Basel III

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Text von: Stefan Liebig

Die neuen Regelungen zur Kreditvergabe sind selbst für Fachleute schwer zu durchdringen, betreffen aber Unternehmer wie Privatleute. Wie beurteilen regionale Experten die Thematik?

„Feuerlöscher können Hausbrände verhindern. Aber kein Mensch käme auf die Idee, Munitionsfabriken und Einfamilienhäuser mit der gleichen Anzahl von Feuerlöschern verpflichtend auszustatten“, sagt Michael Hommel, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Frankfurt.

Er bringt nach Ansicht von André Schüller, Sparkassendirektor und Mitglied des Vorstandes der Göttinger Sparkasse, mit diesem Bild die Problematik auf den Punkt: Die Regulierung des Bankensektors durch das Basel-III-Abkommen beziehe sich auf Problematiken, die systemrelevante Großbanken betreffen, nicht aber auf regional handelnde Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken.

So würden alle Kreditinstitute „in einen Topf geworfen“. Eine Einschätzung, die auch Peter Reus, Professor für Finanzwirtschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, teilt, der die Auswirkungen allerdings für die Sparkassen und Volksbanken als nicht so dramatisch sieht.

„Die Solidität des Finanzsystems ist im Interesse aller. Sparkassen und Volksbanken müssen die neuen Regelungen zwar mittragen, aber sie sind so gut aufgestellt, dass sie die neuen Eigenkapitalregeln verkraften können“, analysiert Reus.

Doch was ist überhaupt der Stein des Anstoßes?

Worüber wird nicht nur europasondern weltweit diskutiert? Basel III ist ein europäisches Bankenabkommen. Es ist die Fortsetzung von Basel I aus dem Jahre 1988, als erstmals die Sorge aufkam, das Eigenkapital der weltweit wichtigsten Banken sei auf ein gefährlich niedriges Niveau gesunken. Im Jahr 2007 trat das Folgeabkommen Basel II in Kraft.

Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht hatte neue Vorschriften für die Eigenkapitalausstattung der Finanzinstitute erlassen, um die Anforderungen stärker am tatsächlichen Kreditrisiko auszurichten.

Interessanterweise ging die Basel-II-Initiative von den USA aus, die die Beschlüsse später aber nur halbherzig umsetzten.

Ähnlich zeichnet es sich nun mit den Basel-III-Bestimmungen ab, die am 1. Januar 2013 in Kraft treten sollen. Auch hier wird die Finanzwelt wohl vergeblich auf die volle Kooperation der USA hoffen und somit nur Teile des Problems lösen.

Die Kernänderung von Basel III betrifft alle Institute gleichermaßen: Ab Januar stellt die Bankenaufsicht wesentlich höhere Anforderungen an die Eigenkapitalhöhe der Banken.

Der Geschäftsführer des Bankenfachverbandes Peter Wacket warnt: „Die Politik muss jetzt aufpassen, dass sie mit der sinnvollen Regulierung von Großbanken nicht die eigentlichen Mittelstandsfinanzierer vom Markt verdrängt.“

Denn das seien die Volksbanken und Sparkassen, so Rainer Hald, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen. Er kritisiert die mangelnde Gegenwehr der deutschen Bundesund Europapolitik bei dem Abkommen und sagt, dass 50 Jahre erfolgreiche deutsche Wirtschaftsgeschichte auf dem Spiel stünden.

„Es geht um ein sehr komplexes Thema, das alle Menschen betrifft. Auch die Entscheidungsträger müssen noch mehr Verständnis übermittelt bekommen. Nur dann merken sie, dass sie so einen Unsinn nicht mitmachen können“, sagt Hald, für den Volksbanken und Sparkassen die Institute waren, die zum Höhepunkt der Finanzkrise Stabilität vermittelt haben.

Jetzt aber würden sie über einen Kamm mit Großbanken geschoren und müssten die gleichen Eigenkapitalquoten erfüllen, obwohl sie „ihr Geld teuer verdienen müssen und Eigenkapital nicht durch Ausgabe neuer Aktien generieren können“.

Wenn alles so umgesetzt werde, wie bisher geplant, habe die deutsche Volkswirtschaft tatsächlich ein Problem, befürchtet Ralf O. H. Kähler, scheidender Vorstandsvorsitzender der Volksbank Göttingen.

Die Lage ist ernst

Die Lage sei so ernst, dass Volks- und Raiffeisenbanken derzeit mit den Wettbewerbern von den Sparkassen Hand in Hand marschierten. „Die anderen europäischen Länder kennen nur börsennotierte Geschäftsbanken“, erläutert Kähler und verweist auf die große Bedeutung der regionalen Vernetzung.

Diese deutsche Besonderheit würde in Basel und Brüssel nicht angemessen berücksich tigt. Der Zugang zu Krediten werde schwieriger und teurer. Es gäbe keine langfristig konstanten Kreditzinssätze mehr.

Wenn die Zinsen kurzfristig stiegen, kämen Kreditnehmer leicht in Zahlungsschwierigkeiten. Das sei eine der Ursachen für die amerikanische Immobilienkrise von 2008 gewesen. „Das Irritierende: Basel III soll eigentlich zur Verhinderung solcher Krisen beitragen“, zeigt sich auch Kähler äußerst unzufrieden mit den neuen Bestimmungen.

Wie sich diese in der Praxis für die Unternehmen bemerkbar machen werden, muss sich noch zeigen.

Für Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Göttingen, ist die Weitergabe der gestiegenen Eigenkapitalkosten von den Banken an die Kunden eine logische Folge. Er sieht aber auch eine Chance in der intensiveren Kommunikation mit der Hausbank.

„Familienunternehmen dürften mit der Situation in der Regel sogar besser zurechtkommen, weil sie meist zu der Gruppe von Unternehmen gehören, die eine hohe Eigenkapitalquote besitzen“, so Rudolph.

Doch im Ergebnis könnten die neuen Regeln die langfristige Finanzierung der Unternehmen belasten. Rudolph fordert alle Mittelständler auf, die eigene Finanzierung kritisch unter die Lupe zu nehmen und auf Optimierungsmöglichkeiten zu prüfen.

Auch Clemens Freiherr von Wendt befürchtet zwar keine Kreditklemme für südniedersächsische Unternehmen, aber eine deutlich schwierigere Ausgangsposition für Finanzierungsverhandlungen. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Mitte bestätigt aber auch die Einschätzung von Rudolph, die neuen Regelungen könnten mittelfristig zu einer wirtschaftlichen Stabilisierung der Unternehmen beitragen.

„Die Marktanpassung bei den Produkten und Strukturen wird durch die schwierigere Kreditvergabe noch notwendiger. Familienunternehmen haben es zwar schwerer, kurzfristig Eigenkapital zu bilden, andererseits wirtschaften sie in der Regel nachhaltiger“, sagt von Wendt und entwirft damit ein gemischtes Szenario der Basel-III-Auswirkungen für die hiesige, mittelständisch geprägte Wirtschaft.

Die Hand zur Hilfe

Die Hand zur Hilfe reicht die Commerzbank. „Wir sind unverändert bereit, dem Mittelstand mit Kapital zur Seite zu stehen. Um die Bereitstellung von Krediten in ausreichendem Maße braucht sich also niemand hier in der Region Göttingen Sorgen zu machen, auch wenn die Kredite etwas teurer werden“, beruhigt Martin Sommerfeld, Direktor der Commerzbank Göttingen.

Die wirkliche Inanspruchnahme von den zugesagten Kreditlinien läge zurzeit bei nur etwa 60 Prozent und biete großen Wachstumsspielraum für den hiesigen Mittelstand.

Auch Andreas Gliem, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Göttingen, beunruhigen die Änderungen nicht: „Wir sehen Basel III eher gelassen entgegen. Das Handwerk insgesamt hat Basel II recht gut überstanden. Viele beschäftigten sich dadurch erstmals mit Eigenkapital- und Ratingfragen oder der Nachfolgeproblematik.“

Obwohl die sicherlich steigenden Kreditkosten natürlich nicht im Interesse seines Verbandes sind, befürchtet er keine Lähmung des Mittelstandes durch die neue Gesetzeslage, ein viel größeres Problem für seinen Verband sei der Fachkräftemangel.

Allerdings stellt er sich klar auf die Seite von Hald und Kähler, indem er sagt: „Insbesondere die Kreditinstitute des Mittelstands in Form der Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind massiv betroffen. Denn sie müssen, obwohl ,unschuldig‘, einen Großteil der Lasten tragen. Banken, die diese Lasten nicht tragen wollen oder können, werden ihr Geschäft aufgeben (müssen).“

Ein Konzentrationsprozess im Kreditgewerbe, den er aus Sicht des Handwerks äußerst kritisch beurteilt.

Das Ergebnis von Basel III

Für Hald zeigt das Ergebnis der Basel-III-Beschlüsse eine klare Bestrafung auch der Banken, die „sich eben nicht wie Hasardeure im Investmentbanking verhalten haben, sondern während der Krise stabilisierend agierten“.

Europa bestrafe sich selbst, denn sogenannte systemrelevante Großbanken würden abwandern, regionale Banken und der besonders in Deutschland stark aufgestellte Mittelstand abgestraft.

Die Folgen wären dann noch weitreichender: Nicht nur die Unternehmen bekämen teurere Kredite, sondern es fehle der Sparkasse an Mitteln für Kultur- und Sozialsponsoring. Zudem seien auch die notorisch klammen Kommunen Leidtragende dieser Entwicklung.

Letztlich verschärfe sich für jeden Menschen die finanzielle Situation, da das Resultat eine schleichende Inflation sei, die mit der Zeit an den Sparguthaben der Menschen zehre.