Bittersüße Träume

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Marisa Müller

Schlaf kann zur Herausforderung werden. Nämlich dann, wenn die nächtliche Ruhe sich nicht mehr einstellen mag oder andere Probleme auftreten. Wenn nichts mehr hilft, machen sich die Mediziner des Schlaflabors ans Werk.

Schlimm ist das! Schlaflos in der Nacht, während alle anderen friedlich schlummern. Die Kinder sind schon lange in den Federn, der liebe Partner kuschelt sich nur noch tiefer ins Kissen, und sogar der Hund schnauft zufrieden in seinem Körbchen im Flur. Und jeder Gedanke macht es nur noch schlimmer. Ein kurzer Blick auf die Uhr macht klar: nur noch vier Stunden bis zum Weckerklingeln. Gedanken über die Arbeit vermischen sich mit denen zur bevorstehenden Familienfeier am Wochenende. Mist, dieser wichtige Brief, schon versendet, oder glatt vergessen? Langsam wird es zu warm unter der Decke. Ein Glas Wasser, das könnte helfen, also auf zum Kühlschrank. Die Küchenuhr an der Wand lacht höhnisch: nur noch 3,5 Stunden, bis der Tag beginnen soll, nur wie? Der Blick in den Spiegel sagt alles. Das war wohl nichts. Aber irgendwie muss es heute gehen – schlaflos. So, oder so ähnlich geht es täglich Tausenden von Menschen in Deutschland.

Ein Viertel der Bevölkerung leidet laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts aktuell an Schlafstörungen, weitere elf Prozent gaben an, sich beim Schlafen nicht vollständig erholen zu können. Frauen sind meistens häufiger betroffen als Männer, Ältere häufiger als Jüngere. Dabei schläft der Mensch, sofern er gesund ist, ungefähr 24 Jahre seines Lebens. Vorwiegend sind emotionale Gründe für mangelnden Schlaf verantwortlich, häufig belasten konkrete Situationen: Beziehungsprobleme, Existenzängste, nicht bewältigte Aufgaben oder Probleme – die Liste der Möglichkeiten ist lang.

Entwarnung, wenn es sich bei der Schlaflosigkeit nur um eine Phase handelt. Dauern die Probleme aber länger als drei Monate an, empfiehlt sich ein Gang zum Hausarzt. Organische Ursachen müssen untersucht, die Ausprägung und Schwere der Schlafstörung erfasst und Lösungen gefunden werden. Genau damit, also Schlafstörungen jeglicher Art, befasst sich die Abteilung Pneumologie, Schlaflabor, Beatmungsmedizin des Evangelischen Krankenhauses Göttingen-Weende.

Chefarzt Wolfgang Körber arbeitet seit 1992 dort und hat das Schlaflabor mit aufgebaut. Er und seine Kollegen sind ständig auf der Suche nach den individuellen Schlafkillern. Zu warm, zu kalt, zu hell, zu dunkel, zu laut, zu leise – das allein kann schon reichen, um die Nacht zum Tag werden zu lassen. Problem erkannt, Gefahr – zumindest in Angriff genommen.

Mit einer Überweisung des Hausarztes geht es in der Regel zur schlafmedizinischen Sprechstunde nach Lenglern. Wenn klar ist, dass weder Koffein noch die falsche Matratze an der fehlenden Erholung schuld sind, wird eine stationäre Beobachtung angeordnet. Sieben Zimmer stehen für die Patienten bereit, 360 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. „Wartezeiten bis zu einem halben Jahr, allein das zeigt schon, wie allgegenwärtig Schlafstörungen in der Gesellschaft sind“, sagt Körber. „Die Patienten stehen unter einem hohen Leidensdruck, sie sind froh hier zu sein und hoffen, dass wir ihnen helfen können“, sagt Mediziner Claus-Heinrich Quast; er betreut die Schlaflosen direkt auf der Station. „Die Patienten bleiben meist zwei Nächte bei uns. In der ersten Nacht schlafen sie aufgrund der ungewohnten Umgebung und der Aufregung oft nicht besonders gut, das verfälscht die Ergebnisse“, erklärt er.

Die Schlafgäste kommen an und machen sich gewohnt bettfertig. Zwischen 21 und 22 Uhr werden sie verkabelt. 19 Elektroden und Sensoren samt Kabel werden von Kopf bis Fuß verteilt. Kopf vermessen, mit dem Edding Markierungen setzen, mit matschigem Elektrodengips zwei Elektroden am Kopf anbringen – Medizinstudentin Mareike Bernhard hat darin Routine. Die 25-Jährige arbeitet seit eineinhalb Jahren auf der Station und kennt die Reihenfolge genau. „Eine halbe Stunde dauert es, bis eine Person richtig verkabelt ist“, erzählt sie. „Die Elektroden müssen alle fest sitzen, damit sie im Schlaf nicht abfallen. Nachts wecken und neu kleben ist schlimm, die Patienten schlafen ja sowieso schon alle schlecht“, erklärt Bernhard. Schwierig sei es mitunter, wenn sie nachts auf die Toilette müssten. Da bleibe nur der Toilettenstuhl. „Oder mit den ganzen Kabeln in der Hand und etwas Hilfe schnell ins Bad“, ergänzt sie nach kurzem Überlegen.

Die Datenmenge, die bei einem sogenannten Polysomnogramm erhoben wird, ist ziemlich komplex. Gemessen werden Hirn und Muskelaktivität, Augenbewegungen, Atmung, Schnarch- oder andere Geräusche, Herzfrequenz, Beinbewegungen, Atemanstrengung, Herzfrequenz und die Sauerstoffsättigung. Zusätzlich zeigen Videoaufnahmen weitere Anomalien im Schlaf. Im Kontrollraum werden die Ergebnisse die ganze Nacht hindurch überwacht und gespeichert.

Besonders häufige Krankheitsbilder am Untersuchungsstandort Lenglern sind die sogenannte Schlafapnoe (Atemaussetzer), dicht gefolgt von Insomnie (Ein- und Durchschlafstörungen). „Oftmals rufen beunruhigteEhefrauen an, die beobachtet haben, dass die Männer nachts aufhören zu atmen. Das muss auf jeden Fall untersucht werden“, erzählt Körber und betont nachdrücklich: „Bis zu 90 Sekunden atmen die Betroffenen in der Regel nicht, eine Form der Schlafapnoe, zu der auch das Schnarchen zählt.“ Viele Patienten leiden auch an vermehrter Tagesmüdigkeit und -schläfrigkeit. Die schlafmedizinische Diagnostik ist weiterhin in der Lage, auch internistische Krankheitsbilder zu erfassen, denn Herzrhythmusstörungen oder Diabetes können den Schlaf ebenfalls negativ beeinflussen.

„Ab einem Alter von ungefähr 40 spielt bei uns außerdem Übergewicht die größte Rolle“, verrät Körber. „Wenn die Körpermasse auf die Atmung drückt, kommt es zu Schwierigkeiten.“ Von besonderer Dringlichkeit werden in Lenglern Fälle untersucht, bei denen Kraftfahrer betroffen sind. Immer wieder passieren Unfälle infolge des Sekundenschlafes. Dieser ist häufig ein Nachklang massiver Schlafstörungen, die wiederum als Folge des unregelmäßigen Schichtdienstes anzutreffen sind. „LKW- oder Busfahrer landen häufig als Notfälle bei uns“, erzählt Körber. Die Fahrer werden sofort krankgeschrieben und sind bis zur Klärung des Problems arbeitsunfähig. „In den schlimmsten Fällen können die betroffenen Personen ihren Beruf nicht mehr ausüben und müssen raus aus dem Schichtdienst – anders geht es manchmal nicht“, so Körber weiter.

Am ungewöhnlichsten für den 52-Jährigen sind noch immer die Schlafwandler. „Diese haben wir hier nicht sehr häufig. Die Menschen tun die merkwürdigsten Dinge im Schlaf – sehr spannend“, erzählt der Mediziner. Viele Menschen reden ab und zu während sie schlafen, das sei nicht bedenklich. Nur wenn nachts Dinge geschähen, die einen selber stören, und die Munterkeit des nächsten Tages beeinflusst sei, solle man die Vorkommnisse ernst nehmen, rät Körber.

Sein Tipp für mögliche Entspannungshilfen: Autogenes Training und Yoga. Eigentlich gibt es für alle Schlafstörungen eine Lösung. In Lenglern werden die Daten ausgewertet und individuelle Lösungen gefunden. Ob nun eine Lebensberatung bei der Bewältigung von Alltagsproblemen helfen kann oder eine mechanische Atemhilfe (nCPAP- Gerät) das Mittel der Wahl darstellt – wichtig sei laut Körber nur, Schlafprobleme nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die Schlafmedizin ist ein eher junges Fachgebiet. Erst in den Siebziger Jahren begann die Forschung, sich mit dem Gegenstand Schlaf zu beschäftigen. Viele Fragen sind dementsprechend noch offen. Bis Juni 2015 soll das Schlaflabor zwei zusätzliche Schlafplätze erhalten. Wartezeiten sollen so verkürzt werden, denn die Patienten mit Schlafstörungen werden immer zahlreicher.

Schlaflabor Lenglern:www.ekweende.de/ fachbereiche/pneumologiebeatmungsmedizinschlaflabor