Christliche Werte in der Führungsetage

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Text von: Elena Schrader

Führungskräfte tragen große Verantwortung und stehen heute unter größerem Druck als jemals zuvor. Das Interesse an Orientierung faktor ist dieser Entwicklung zusammen mit einigen Experten einmal auf den Grund gegangen.

Wer sich fragt, ob ,Gott‘ und ,Führung‘ gut zusammenpassen, braucht nur einen Blick in den Terminkalender von Anselm Grün zu werfen.

Der Benediktinermönch, der zugleich auch Autor und Referent ist, reist mit seiner Botschaft durch das Land und spricht über Themen wie ‚Menschen führen – Leben wecken‘, ‚Führen mit Werten‘, ‚Spirituell führen mit Benedikt und der Bibel‘.

Allein im Jahr 2010 hat er darüber 120 Mal vor Publikum gesprochen.

Göttliche Hilfe scheint also derzeit wieder gefragt zu sein. „Im vergangenen Jahrzehnt kam bei vielen Führungskräften vermehrt die Frage auf: ‚Gibt es über das Arbeitsleben hinaus noch eine größere Kraft – eine, die nicht von meinem Erfolg abhängig ist –, die mir hilft, in meinen Aufgaben zu bestehen?‘“, erklärt Ralf Reuter.

Der Pastor muss es wissen: Im Auftrag der hannoverschen Landeskirche steht er als Unternehmensberater bereits seit 2002 mit seinem Projekt ‚Spiritual Consulting‘ Menschen in der Führungsetage mit Rat und Tat zur Seite.

Besonders deutlich ist diese Entwicklung heute schon in den USA zu erkennen. Dort buchen inzwischen viele Unternehmen einmal in der Woche einen Firmengeistlichen, der sich um die Nöte der Mitarbeiter kümmert.

Dabei handelt es sich nicht weltweit um ein neues Phänomen.

In einigen Ländern spielte die Religion in der Wirtschaft schon immer eine große Rolle, wie Wilhelm Nörthemann, Mitglied der Geschäftsführung der Carl Zeiss Microscopy GmbH in Göttingen, berichtet.

Das Unternehmen ist weltweit aktiv auf dem Gebiet mikroskopischer Lösungen und Systeme für Forschung, Labor und Industrie sowie in der Spektralsensorik.

„Bei Carl Zeiss in Mexiko wurde mir das sehr deutlich. Nach einem Umbau in unserem Werk fühlten sich die Mitarbeiter erst wirklich wohl, nachdem das Gebäude ,Gottes Segen‘ erfahren hatte. Einen besonderen Ehrenplatz erhielt die Statue der ,Maria von Guadalupe‘ in der Eingangshalle. Es gibt dort auch zwei Mal im Jahr einen Gottesdienst im Unternehmen“, so der 57-Jährige.

In Europa ist es eher ein neuerer Trend. In der Bankenmetropole Frankfurt am Main nehmen viele Menschen geistliche Angebote wahr, wie z.B. den Gebetskreis der Deutschen Bank.

Der Zweck des Kreises ist, dass Christen im Unternehmen so Kontakt zueinander erhalten und Lebensfragen mit Gleichgesinnten besprechen können.

Christliche Vernetzung

Der Wunsch nach christlicher Vernetzung ist also auch in Deutschland bereits da.

Artur Weidelich, Geschäftsführer von Reichenbach Wirkstoffe GmbH, einem Hersteller für Trägermaterial für Kunstleder in Einbeck, geht jeden Sonntag in die Evangelische Freikirche und sucht auch darüber hinaus Verbindung: „Ich treffe mich alle 14 Tage mit einer Gruppe aus unserer Gemeinde zum Bibelkreis. Dabei findet das Treffen jedes Mal bei einem anderen von uns statt, und dann tauschen wir uns aus und sprechen über Gott.“

Offenbar braucht der Beruf einer Führungskraft solche Plattformen des christlichen Austauschs. Aus der Tätigkeit einer Führungsperson ergeben sich ethische und spirituelle Fragen, die offensichtlich weder das Unternehmen noch der Sonntagsgottesdienst beantworten.

„Die Fragen sind sehr persönlich und individuell. Oft geht es um die Vereinbarkeit von Job und Familie, die richtige Balance zu finden. Oder darum, wie man seinen Mitarbeitern gegenüber gerecht wird“, sagt Pastor und Unternehmensberater Reuter. „Es kommen aber auch ganz konkrete Fragen, wenn jemand nicht weiß, wie er sich bei einer Fusion oder einer Übernahme einer ‚ausgeschlachteten Firma‘ verhalten soll.“

Im typischen Jahresgespräch haben diese Fragen keinen Platz – denn hier sind Ziele, Umsatz und Marktanteile das Thema.

„Immer geht es nur um Erfolg, Erfolg, Erfolg“, kritisiert Artur Weidelich. „Leider spielen christliche Werte heute bei vielen Managern keine große Rolle mehr. Nur ganz wenige Unternehmen halten sich daran. Heute geht es vor allem um Gewinnmaximierung. Man produziert, wo es am billigsten ist, egal ob da Menschen ausgebeutet werden. Das liegt am System. Geiz ist geil, es geht nur noch darum, wer ist der billigste.“

Auch er selbst habe dafür keine Patentlösung. „Auch wir kaufen teilweise in Fernost unsere Garne. Aber wir achten darauf, dass dort alles mit rechten Dingen zugeht“, so der 57-Jährige.

Das habe auch viel mit Verantwortung vor Gott zu tun.

Die seelischen Kosten

Über die seelischen Kosten des Steigerungsstrebens wird in der Wirtschaft oft zu wenig geredet. Aber je mehr allein die Rendite im Vordergrund steht, desto mehr suchen die Menschen nach Würde, Sinn und Anerkennung.

So sieht es auch Heidrun Hoffman-Taufall, Inhaberin der Unternehmensberatung HT-Coaching. „Wenn Wirtschaftsunternehmen neben dem legitimen Gewinnstreben die Mitarbeiter und deren Bedürfnisse berücksichtigen, werden darin die christliche Werte sichtbar. Kritische Gespräche sollte eine Führungskraft so führen, dass sich der Mitarbeiter in seiner Person wertgeschätzt fühlt, auch wenn bestimmtes Verhalten kritisiert wird“, so die Beraterin.

Sie sieht eine enge Verbindung zwischen Religiosität und Wirtschaft: „ Aufgrund von Werten entsteht eine Haltung, die im Verhalten sichtbar wird. Bei der Religiosität, die dem christlichen Grundgedanken nahesteht, werden sich Werte wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Friedfertigkeit im Verhalten niederschlagen. Übersetzt in die Sprache der Wirtschaftsunternehmen heißt das, sich intensiver um die sozialen Kompetenzen zu kümmern und Mitarbeiterorientierung zu leben. Damit wird die innere Bindung und Loyalität der Mitarbeiter verstärkt, was sich wiederum auf die Leistungsbereitschaft und somit den Unternehmenserfolg niederschlägt.“

Führungsqualitäten und Sozialkompetenzen

Einmal im Jahr lädt das Ursulinenkloster in Duderstadt Schüler aus Ursulinenschulen aus ganz Deutschland zu einem einwöchigen Seminar ein.

2012 ging es um ‚Führungsqualitäten und Sozialkompetenzen – wie passt das zusammen‘. Die Initiatorin Schwester Ingeborg Wirz ist überzeugt davon, dass es etwas bringt, bereits früh die richtigen Weichen zu stellen.

„Wir hatten jeden Tag einen Referenten aus der Führungsetage der Wirtschaft bei uns. Firmen, die das Thema auf ihre Fahnen geschrieben haben, z.B. einen Vertreter von Ottobock. Ein Unternehmen, das mit seinen Prothesen viel Gutes schafft für kranke Menschen auf der ganzen Welt. Da kommt immer die Frage auf: Wie richtet man die Preise auf das Klientel ein, damit diese neuen Technologien in der Medizin verwendet werden können und trotzdem die Unternehmen dabei nicht Pleite gehen“, sagt Schwester Ingeborg.

„Die können ja ihre Geräte nicht verschenken. Diese richtige Balance – darüber diskutierten die Referenten dann mit unseren Schülern.“

Auch Wilhelm Nörthemann war einer der Referenten und das nicht zum ersten Mal.

Die Teilnahme als Vertreter der Carl Zeiss Microscopy GmbH, die sich stark für Forschung und Medizin einsetzt, ist ihm ein persönliches Anliegen: „Ich bin selbst Vater von mittlerweile zwei erwachsenen Kindern, schon aus diesem Grund halte ich es für eine wichtige Möglichkeit in meiner Position, auch jungen Leuten Orientierung zu geben.“

Ein guter Ansatz, weiß man doch, dass sich die Aus- und Weiterbildung meist nur allzu sehr auf das quantifizierbare Gelingen konzentriert.

Hilfe im Berufsalltag

Dabei hilft die Beschäftigung mit ethischen Werten dem Einzelnen auf seinem Berufsweg in jedem Fall weiter.

„Bei uns im Unternehmen spielt Glaube vordergründig erst einmal keine Rolle. Schon gar nicht, welcher Religion unsere Mitarbeiter angehören, denn Glaube betrifft die Privatsphäre“, so Nörthemann. „Wir fragen im Vorstellungsgespräch auch nicht danach, das verbietet schon das Gleichstellungsgesetz.“

Dennoch ist der Geschäftsführer der Überzeugung, dass christliche Werte den späteren Berufsalltag beeinflussen – den der Mitarbeiter, aber auch den des Unternehmens.

Auch Hoffmann-Taufall betont, dass es auf die gelebten Werte einer Religiosität ankommt. Dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Führungsverhalten und Loyalität der Mitarbeiter gegenüber dem Unternehmen gibt, ist unumstritten.

Eine Unternehmenskultur, die sich an den christlichen Werten orientiert, berücksichtigt die psychischen Bedürfnisse der Mitarbeiter wie dem Erhalt des Selbstwertes und findet ihren Ausdruck in der Mitarbeiterorientierung, einem wertschätzenden Umgang, Akzeptanz von Andersartigkeit bezogen auf den kulturellen Hintergrund, Lebensentwürfen und -formen und einem konstruktiven Umgang mit Konflikten.

Der gleichen Ansicht ist auch Artur Weidelich. Der studierte Textilingenieur verrät, wie er sich gelebte Werte vorstellt:„Mir sind vor allem wichtig: Ehrlichkeit, gegenseitige Loyalität und Wertschätzung. Das bedeutet, ich fordere Ehrlichkeit von Anfang an. Ich gebe meinen Mitarbeitern eine angemessene Vergütung und ausschließlich unbefristete Arbeitsverträge. Dafür erwarte ich auch Loyalität und eine gewisse Identifikation mit dem Unternehmen.“

Der Erfolg eines jeden Unternehmens sei stark davon abhängig. „Aber es helfen nicht nur gute Mitarbeiter und super Produkte“, erläutert Weidelich. „Man muss sie auch zur richtigen Zeit haben.“

Diese Voraussetzungen kann Marketing alleine nicht leisten und sind für Artur Weidelich ein „Segen Gottes“.

Es gibt unterschiedliche Ansichten, welche Bedeutung christliche Werte in der Führungsetage haben und wie der richtige Umgang mit ihnen aussieht. Doch Gott, so scheint es, ist in manchen Büros schon angekommen.