Blick auf die Ästhetik

© Torsten Helten
Text von: redaktion

faktor reiste mit Architekten der Region zu Vitra.

Design – ein Wort mit vielen Bedeutungen. Denn es steht unter anderem für die Bauart, den Entwurf und auch die Formgestaltung eines Produkts. Was also ist Design – und vor allem, was ist gutes Design?

Torsten Helten, Inhaber vom Helten Design Depot in Göttingen, hat davon eine ganz genaue Vorstellung, die in einem Wort Ausdruck findet: Vitra.

Das Projekt Vitra

– entstanden aus der Idee des gleichnamigen Möbelherstellers – ist jedoch so vielfältig wie der Designbegriff. Und es braucht ein weitläufiges Gelände, um von Gebäuden namhafter Architekten über Möbel großer Gestalter bis zum Designer-Sofakissen alles zu präsentieren, was das Herz von Liebhabern der Ästhetik höher schlagen lässt.

Und um diese Pulsbeschleunigung spürbar zu machen sowie seine Begeisterung zu teilen, lädt Torsten Helten eine Gruppe von Architekten ein, den ‚Vitra Campus‘ in Weil am Rhein zu besichtigen. Schon auf der Zugreise wird klar, dass der Ausflug eine willkommene Abwechslung ist. Die Anspannung vom Arbeitsalltag lässt mit jedem gefahrenen Kilometer nach.

Doch schon in Weil am Rhein ist der Beruf wieder allgegenwärtig, denn der wohltuende Abendspaziergang sei doch eigentlich ein „Streifzug durch die Architektur“, sagt Mathias Albrecht. Tatsächlich dreht sich die anschließende Unterhaltung um Gebäudetypen im Vergleich zur Re gion Südniedersachsen. Was ist anders, was ist auffällig? Aber auch Erfahrungen werden in lockerer Runde ausgetauscht: Wie hält man den Anforderungen des Berufs stand, der ein permanentes Tauziehen zwischen Auftraggeber, Behörden und Gewerken erfordert? Anekdoten machen die Runde, und in gelöster Stimmung neigt sich der Tag schließlich dem Ende zu.

Septembermorgen. Über dem ‚Vitra Campus‘ hängen dichte Regenwolken, wir frösteln.

Einzigartige Architektur

Da wir noch auf den zweiten Teil der Gruppe warten müssen, wärmen wir uns kurz in der ‚Vitra Lounge‘ auf, bevor die Führung über den Campus beginnt. „Keine Dehnungsfugen“, stellt Helmut Theissen mit Blick auf die Betondecke fest. „Und interessanterweise sind die Sprinkler überstrichen“, kommentiert Christian Morgenstern. Es ist dieser spezielle Blick, der im Laufe des Tages Interessantes zum Vorschein bringt. So fällt ihnen im kuppelförmigen Zelt des amerikanischen Architekten Richard Buckminster Fuller neben der stabilen Verstrebung auch die erstaunliche Akustik auf, die sogleich ausprobiert wird. Und ‚pfiffig‘ finden sie die Idee von Jean Prouvé, der die Konstruktionsteile seines demontierbaren Tankstellen-Häuschens für den problemlosen Auf- und Abbau farblich eindeutig gestaltet hat.

Nicht eindeutig, sondern verwirrend ist dagegen die Besichtigung der nicht mehr genutzten Feuerwehrstation von Zaha Hadid. In ihrem ersten je realisierten Gebäude gibt es keine rechten Winkel, und die Wände sind teilweise schräg. Um „den Gleichgewichtssinn zu schulen“ – so die Intention der mittlerweile berühmten Arwirtschaftchitektin. „Ich kann verstehen, dass die Feuerwehrleute von dem Gebäude überfordert wurden“, sagt Jochen Görres. Doch trotz Sinnestäuschung bleiben der Reisegruppe ungewollte Verformungen bei der Dachkonstruktion nicht ver borgen.

Nächstes Ziel ist der Konferenz-Pavillon des Japaners Tadao Ando, zu dem der ‚Pfad der Besinnung‘ führt. Ein sehr schmaler Gehweg zwischen Wiese und Mauer, der zur Konzentration auf eine Besprechung in dem introvertierten Bau einladen soll. Hier stößt neben der formal strengen Architektur erstaunlicher weise das Lüftungssystem auf Interesse, das ohne Klimaanlage auskommt.

Weitaus einladender zeigt sich das ‚Vitra Haus‘ von Herzog & de Meuron mit seinen großen Glasfronten an den Stirnseiten. Auf fünf Ebenen sind einzelne ‚Häuser‘ übereinander geschichtet. Es beherbergt die ‚HomeCollection‘, in der Designklassiker ebenso vertreten sind wie Produkte zeitgenössischer Designer.

Ästhetisches Design

Beginnend im fünften Stock wird alles in Augenschein genommen. „Fantastische Aussicht“ ist der erste Eindruck von Martin Neitzel, der gleichzeitig den wolkenverhangenen Himmel bedauert. Farbenfroh sind dagegen Möbel und Accessoires, die nun genauestens inspiziert werden. Die Inneneinrichtung wird diskutiert und Details analysiert. „Wo versteckt sich denn hier die Kabelführung?“, fragt Torsten Helten, und schon knien sich die Architekten unter den Schreibtisch, um die Zuleitung des PCs ausfindig zu machen.

Doch auch die Sitzmöbel werden ausprobiert und begutachtet. „Der ist wirklich bequem“, stellt Helmut Theissen fest, der es sich schon länger in einem Lounge-Chair von Ray und Charles Eames bequem macht und von dort die anderen Stühle in Augenschein nimmt. Wie viele Varianten von diesem Klassiker zu bekommen sind, zeigt uns Hendrik Woywod von Vitra im Lounge-Chair-Atelier. Dort erfolgt die Manufaktur individuell – viele Leder- und Holzvarianten machen aus jedem Stuhl ein Unikat. Dunkles Leder zu hellem Holz oder umgekehrt? Einig sind sich zumindest alle, dass für jeden was dabei wäre.

Nachhaltige Produktion

Wie es um die Qualität der Möbel steht, wird in der Produktion deutlich. In der Fabrikationshalle, erbaut von Alvaro Siza, wird schrittweise die Herstellung anhand des Stuhlklassikers Aluminium Group von Ray und Charles Eames gezeigt. Stoffe schichten, pressen, nähen, auf das Gestell einpassen – es ist akurate Handarbeit, die einen Stuhl zum Klassiker macht, der langlebig wertvoll bleibt.

Arbeit ist auch das, was hinter dem Vitra-Konzept steht. Diese erledigt sich selbstredend in einem kreativen Umfeld – in einem Großraumbüro, das keiner üblichen Vorstellung entspricht. Ob Besprechungsbereich, Rückzugsmöglichkeit oder Konferenzraum, ob Sinnieren, Diskutieren oder Konzentrieren – in den ’neuen Bürowelten‘ sind Team- und Einzelarbeit keine Widersprüche.

Mathias Albrecht ist von den Farbwürfeln angetan. Dabei handelt es sich um geschlossene Schreibtischaufsätze, die weitgehend ungestörtes Arbeiten ermöglichen sollen. Er probiert den gelben Würfel und diskutiert mit Woywod darüber, welche Farbe wohl wirklich zum kreativen Arbeiten inspiriert. „Ein Großraumbüro mit einer erstaunlichen, einzigartigen Atmosphäre“ – sagt die Reisegruppe unisono.

Ausgestellte Exponate

Eine einzigartige Atmosphäre bietet auch das ‚Design Museum‘, für das wir nur noch kurz Zeit haben. Der skulpturalexpressionistische Bau des Architekten Frank O. Gehry beherbergt gerade die Wanderausstellung ‚Zoom. Italienisches Design und die Fotografie von Aldo und Marirosa Ballo‘, die moderne Exponate rückliegender Jahrzehnte zeigt. Und auch hier überzeugt die Symbiose zwischen Architektur und Präsentation der Kunst.

Ein ganzer Tag Vitra, die Architekten sind beeindruckt. „Es waren viele sehenswerte und bedenkenswerte Seh-Eindrücke, sei es in den Außenräumen, zwischen den Gebäuden, in den Innenräumen oder in den mobilen Gebrauchsgegenständen“, fasst es Architekt Ralf-Dietrich Matthaei zusammen. Besonders gefallen haben ihm „Lockerheit, Wille und Phantasie zur Findung neuer Bürowelten“. Und bmp-Architekt Jochen Görres bilanziert: „Die Firma hat etwas, was in diesem Maße nur wenige Bauherren besitzen: Mut und Experimentierfreude.“

Der Puls ist beschleunigt, Heltens Ziel dadurch erreicht. Vielfältige Impressionen haben die Phantasie der Mitreisenden angeregt – sei es für die Gestaltung eines Hauses, eines Raumes oder auch eines Einzelmöbels. Sie fahren nach Hause und diskutieren über: gutes Design.

Autor: CLAUDIA KLAFT