Begegnen und mitgehen

Text von: redaktion

Zeit schenken - das wollten Karl-Friedrich und Gabriele Braun. Das Ehepaar hat deshalb sechs Monate lang im Sozialwerk der Ordensfrau Karoline Mayer in Bolivien gearbeitet.

In einem Alter, in dem andere mit den ersten körperlichen Einschränkungen zu kämpfen haben oder ihren Ruhestand zu Hause genießen, haben sie sich auf den Weg gemacht. Ihr Ziel: das 10500 Kilometer entfernte Cochabamba in Bolivien.

Dort haben Karl-Friedrich Braun, 72, und seine Frau Gabriele, 56, für sechs Monate in den Einrichtungen des Sozialwerks von Schwester Karoline Mayer gearbeitet. Das Ehepaar und die Ordensfrau, die für ihr über 40-jähriges Engagement für die Ärmsten der Armen in Lateinamerika unter anderem mit dem Göttinger Edith-Stein-Preis geehrt wurde, verbindet eine langjährige Freundschaft.

Von der Reise haben die beiden schon seit Jahren geträumt. Gabriele Braun hat dafür sogar ihren Beruf als katechetische Lehrkraft aufgegeben. „Für uns war es wichtig, von der Zeit, die wir jetzt geschenkt bekommen haben, etwas abzugeben“, so Karl-Friedrich Braun. Der ehemalige Lehrer hat in einem Internat als Erzieher gearbeitet. In dem Internat leben Jugendliche, die aus den Armenvierteln Boliviens stammen.

Mit der Unterstützung des Vereins Cristovive, dessen Vorsitzende Gabriele Braun ist, können sie eine Berufsschule besuchen. Sie selbst hat in einem Bergdorf in einem so genannten „Apoyo“, in der Hausaufgabenhilfe für benachteiligte Kinder gearbeitet, die sich sonst selbst überlassen wären. „Das war wirklich ein wunderschönes Gefühl zu erleben, wie die Herzen der Kinder einem zufliegen“, erzählt sie mit leuchtenden Augen.

Um zu ihrem Einsatzort zu gelangen, mussten die beiden täglich eine Stunde mit dem Linienbus fahren: „immer dicht gedrängt, oft nicht wissend, ob man überhaupt ankommt, denn es gab sehr häufig Straßenblockaden durch Demonstranten“, sagt Gabriele Braun.

Auch an das bolivianische Hochlandklima mussten sich die beiden erst gewöhnen. Noch schwerer sei es allerdings gewesen, die Skepsis der einheimischen Mitarbeiter in den Sozialwerken zu zerstreuen. „Die haben zuerst gedacht, dass wir gekommen sind, um ihre Arbeit zu kontrollieren. Aber unser Ziel war es, den Alltag der Menschen wirklich mitzuerleben und sie zu begleiten“, erzählt der ehemalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Göttingen. „Und den Menschen zu vermitteln: Ihr seid es uns wert, dass wir das tun“, ergänzt seine Frau.

Für ihr Engagement hat das Ehepaar auf jeglichen europäischen Komfort verzichtet. Einen Fernseher oder gar eine Waschmaschine gab es in der kleinen Wohngemeinschaft in der Innenstadt von Cochabamba nicht, auch keine Heizung oder warmes Wasser. Der einzige Luxus war ein Telefon, über das sich ein Internetanschluss installieren ließ. „Unsere Kleidung haben wir auf dem Balkon in einem Steinwaschbecken gewaschen“, erinnert sich die 52-Jährige.

Vermisst haben beide dennoch nichts. „Jetzt, wo wir wieder da sind, sehe ich vieles mit anderen Augen: Ich war erstaunt darüber, mit wie wenig man auskommen kann“, so Gabriele Braun. Den Fernseher haben die beiden seit ihrer Rückkehr nach Göttingen nicht ein einziges Mal angeschaltet. „Man lernt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – und für diese Erfahrung sind wir dankbar.“

Eine Erfahrung, die Karl-Friedrich Braun jederzeit wieder machen würde. „Wenn ich gesund bleibe und die nötige Zeit habe, dann würde ich morgen wieder starten.“ Jetzt steht allerdings erst einmal die Familie im Vordergrund: Die beiden sind vor wenigen Wochen Großeltern geworden.

Der Verein Cristovive

Anfang der 70er Jahre hat Karoline Mayer, die Ordensgründerin der Schwesterngemeinschaft „Communidad de Jesús“, in Chile im Armenviertel Santiagos mit dem Aufbau eines sozialen Netzwerkes begonnen. Heute gehören zu ihrem Sozialwerk verschiedene Dienste: Eine Obdachlosensiedlung, ein Berufsbildungszentrum für Jugendliche, Frauenbildungsstätten, Kindertagesstätten und ein Gesundheitszentrum, in dem jährlich über 20 000 Menschen kostenlos behandelt werden.

Auch in Bolivien und Peru hat die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes soziale Einrichtungen gegründet. Der Verein Cristovive unterstützt die Arbeit Schwester Karolines unter anderem durch Spenden, die Vermittlung von Patenschaften für einzelne Projekte und durch die Entsendung von Freiwilligen nach Chile, Bolivien oder Peru im Rahmen des „weltwärts“-Programms der Bundesregierung. Mehr unter: www.cristovive.de