. Im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit hat sie Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen in Klinik, Industrie und Handel gesammelt und ist seit 2010 freiberuflich tätig.
www.christina-sittig.de