Blumensamen für die Welt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Christian Mühlhausen

faktor besuchte die beiden Benary-Geschäftsführer Matthias Redlefsen und Nick ten Pas.

Ernie und Bert, Bud Spencer und Terence Hill, Tom und Jerry. Duos faszinieren, zwei kongeniale Partner nebeneinander haben etwas Besonderes. Sie bringen Abwechslung und Vielfalt, sie polarisieren, sie zwingen uns häufig, eine Meinung zu haben und Partei zu ergreifen für eine der Sichtweisen. Auch in der Wirtschaft ist es nicht immer einsam an der Spitze, wenngleich zwei gleichberechtigte Führungskräfte eher die Ausnahme sind. Auch in Unternehmen gilt für Doppelspitzen: Sie befördern und motivieren sich, sie bremsen sich und wirken ausgleichend. Duos können im besten Fall dafür sorgen, dass die Stärken beider Persönlichkeiten ihre Schwächen auf ein Minimum eindampfen. Das Geschäftsführer-Duo Nick ten Pas und Matthias Redlefsen des Blumen-Saatguthauses Benary mit seinen 160 Mitarbeitern ist so ein ‚bester Fall‘. Das Hann. Mündener Unternehmen ist ein ‚Hidden Champion‘ – ein Großteil der weltweit verkauften Begonien hat seine Wurzeln in der Dreiflüssestadt. Sogar auf der Titanic fuhr Saatgut von Benary mit.

Redlefsen und ten Pas stehen seit 2006 an der Spitze des Mündener Unternehmens, seitdem hat sich viel verändert. Nicht immer zum Gefallen aller Mitarbeiter, aber immer zum Wohle des Unternehmens. Davon sind beide überzeugt.

Ein Industriebau im Gewerbegebiet in Volkmarshausen bei Hann. Münden. Umgeben von Gewächshäusern und Versuchsfeldern hat hier ein Weltmarktführer von Saatgut für Zierpflanzen wie Begonien, Stiefmütterchen und Zinien seinen Sitz. Einen zweistelligen Millionenumsatz erzielt das Unternehmen. Im Büro von Matthias Redlefsen fällt sofort die riesige Weltkarte hinter dem Schreibtisch auf. Sie ist keine Dekoration, sondern praktisches Arbeitswerkzeug: „Benary war schon immer sehr exportorientiert, bereits vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Hälfte des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet, heute sind es über 90 Prozent. Seit über 100 Jahren sind wir in Japan, den USA und Russland tätig.“ Beide Geschäftsführer sind viel unterwegs. Heute ist einer der wenigen Tage, an dem beide für einen Kaffee am kleinen Besprechungstisch zusammenkommen. Was lag an, wo gibt es Baustellen, was muss gemeinsam entschieden werden? Nicht immer bleibt ausreichend Zeit, diese Dinge zu besprechen – häufig müssen elektronische Helfer ausreichen.

„Wir sind, wo die Märkte sind“

Während der gebürtige Niederländer Nick ten Pas vor allem für die Produktion und die Züchtung verantwortlich zeichnet, ist Redlefsen für die Vermarktung zuständig und so etwas wie der Außenminister des Saatguthauses. Im vergangenen Jahr lieferte Benary zehn Milliarden Saatkörner an Großhändler und Anzuchtgärtnereien in 120 Ländern. Das Unternehmen ist ein Global Player im besten Sinne des Wortes: die Welt ist Markt und Produktionsstätte. „Wir sind, wo die Märkte sind“, sagt Redlefsen. In Amerika etwa, einem der wichtigsten Märkte („Dort finden Sie Gewächshäuser, die bis zu 70 Hektar groß sind.“), sei man seit 1994 mit einer eigenen Vertriebsgesellschaft, seit 2011 Jahr wird in Kalifornien auch gezüchtet.

Die konsequente Ausrichtung auf die Weltmärkte, die ten Pas und Redlefsen vorangetrieben haben, forderte ihren Preis. Standorte in Deutschland wurden geschlossen, die Belegschaft in Deutschland wurde von 200 auf 100 halbiert. „Wenn Sie als Familienunternehmen einem Mitarbeiter, der Ihnen 25 Jahre treu war, Lebewohl sagen müssen, dann ist das hart“, sagt Redlefsen. Im gleichen Zeitraum wuchs das Unternehmen kräftig, der Umsatz stieg um 25 Prozent, reihenweise heimste Benary internationale Preise für seine Züchtungen ein. Ein Widerspruch? Redlefsen löst auf: „Es gab keine Alternative.“ Der Strukturwandel machte auch vor dem Zierpflanzenbau nicht Halt. Innerhalb von sieben Jahren sank etwa die Anzahl der Gärtnereien in Deutschland von 12.000 auf 8.000, Märkte und Preisgefüge verschoben sich.

Um im immer schärfer werdenden Kampf mit weltweit sieben Wettbewerbern standhalten zu können, wurde die Saatgutproduktion, die zuvor größtenteils in Deutschland stattfand, in den letzten zehn Jahren weitestgehend ins Ausland verlagert: „Wir gehen dorthin, wo Klima, Saison und Lohnkosten passen“, sagt ten Pas. Die Fleißigen Lieschen etwa werden heute in Indonesien vermehrt, die Stiefmütterchen in Chile. Eine Entscheidung, die richtig war: „Mittlerweile sind die Produktionskosten hier in Deutschland so hoch geworden, wie unsere Erlöse sind“, sagt Redlefsen. „Hätten wir damals nicht gehandelt, wären wir heute platt.“ Der Lohn für die verbliebenen Mitarbeiter: Ihr Arbeitsplatz ist relativ sicher. Denn neben der Verwaltung sind auch Teile der Züchtung und der Saatgutproduktion in Hann. Münden geblieben.

Start-Up mit 170-jähriger Tradition

„Züchtung braucht Zeit. Bis zur Marktreife einer neuen Pflanze dauert es fünf Jahre“, sagt ten Pas. Auf diesem langen Weg sondere man für eine gewünschte Pflanze 100.000 weitere aus, die dem Anspruch nicht genügen. ten Pas: „Ein Züchter muss träumen – und wegwerfen. Ein Züchter, der zu viel aufhebt, ist kein guter.“ Die F+E-Quote des Unternehmens erinnert mit 25 Prozent an die eines Hightech-Unternehmens. „In gewisser Weise sind wir das auch, ein Start-Up mit 170-jähriger Tradition.“

Auch der Markt ist kompliziert: In Europa entscheiden die zehn großen Aufzuchthäuser und Gärtnereien, in den USA der mächtige Einzelhandel. In Deutschland mag man es dezent, in den USA müssen Blumen vor allem eines sein: groß. Die Benary-Begonie BIG etwa ist dort ein Kassenschlager. „Wir müssen nicht nur besser, wir müssen auch schneller sein als unsere teils deutlich größeren Wettbewerber“, sagt ten Pas. So produziere man für China, wo es über 400 Millionenstädte mit entsprechenden kommunalen Gartenbaubetrieben gebe, anders als für den europäischen Markt. Um in den USA noch besser punkten zu können, kaufte Benary vor drei Jahren einen amerikanischen Wettbewerber auf und ist dort heute mit zwei Standorten vertreten.

„Erfolg und ein bisschen Show“

Auch der Wandel in der Gesellschaft spielt eine Rolle: „Das Verhalten hat sich geändert, das gärtnerische Wissen ist ja bei vielen nicht mehr da. Oft auch kein lieber Nachbar mehr, der bei Abwesenheit die Blumen gießt. Der Blumenkäufer will es wie im Leben haben, Erfolg und ein bisschen Show. Die Blume soll lange und intensiv blühen. Einen Großteil der Eigenschaften, die wir einzüchten, sieht der Endverbraucher aber gar nicht“, so ten Pas. Dazu gehöre etwa die Sicherheit gegen falsche Handhabung und die Trockenstress-Resistenz, wenn ein junges Pärchen gerade Mal im Kurzurlaub ist. Aber auch, wenn die Pflanze zwei Wochen unter suboptimalen Bedingungen im Baumarkt steht. „Sonne, Schatten, zu viel oder zu wenig Wasser – unsere Pflanzen müssen das alles aushalten“, sagt Redlefsen.

Wo immer möglich, bezieht Benary die Entscheider des Zielmarktes in die Entwicklung mit ein: „Wenn Sie etwas gegen Ihre Kunden und somit am Markt vorbei züchten, können Sie nur verlieren“, sagt ten Pas. Denn ist eine Gärtnerei im Zielmarkt mit in die Entscheidung künftiger Sorten eingebunden, ist der Vertrieb später deutlich einfacher. Jährlich führt das Unternehmen 20 bis 35 neue Produkte ein; rund die Hälfte davon sind Verbesserungen bestehender Sorten.

„Uns beiden sind Werte wie Respekt, Familie und Langfristigkeit wichtig.“

Einher gegangen mit der Internationalisierung ist auch die Veränderung der Unternehmenskultur. In Amerika, den Niederlanden und vielen anderen Kulturen redet man sich mit Vornamen an, in Deutschland ist man per Sie – die globale Ausrichtung machte das Miteinander nicht leichter. Redlefsen und ten Pas, die sich vom ersten Abendessen bei Göttingens Kult-Italiener Salvatore an duzten, stellten auf das ‚Du‘ um. Heute heißen die Chefs für alle Mitarbeiter nur Nick und Matthias – heute duzt sich jeder bei Benary. Beide wolle die Dinge bewusst einfach halten: „Unser Geschäft ist schon kompliziert genug“, sagt Redlefsen. Einhergehend mit dem ‚Du‘ sorgten Nick und Matthias generell für mehr Transparenz. Die gläsernen Bürotüren sind nur ein Beispiel dafür.

Und das Miteinander an der Doppelspitze? Der eine bringt Leidenschaft und das frische Blut mit, der andere das technische Wissen und die Konsequenz. Der eine die Ideen, der andere die Umsetzung – sie begegnen sich auf Augenhöhe, sagen beide. „Die Grundchemie stimmte bei uns von Beginn an. Uns beiden sind Werte wie Respekt, Familie und Langfristigkeit wichtig“, sagt Redlefsen. Doch ein Duo an der Spitze hat noch weitere Vorteile – sei es das ‚good-guy- oder bad guy-Spiel‘ in Verhandlungen oder das Wissen und der Instinkt beider bei wichtigen Personalentscheidungen.

Auch darüber reden sie bei einem Ritual, das sie ‚walk and talk‘ nennen. „Wir sind viel unterwegs und sehen uns selten. Aber einmal im Monat gehen wir für einen halben Tag spazieren – mal am Flussufer entlang, mal durch den Wald. Wir reden, ganz ohne Agenda, geben uns wechselseitig Ratschläge und halten uns mit betrieblichen Neuigkeiten auf dem Stand“, sagt Redlefsen. Das hat nicht nur den Vorteil, dass der Eine vom Anderen weiß. ten Pas: „Wir provozieren uns auch gerne, stacheln uns an, spielen uns die Bälle zu. Das macht die Arbeit im Duo erst richtig spannend.“

Zur Person

Matthias Redlefsen (39), Ehemann der Mehrheitsgesellschafterin, die nicht im Unternehmen tätig ist, stammt aus einer Flensburger Wurstfabrikantenfamilie. Er hat in England Landwirtschaft und BWL studiert. Redlefsen hat vier Kinder, geht zur Jagd und wohnt in einem alten Oedelsheimer Forsthaus.

Nick ten Pas (53) hat im niederländischen Wageningen Gartenbau studiert. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Mielenhausen, spielt Golf und engagiert sich im örtlichen Kulturverein.

Zum Unternehmen

Als Friedrich Benary, Großvater der heutigen Mehrheitsgesellschafterin Klaudia Benary-Redlefsen, in den Nachkriegsjahren vor dem Hintergrund der drohenden Enteignung am Erfurter Unternehmenssitz nach Hann. Münden kam, war die Lage alles andere als gut. Er hatte fast nichts als ein Fahrrad, Unternehmergeist und seine Kompetenz in Sachen Pflanzenzüchtung. Die Menschen jedoch hatten andere Sorgen als das Anpflanzen von Zierpflanzen. In Hann. Münden lebte ein Freund Benarys. Das milde, durch die Flüsse geprägte Klima war gut für den Gartenbau, und zudem war der Ort nicht so weit von Erfurt entfernt, falls es doch eine baldige Rückkehr in den Osten geben sollte. Die Geschichte sollte anders verlaufen. Benary startete in einer alten Friedhofsgärtnerei, besorgte sich auf Touren durch ganz Europa Saatgut von Zierblumen als Grundlage der weiteren Züchtungsarbeit. Nach schwerem Anfang kam mit den Wirtschaftswunderjahren sowie dank innovativer und kreativer Züchtung der Erfolg.