Big ist out

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Text von: Redaktion

Der Forscher Winfried Weber über Hidden Champions – die innovativen mittelständischen Weltmarktführer im Hintergrund.

Deutschland ist wieder internationaler Wirtschaftsmotor geworden. Arbeitsplätze entstehen. Einige Exportunternehmen verzeichnen zweistellige Wachstumsraten. Trotzdem spürt man in vielen Organisationen kaum etwas davon. Aber welche Firmen entwickeln derzeit diese Dynamik? Wer sind eigentlich die Gewinner der Globalisierung?

Der bekannteste deutsche Managementexperte Hermann Simon hat im September zum Hidden- Champions-Gipfel in den Bonner Bundestag geladen und den anwesenden Firmenlenkern und

Medienvertretern die Ergebnisse seiner Beratungs- und Forschungsarbeit zu den geheimen mittelständischen Weltmarktführern vorgestellt. Nach Simon sollten wir heute unser Augenmerk nicht mehr auf die Konzerne richten. Insbesondere im Mittelstand stecken die Potenziale unserer Wirtschaft. In den vergangenen zwölf Jahren sind diese Hidden Champions laut Simons Recherchen durchschnittlich um fast das Vierfache gewachsen. Bereits heute sind diese gut tausend Firmen für mehr als ein Viertel der gesamten Exporte Deutschlands verantwortlich – Tendenz steigend. Darüber hinaus erzielen Hidden Champions die besten Resultate, wenn es darum geht, den Schwenk von den transatlantischen auf eurasische Wachstumsmärkte zu meistern. Auch aus dem Ausland schaut man auf die Stärke des deutschen Mittelstands. Ein Beleg dafür ist: Fragen Sie globale Manager danach, ob sie ein deutsches Managementbuch kennen. Sie werden immer wieder nur Simons Weltbestseller „Hidden Champions“ genannt bekommen. Unsere Konzerne spielen, international gesehen, eher in der unprofitableren zweiten oder dritten Liga.

Simon begleitet die unbekannten Weltmarktführer nunmehr seit zwei Jahrzehnten und kennt wie kein anderer deren Geheimnisse und Erfolgsrezepte. Beim Hidden-Champions-Gipfel wurde eines klar: Big ist out. Wobei das nicht ganz stimmt. Aus einigen der von Simon vor zehn Jahren vorgestellten „Hidden“ Champions wie SAP, Freudenberg oder Heidelberger Druckmaschinen sind inzwischen trotz ihrer Größe erfolgreiche „Big Champions“ geworden.

Warum ist „Hidden“ besser? Es motiviert, fokussiert, treibt zu Höchstleistung und begeistert Kunden. Strategisch gehen Hidden Champions ganz ungewöhnlich vor. Sie legen „alle Eier in einen Korb“. Sie fokussieren, sind abhängig von ihren engen Märkten und wenigen Kunden, geraten dadurch leicht in Krisen und sind von Konkurrenten bedroht. Aber offensichtlich generiert die Bedrohung, den die gesamte Belegschaft permanent spürt, eine Achtsamkeit und Leistungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht. Ein Geheimnis ist ihre Reaktionsschnelligkeit. Wenn sich Kundenbedürfnisse ändern oder technologische Neuerungen erfolgen, reagieren sie sofort, und – das ist das Entscheidende – die Mannschaft zieht mit!

Auch Göttingen wurde auf dem Hidden- Champions-Gipfel erwähnt. Es ist für die Region gar nicht hoch genug einzuschätzen, dass unser Measurement Valley durch Simons Bestseller internationale Verbreitung erfährt: „Diese Konzentration höchster Messkompetenz hat ihren Ursprung in der Göttinger Universität, geht teilweise auf Carl Friedrich Gauss zurück und ist in der Welt einmalig.“ In der Managementlehre liefen Hidden Champions bislang eher unter der Rubrik „schwäbische Tüftler“, die sich in einer Nische etablierten, aber im Zeitalter der Großkonzerne und der Diversifikation kein bedeutendes Konzept darstellten. Simon ist anderer Ansicht und davon überzeugt, dass „dauerhaft herausragende Führung und Strategie eher bei den Hidden Champions als bei Großunternehmen zu finden sind“. Er weist nach, dass Hidden Champions heute ein wegweisendes Modell entwickelt haben, das seinesgleichen sucht. Man kann von diesen ungewöhnlichen Firmen lernen, was es heißt, in turbulenten Zeiten nicht nur zu überleben, sondern mit neuen Strategien führend zu sein. Ihr Erfolgsrezept liegt in ihrer Achtsamkeit. Ihr Erfolg kommt durch die Gewissheit, dass der bisherige Erfolg immer auch bedroht ist.

Dr. Winfried Weber ist Professor für Management an der Hochschule Mannheim und lebt in Göttingen. In der nächsten Ausgabe berichtet er über eine neue Innovationskultur durch die Renaissance der Selbständigkeit.