Text von: Sven Grünewald

Der Landkreis Eichsfeld im Thüringischen hat die Chancen der Wende genutzt und sich sehr gut entwickelt.  Der Wirtschaftsstandort glänzt mit kontinuierlichem Wachstum und zeigt ein Profil mit Understatement.

Der Göttinger weiß, wie psychologisch ausgeprägt die nahe Grenze zu Hessen ist und wie weit weg sich Kassel, – anders, als die Kilometer vermuten lassen – anfühlt. Liegt der Landkreis Eichsfeld hinter der Grenze in Thüringen womöglich genauso weit entfernt? Weit gefehlt. Denn nach der Grenzöffnung zeigte sich schnell, wie eng der ländliche Kreis, der einst Gebiet der DDR war, mit den beiden Kraftzentren – dem bürgerlichen Zentrum Heiligenstadt und der Wirtschaftsstadt Leinefelde-Worbis – mit dem Raum Göttingen eigentlich verbunden ist. Ursächlich dafür ist sind ganz maßgeblich das Eichsfeld als Kulturregion und damit die Bande, die über Jahrhunderte und grenzübergreifend entstanden sind.

Die historische Kulturregion Eichsfeld, ein Überbleibsel des ehemaligen katholischen Fürstbistums Mainz, verteilt sich auf fünf Landkreise: Ihr größter Teil liegt im Landkreis Eichsfeld, dann folgt der östliche Teil des Landkreises Göttingen, kleine Flecken liegen noch im Landkreis Northeim um Lindau herum, im hessischen Werra-Meißner-Kreis und im Thüringer Unstrut-Hainich­-Kreis.   

Das Eichsfeld ist heute wie zu DDR-Zeiten von einem starken Handwerk geprägt. Rund 88 Prozent der Betriebe im Landkreis sind Kleinbetriebe mit bis zu neun Mitarbeitern. Hinzu kommt ein großes Potenzial für den Tourismus: Der Verein HVE Eichsfeld Touristik als touristischer Dachverband der Region Eichsfeld kümmert sich schon länger darum, der Kulturregion grenzübergreifend eine Klammer zu geben. 474.000 Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr vom HVE gezählt, knapp zwei Drittel davon entfielen auf das thüringische Eichsfeld, dort mit deutlich steigender Tendenz.

Gleichwohl bestehe noch Luft nach oben, so Heiligenstadts Bürgermeister Thomas Spielmann. „Wir müssen die Kooperation noch stärken und es hinbekommen, die Region Eichsfeld auch regional zu denken und zu vermarkten.“ Besucher, die ins Eichsfeld kämen, blieben nicht in Heiligenstadt, sondern wollten die Region erleben. „Die Landkreise und Städte engagieren sich finan­ziell, aber das muss mehr werden. Auch touristische Betriebe müssen Geld in die Hand nehmen, um ein besseres Angebot zu schaffen“, so Spielmann. Da setzt das neue regionale Touristikkonzept an, das der Landkreis Eichsfeld derzeit federführend entwickelt und das im Herbst dieses Jahres fertig sein soll.

„Bisher hat ein roter Faden für die gesamte Region Eichsfeld und die strategische Ausrichtung gemeinsam mit allen touristischen Akteuren gefehlt“, sagt Christoph Reimann, Referatsleiter Kreisentwicklung im Landkreis Eichsfeld. „Um sich am Markt zu etablieren, muss man geschlossen auftreten. Kulinarik, Glaube und Authentizität sind die Leitmotive, die wir vermarkten wollen, wohl wissend, dass sich dahinter noch viel mehr verbirgt.“ Die Bereitschaft, mit Grenzen gestalterisch umzugehen und mit teils kühnen Plänen Ideen zu entwickeln, scheint für den Landkreis Eichsfeld charakteristisch zu sein. Landrat Werner Henning beispielsweise brachte nach der Wende, kurz vor der Wahl zur letzten Volkskammer der DDR, einen Antrag in den Kreistag des Noch-DDR-Kreises Heiligenstadt ein, das Eichsfeld gegebenenfalls herauszulösen und an den Westen anzuschließen.

Ein weiteres Beispiel, das zeigt, dass man wirtschaftlich lieber Neuland betritt, statt die Hände in den Schoß zu legen, sind die Eichsfeldwerke. Der Landkreis gründete diesen großen kommunalen Versorger mit über 300 Mitarbeitern auf Landkreisebene bereits im Sommer 1990 und damit deutlich vor der juristischen deutschen Wiedervereinigung. So wurden rechtlich Tatsachen geschaffen, die später nicht mehr möglich gewesen wären, weil es dieses ,Stadtwerkemodell‘ in der Bundesrepublik bei Landkreisen nicht gibt.

Auch der Kurbetrieb in Heiligenstadt verdankt seinen Erfolg einem Hasardspiel. Nach der Wende in der rechtlich etwas chaotischen Übergangszeit investierte die Stadt in den Ausbau des Kurbetriebs, wofür wiederum der Bad-Status wichtig wurde. Mangels vorhandener Einrichtungen wurde ihr dieser Status jedoch verwehrt. Darauf legte man Widerspruch ein und schuf bauliche Fakten. Als es dann zur Überprüfung des Status kam, konnte die Stadt entsprechende Einrichtungen vorweisen und erhielt die Zulassung dafür. „Das Vorgehen und die Investition in diesen Bereich haben sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Bürgermeister Spielmann. „Das Alleinstellungsmerkmal war für uns sehr wichtig. Es hat Impulse gegeben, die wir sonst nicht bekommen hätten.“ So wurde der Kurbetrieb, bestehend aus der Kurklinik und dem Vitalpark, zu einem wichtigen städtischen Standbein, das den Bau des Vitalparkhotels nach sich zog, durch das wiederum Heiligenstadt als ­Tagungsort interessant wurde. „Damit hatten wir anfangs überhaupt nicht gerechnet.“ Die starke Nachfrage macht bauliche Erweiterungen notwendig. „Wir müssen das Thema Kur weiter stärken“, erklärt Spielmann. „Das ist das große Thema für die nächsten Jahre.“

Die Zahlen belegen den Erfolg: Praktisch von Anfang an verzeichnet der Kurbetrieb eine sehr hohe Auslastung von um die 90 Prozent, pro Jahr sind das ungefähr 85.000 Übernachtungen – etwa die Hälfte der Gesamtübernachtungszahlen in Heiligenstadt. „Unser Einzugsbereich liegt binnen eines Radius von gut 200 Kilometern“, erläutert Stefan Menzel, Geschäftsführer der Klinikgesellschaft Heilbad Heiligenstadt – dabei liegen die Mitbewerber gar nicht so weit entfernt: in Bad Langensalza und Bad Sooden-Allendorf. „Mittlerweile haben sich Selbstzahler zu einem wichtigen faktor entwickelt. Das sind die regio­nalen Gäste, die die Angebote der Bade- und Saunalandschaft sowie des Therapie- und Sportbereichs im Vitalpark nutzen, und die Urlauber im benachbarten Hotel.“ Einen besonderen Erweiterungsbedarf sieht Menzel daher vor allem im Saunabereich mit seiner extrem hohen Auslastung.

Für das wirtschaftliche Aufblühen des Eichsfeldes wird immer wieder ein faktor ins Feld geführt: die Autobahn. Mit der A 38 profitiert der Landkreis ähnlich wie auch Göttingen von seiner deutschlandzentralen Lage an einer Ost-West-Achse mit direktem Zugang zur A 7. Die ursprünglich erste Trassierung stammt aus dem Jahr 1937, konkret wurde es 1989, noch vor der Einheit, mit Befliegungen zur Routenplanung. Dabei war gar nicht klar, ob die A 38 überhaupt durch das Leine­tal verlaufen würde – dafür machte sich Landrat Henning stark, der auch dank des Desinteresses anderer Kommunen in Thüringen schließlich die Autobahn mit ins Eichsfeld holte.

Eine Infrastruktur, die Jochen Seidler, Geschäftsführer des Sondermaschinenbauers SIM Automation sehr schätzt – ebenso, dass es in Heiligenstadt räumliche Expansionsmöglichkeiten gibt. Das Unternehmen, das die Wende erfolgreich überlebt hat, hat sich am Standort gut entwickelt und macht mit seinen bis zu 250 Mit­arbeitern einen Umsatz von über 30 Millionen Euro. „Allerdings merken wir gerade in den letzten zwei Jahren verstärkt, dass es mit dem Arbeitskräfteangebot vor Ort sehr eng wird“, sagt Seidler. Eine der Reaktionen war, die Vergütung für Lehrlinge auf IG-Metall-Niveau anzuheben. „Ich denke, das war einer der Gründe, warum es uns dieses Jahr gelungen ist, unsere Ausbildungsplätze wieder relativ leicht zu besetzen.“ Schwierig ist hingegen das Thema Ingenieure, weshalb man eine stärkere Kooperation mit den überregionalen Technischen Universitäten sucht. Daher müsse man überlegen, ob man nicht andernorts expandieren müsse.

Für Jochen Seidler, der vom Göttinger Messtechnik­unternehmen Mahr zu SIM wechselte, war das Eichsfeld mit einer gewissen Umstellung verbunden – geschuldet der merklich anderen Mentalität des Eichsfelders. „Die Mitarbeiter sind sehr ortsverbunden, bodenständig und haben eine enge Verbindung zu ihrem Unternehmen. Auf der anderen Seite merkt man eher, dass durch die konservative Haltung Veränderungen langsamer umgesetzt werden, als ich das sonst kenne“, so Seidler. Das belegen auch die Zahlen: Der Landkreis Eichsfeld hat mit 34 Prozent die höchste Rückkehrerquote deutschlandweit. „Die Eichsfelder wurden schon vor der Wende als eigenwillige Menschen wahrgenommen“, erzählt Ralf Halbhuber, Gründer der Heiligenstädter Kommunika­tionsagentur Studio1, die heute noch ein zweites Büro in Berlin führt und sich auf Digitalisierungsprozesse in Unternehmen spezialisiert hat. Halbhuber hat durch seine bundesweite Tätigkeit einen guten Vergleich zur Dynamik im Eichsfeld. „Aber eine unserer Eigenheiten ist auch, dass wir Dinge einfach durchziehen. Wir haben die Chancen durch die Wende genutzt. Was die Qualität der Eichsfelder Firmen angeht, brauchen wir uns vor keinem zu verstecken.“

Und damit ist Halbhuber nicht allein. Auch wenn es natürlich Unterschiede zwischen dem Obereichsfeld und dem Duderstädter Untereichsfeld gibt – „unsere Gemeinsamkeit ist sicher, dass wir alle zusammen auch positive Eigenbrötler sind“, sagt Landrat Werner Henning. Was dem wirtschaftlichen Leben keinesfalls schadet. Der Landkreis hat keine Kassenkredite bei nur mäßiger Verschuldung und der zweitniedrigsten Kreisumlage in Thüringen – und er hat flexible Investitionsmöglichkeiten. „Solide aufgestellt“, nennt Henning das. Und auch, wenn der Pendlersaldo weiterhin negativ ist, so sinkt er doch kontinuierlich – weil die Zahl der Einpendler in den Landkreis zunimmt. Das Eichsfeld heute: kontinuierliches Wachstum und Profil mit Understatement. ƒ