Blut her, bitte!

©Adobe Stock
Text von: Stefan Liebig

Die Blutspende – ein kleiner Beitrag zu einer funktionierenden medizinischen Versorgung

Ein kleiner Stich, ein bisschen warten, zur Belohnung ein leckerer Keks und schließlich das gute Gefühl, etwas für seine Mitmenschen getan zu haben – so kurz und bündig lässt sich die Blutspende erklären. Jürgen Engelhard, Regionalleiter der Abteilung Blutspende beim Deutschen Roten Kreuz NSTOB (Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Oldenburg, Bremen und Thüringen) in Springe, setzt noch einen drauf: „Mit einer Blutspende können bis zu drei Leben gerettet werden!“ Das sollte doch genügend Motivation sein, regelmäßig Blut zu spenden. Doch weit gefehlt. Engelhard ist aktuell sogar sehr besorgt. Denn neben der ohnehin rückläufigen Zahl von Spendern schlägt die alljährliche Grippewelle in den kalten Monaten noch zusätzlich ins Konto. „Zurzeit haben wir beim Spenden Einbrüche von bis zu 25 Prozent zu beklagen. Unsere Vorräte reichen im Moment nur für etwa sechs Tage“, erklärt Engel- hard und wirft einen prüfenden Blick in die Lagerbestände des Blutspendedienstes.

Denn die Auswirkungen durch weniger Konserven sind verheerend: Krebstherapien werden verlängert, für Unfallopfer stehen keine Reserven zur Verfügung, nicht lebensnotwendige Operationen müssen verschoben werden – dies sind nur einige wenige Beispiele. Treffen kann es jeden von uns. Jeder siebte Patient im Krankenhaus benötigt eine Bluttransfusion. 15.000 Blutkonserven werden täglich bundesweit benötigt, 2.300 davon alleine in Niedersachsen. Um dies sicherstellen zu können, arbeiten jeden Tag weitgehend unbemerkt Tausende Helfer in der ganzen Republik und nehmen Spendern Blut ab, transportieren und untersuchen es.

Das Blutspendesystem in Deutschland ruht auf drei Säulen. Neben sechs großen regionalen Blutspendediensten des DRK und den staatlich-kommunalen Blutspendediensten (StKB) gibt es in der Bundesrepublik auch unabhängige, private Blutspendedienste. Diese sind im Verband unabhängiger Blutspendedienste e.V. (VUBD) organisiert. Ein großer Anbieter für den GöttingerRaumistdieUniversiätsmedizin Göttingen (UMG) mit dem Blutspendedienst im Klinikum und in der Außenstelle am Campus der Universität. Hauptakteur ist aber das Rote Kreuz.

Dreiviertel aller Blutspenden stammen von den rund 5.000 Spendern, die sich bei den jährlich knapp 100 Blutspendeterminen des DRK Blut abnehmen lassen. Hinter dieser Institution steht eine beeindruckende Logistik: 800 Mitarbeiter kümmern sich allein in Niedersachsen täglich um die neuen Blutspenden, die von 26 Teams genommen und schnellstmöglich nach Springe transportiert werden. „Dies bedeutet einen enormen logistischen Aufwand“, bestätigt Sigrid Wegner. Als stellvertretende Vorsitzende des DRK-Ortsvereins Göttingen, der zum Kreisverband Göttingen-Northeim gehört, organisiert sie ehrenamtlich pro Jahr etwa fünf öffentliche Spendetermine im Stadtgebiet. Hinzu kommen seit einiger Zeit auch verstärkt Termine in Unternehmen. „Wir haben inzwischen auch feste Partnerfirmen, deren Personal dann an einem Tag zur Spende aufgerufen wird“, berichtet Wegner und kann bereits auf acht Termine im vergangenen Jahr verweisen. Eine gemeinnützige Aktion, die die Unternehmen sowohl als Beitrag zur Förderung der Unternehmenskultur als auch für PR-Zwecke nutzen können.

Doch auch wenn sich das alles gut organisiert und vielversprechend anhört – die Blutspendeeinrichtungen und -organisation haben wie bereits erwähnt mit immensen Problemen zu kämpfen. „Wir suchen Blut-, aber auch Zeitspender“, sagt Detlef Büchner und ruft die Menschen zum Nachdenken auf. „Denn nicht nur die Spenderzahlen gehen zurück, auch die Zahl der Ehrenamtler nimmt ab.“ Als eines von drei Vorstandsmitgliedern des DRK-Kreisverbandes Göttingen-Northeim spürt er vor allem die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen. „Früher verlief das Leben in einer anderen Struktur: Mit 20 wurde geheiratet, dann kamen die Kinder und ein Haus wurde gebaut. Das Leben war ruhiger, und es blieb mehr Zeit. Das Leben heute ist nicht mehr planbar“, erklärt Büchner und begründet damit den Rückgang der Neuspenderzahlen ebenso wie die Bereitschaft, bei einer wohltätigen Organisation selbst aktiv zu werden. Dabei ist der Zeitaufwand tatsächlich überschaubar: Die Blutspende an sich dauert selten länger als zehn Minuten. Für den gesamten Ablauf sollte man etwa 60 Minuten einplanen. Und als Spender kommt eine riesige Gruppe infrage: gesunde Menschen, die mindestens 50 Kilogramm wiegen und zwischen 18 und 72 Jahren alt sind.

Doch auch helfende Hände im Hintergrund sind gefragt. „Es ist nicht schlimm, wenn man kein Blut sehen kann“, sagt Sigrid Wegner, die sich neben der Organisation der Spendetermine auch um die Akquise neuer engagierter Menschen kümmert. Sie verweist auf Tätigkeiten wie Aufnahme der Personalien oder Unterstützung für den anschließenden Imbiss.

Gründe, sich zu engagieren, aber insbesondere selbst Spender zu werden, gibt es genug. Neben dem guten Gefühl, anderen Menschen zu helfen, bringt es auch für den Spender selbst enorme Vorteile: Regelmäßiges Blutspenden hat positive Auswirkungen auf den eigenen Blutdruck sowie auf das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen. Zudem dient das Spenden auch der Früherkennung von bestimmten Krankheiten, denn jede Blutspende wird in speziellen Labors untersucht. Dabei wird nicht nur die Blutgruppe ermittelt, sondern auch das Blut auf vorhandene Viren untersucht: auf Hepatitis A, B und C, auf das Humane Immundefizienzvirus (HIV) und auf Antikörper gegen den Erreger der Syphilis. Sollte das Labor von der Norm abweichende, auffällige Befunde feststellen, wird der betreffende Blutspender informiert. Und nicht zuletzt erhalten Spender natürlich auch einen Unfallhilfe- und Blutspenderpass – der kann im Notfall sogar das eigene Leben retten.

Wer noch einen zusätzlichen Anreiz braucht, der kann sich auch für die Blutspende gegen eine finanzielle Entschädigung entscheiden, beispielsweise im Klinikum Göttingen. Eine weitere Möglichkeit ist auch die reine Plasmaspende, die aber etwas höhere gesundheitliche Voraussetzungen verlangt. Solche Spenden sind beispielsweise im Plasmacenter Göttingen möglich. Plasmaspenden ist schonender für den Körper, da man nicht sein komplettes Blut, sondern nur den flüssigen Bestandteil abgibt. Dazu wird dieses bei der Spende in einem geschlossenen System zentrifugiert, wodurch sich die schwereren Blutzellen vom leichteren Plasma trennen. Das Blutplasma wird gesammelt, die restlichen Blutbestandteile fließen zurück in den Körper.

Trotz der Plasmaspende bleibt das Blut- volumen des Spenders somit relativ konstant. Aus Plasma werden lebensrettende Medikamente für Menschen mit seltenen chronischen Krankheiten hergestellt. Plasma findet auch bei schweren Operationen und nach schweren Verbrennungen oder Schock Verwendung. Durch das Zentrifugieren dauert eine Plasmaspende mit etwa 45 Minuten etwas länger als eine Blutspende. Für diesen längeren Zeitaufwand erhält man jedoch auch eine Aufwandsentschädigung, die vom Gesetzgeber und vom Arbeitskreis Blut des Robert-Koch-Instituts festgelegt wird.

Kurzum, es gibt also mehrere Möglichkeiten, aktiv zu werden. Gemeinsam ist allen, dass sie ein unverzichtbares Element für unsere medizinische Grundversorgung darstellen. Und wenn man helfen kann und am Ende sogar selbst gesundheitlich davon profitiert – was spricht dann eigentlich noch gegen eine Spende? Doch der gefürchtete Pikser?

Da gibt es vielleicht auch bald keine Ausrede mehr. Denn der gar nicht so schlimme Pikser mit einer Nadel zur Blutentnahme gehört dank einer Neuentwicklung vielleicht bald der Vergangenheit an. Die Experten einer Ausgründung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne in der Schweiz haben ein Gerät entwickelt, das Blut unter der Haut ansaugt. Wie genau es funktioniert, verschweigen die Entwickler – wohl aus patentrechtlichen Gründen – noch. Das Gerät wird am Arm befestigt und sammelt so viel Blut, dass es für die meisten Diagnosen reicht, sagt Arthur Queval, der Erfinder des Systems. Die Blutabnahme soll völlig schmerzfrei ablaufen, versichert dieser. Jeder kann das Gerät bedienen, medizinisches Personal ist nicht nötig. Die Ergebnisse erscheinen auf einem Smartphone-Display. Das handgroße Gerät schickt die Daten via Web an ein spezialisiertes Labor. Ein Protokoll sorgt dafür, dass die Probendaten nachvollziehbar bleiben, sodass Fehler ausgeschlossen sind, die zu Fehldiagnosen führen könnten. „Derzeit basieren 70 Prozent aller medizinischen Diagnoseentscheidungen auf der Blutanalyse“, sagt Queval. Grund genug für die Bill & Melinda Gates Stiftung, diese Neuheit mit 400.000 Dollar zu unterstützen.

Das Gerät könnte den Pikser in die Fingerkuppe oder ins Ohrläppchen vor der Blutspende ersetzen. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Also, nicht mehr warten. Blut her, bitte!

 

Ablauf einer Blutspende

  1. Für die Anmeldung ist ein gültiges amtliches Personaldokument erforderlich. Mehrfachspender bringen den Unfallhilfe- und Blutspenderpass mit.
  2. Ausfüllen des Fragebogens zur gesundheitlichen Situation des Spenders
  3. Messung des Blutfarbstoffs (ein kleiner Pikser in Ohrläppchen oder Fingerkuppe) und der Körpertemperatur
  4. Ärztliche Untersuchung als Check, ob der Spender fit für die Spende ist
  5. Blutentnahme im Spendebereich mit nochmaliger Überprüfung der Personalien
  6. Entspannung im Ruhebereich
  7. Imbiss mit Speisen und Getränken. Tipp: Die Spender sollten reichlich trinken.
  8. Während der Spender seinen Tagesablauf fortsetzt, wird das Blut ins Labor transportiert und getestet. Dann wird es eingelagert und kommt schon bald zum Einsatz.