Das Gehirn ist kein Muskel

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther verrät, wie Sie eingefahrene Gleise verlassen und die Spielfreude zurückgewinnen.

In der Geschichte der Menschheit gelten Männer als das starke Geschlecht. Sie sind Eroberer, Entdecker, Forscher und Abenteurer.

Herr Professor Hüther, wieso bezeichnen Sie die Männer in Ihrem neuen Buch nun pauschal als das schwache Geschlecht?

Wir sehen nur die, die wirklich eine solche Karriere gemacht haben. Aber es gibt wesentlich mehr Männer, die es trotz Anstrengung nicht schaffen. Und diejenigen, die nicht Mondflieger oder Nobelpreisträger werden können, verlaufen sich auf der Suche nach Halt.

Manche werden Muttersöhnchen, um ihrer Mama zu gefallen, andere schließen sich neonazistischen Gruppen an und fühlen sich dadurch stark.

Männer sind anfällig für Angebote, die Halt bieten, weil sie schwächer auf die Welt kommen. Das sie bestimmende Y-Chromosom ist nichts anderes als ein Ersatzrad.

Und mit diesem sind sie bereits im Mutterleib wesentlich anfälliger für Risiken. Schon die Sterblichkeit ist bei männlichen Embryonen und Frühgeborenen nachweisbar höher als bei Mädchen, einfach weil sie empfindlicher und vulnerabler sind.

Agieren Männer also von Natur aus aggressiver, weil sie ums Überleben kämpfen müssen?

Nein, das ist eine falsche Lesart. Dadurch, dass Jungen konstitutionell schwächer sind, suchen sie Halt. Und Halt finnden sie vor allem in der Liebe, die ihnen die Eltern geben. Fehlt diese, werden sie sich den Halt woanders suchen und möglicherweise scheitern.

Wie können Eltern ihrem Kind Halt geben?

Durch unbedingte und vorbehaltlose Liebe. Eltern müssen vom Kind begeistert sein und nicht von dem Gedanken, was sie aus ihm machen können!

Es ist wichtig, dass Eltern in ihrem Kind nicht sich selbst verwirklichen und ihm ihre eigenen Lebensvorstellungen einpflanzen. Oft strebt ein Kind dem Willen der Eltern nach, weil es keinen anderen Weg weiß, um die Liebe der Eltern zu gewinnen. Aber diese Ambition geht in die falsche Richtung und führt im späteren Leben zu Problemen.

Welche Rolle spielt dabei der Vater?

Um das eigene Potenzial entfalten zu können, ist die Spielfreude des Vaters die wichtigste Voraussetzung. Nur daraus kann sich eine stabile Beziehung entwickeln, eine Sicherheit und somit ein Halt, den das Kind für das spätere Leben braucht.

Viele sind im Beruf schon sehr gefordert, und es fällt ihnen schwer, abends noch Zeit mit den Kindern zu verbringen. Was raten Sie ihnen?

Natürlich ist es nicht einfach, sich nach einem Arbeitstag noch selbst zu animieren. Aber dann müssen Sie Ihr Gehirn aufschrauben und Begeisterung finden. Denn nur wer Begeisterung vorlebt, kann sie weitergeben.

Wenn Sie Ihrem Kind vermitteln, dass Ihnen Ihre Arbeit keinen Spaß macht, hat es auch kein Interesse daran, selbst einen Beruf zu ergreifen.

Bedenken Sie, dass Kinder leben, was Eltern sind, und nicht, was diese sagen. Das heißt, eine vorgegaukelte Begeisterung durchschauen sie sofort, Kinder lassen sich nicht täuschen.

Spaß an der Arbeit ist also wichtig. Nur wie kann man sich selbst oder andere im Unternehmen motivieren?

Zunächst einmal: Sie können niemanden zu etwas motivieren. Damit verraten Sie schon, dass Sie die Person nach Ihrer Vorstellung abrichten wollen. Denn um zu erreichen, dass sie in Ihrem Sinne handelt, arbeiten Sie schon unbewusst mit Belohnung und Strafe.

Motivation ist daher der falsche Ansatz, da er mit Eigennutz verbunden ist. Nein, Sie können nur jemanden inspirieren, ihm die Möglichkeit geben, selbst etwas für sich zu entdecken.

Man muss den Menschen, mit dem man zusammenarbeitet, auch mögen, nur dann funktioniert eine Beziehung. Wenn ich nur eine Fähigkeit des Menschen wertschätze, benutze ich ihn schon, betrachte ihn als eine Ressource.

Motivieren kann ich nur mich selbst, und auch das geht, wie man von guten Vorsätzen kennt, nicht immer gut.

Was motiviert Sie?

Ich begeistere mich am Leben, habe Ehrfurcht vor dem Leben. Deswegen bin ich auch Biologe geworden.

Und wie können Eltern ihre Kinder begeistern?

Das ist in der heutigen Gesellschaft zugegebenermaßen schwierig, denn die Jugend bekommt vorgelebt, dass selbst Erwachsene nicht älter werden wollen. Der Jugendwahn führt dazu, dass sie es nicht erstrebenswert finden, erwachsen zu werden, geschweige denn, arbeiten zu gehen.

Sie können das sehr gut an dem Phänomen Hotel Mama beobachten. Vor allem junge Männer machen es sich dadurch bequem.

Also: Es muss Spaß machen, ein Mann zu sein und es vorzuleben, damit Jungen dies mit Positivem verbinden.

Aber sind Männer nicht genetisch vorprogrammiert?

Viel zu lange wurde an der genetischen Begründung für das Mannsein festgehalten. Und das gerne, weil es die Verantwortung abgibt.

Gründe dafür, wie wir sind und warum wir uns nicht ändern brauchen, haben wir immer gefunden: zuerst in der Religion, dann in der Genetik, dabei sind die Gene bis auf den winzig kleinen Unterschied der Geschlechtschromosomen gleich!

Neuerdings werden alte Verhaltensweisen mit der unterschiedlichen Größe des Gehirns begründet. Aber auch das ist Quatsch, denn ein Gehirn wird nur so, wie es sich entwickelt, und das liegt in unserer Hand.

Es gibt also keine festgeschriebene Ursache für die Unterschiedlichkeit der Geschlechter?

Nein. Und die frohe Botschaft der modernen Hirnforschung ist: Das Gehirn ist kein Muskel. Das heißt, es wird nicht so, wie man es benutzt, sondern so, wie man es mit Begeisterung benutzt!

Durch die Aktivierung der emotionalen Zentren im Gehirn – wenn es uns also unter die Haut geht – dann werden neuroplastische Botenstoffe gebildet, die Dünger für das Gehirn sind. Und diese Begeisterung kann sich vor allem im freien Spiel entwickeln.

Die traditionelle Männerrolle ist also überholt?

Das ganze alte Theater ist unbrauchbar geworden, Männer müssen weg von der Schauspielerei.

Stattdessen müssen wir authentisch bleiben, so wie wir als Kinder waren. Dann sind Denken, Fühlen und Handeln eins. Das zeigt sich als Charisma, Souveränität – man sieht es von außen. Das sind Führungspersönlichkeiten.

Falsch wäre, anders zu denken, als man fühlt. Anteile von sich abzutrennen, Gefühle sowie die Beziehung zum eigenen Körper und Bedürfnisse zu unterdrücken.

Kann man daraus eine Handlungsweise für Unternehmer ableiten?

Jede Führungskunst beginnt mit der Frage: Kann ich mich selber führen, lieben, bin ich eine Einheit? Dann muss ich nicht andere benutzen, um Defizite in mir auszugleichen, sondern ich kann den anderen Menschen etwas von mir weitergeben.

Dann sinkt der Krankenstand deutlich, und die Mitarbeiter freuen sich schon am Sonntag, am Montag wieder arbeiten zu dürfen.

Das heißt, ein Chef sollte Konzepte entwickeln, wo man gemeinsam hin will und nicht den Eseltreiber spielen.

Ist eine gute Führungskultur in allen Betrieben umsetzbar?

Nun, natürlich ist das am Besten in kleinen Betrieben möglich, da sie keinem strengen Controlling unterstehen. Aber auch große Firmen können es erfolgreich umsetzen.

Sie erkennen eine gute Führungskultur schon an der Pforte: Sie werden nicht nur freundlich empfangen, sondern man vermittelt Ihnen das gute Gefühl, das Sie gerne gesehen sind. Zufriedene Mitarbeiter sind das beste Aushängeschild und somit die beste Werbung für ein Unternehmen.

Wie wichtig ist eine Corporate Identity, also eine Unternehmensidentität?

Sie macht nur Sinn, wenn die Bedeutsamkeit vorhanden ist, wenn das ganze Denken die Aufmerksamkeit auf das Gemeinsame lenkt. Ich finde es sehr wichtig, dass Mitarbeiter mitdenken und mitgestalten können, denn dann bleibt das Gehalt nicht die primäre Motivation.

Zum Beispiel hat Toyota nie ergebnisorientiert gehandelt. Sondern sie sagten: Wir laden euch ein, besser zu werden, etwas zur Verbesserung beizutragen. Das Arbeiten ist prozessorientiert, und der Erfolg gibt dem Unternehmen recht.

Was können andere Firmen davon lernen?

Beim Controlling in den achtziger Jah-ren ging es nur um Schnelligkeit, alles war streng ergebnisorientiert. Aber wir brauchen eine andere Kultur – der Weg ist das Ziel!

Man hat den Menschen ihre eigenen Gestaltungsmöglichkeiten immer stärker beschnitten. Jetzt ist der Innovationsgeist wegrationalisiert, doch der fällt nicht vom Himmel. Heute hätten wir gerne mehr Kreativität.

Was wünschen Sie sich für die Region Südniedersachsen?

Es wäre toll, wenn Südniedersachsen zur Insel der Potenzialentfaltung wird. Und das fängt im Kleinen an. Auch wenn außen Wettbewerb und Leistungsdruck herrschen, so muss es in der Familie anders gehen.

Sie ist eine Insel, die jedem ihren Raum gibt, in dem er sich entfalten kann. Dort können Potenziale entdeckt und ausprobiert werden, und das weitet sich aus auf Kindergärten, Schule usw.

Durch die Zusammenarbeit von Familie und Umwelt entstehen Synergieeffekte und Lebenszufriedenheit – wo eine solche Kultur der Potenzialentfaltung herrscht, wird auch gerne investiert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview steht Ihnen als Download zur Verfügung oder Sie blättern in unserer Online-Ausgabe des faktor-Magazins.

Lesen Sie dazu auch das weiterführende Interview mit Gerald Hüther zum Thema Lernkultur.