,Auszeit im Kloster‘ mit Schwester Ingeborg

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

faktor war zu Gast bei Schwester Ingeborg Wirz im Ursulinenkloster in Duderstadt und sprach mit ihr über eine Möglichkeit für Führungskräfte, wieder zu Kräften zu kommen.

faktor: Was denken Sie, welche Rolle der Glaube heute speziell bei Führungskräften spielt?

Schwester Ingeborg: Wenn jemand in der Position einer Führungskraft steht, dann ist er sehr gefordert. Ich selbst war 13 Jahre als Schulleiterin tätig und für mich war Glauben die Tatsache, dass letztlich nicht alles nur von mir abhängt.

Und ich denke, was Wirtschaftsleute heute wieder brauchen, ist dieses ,Zur Ruhe kommen‘, ,Aufmerksam werden‘, um wieder ihre Mitmenschen wahrzunehmen.

Auch Manager sind nicht allein verantwortlich für ihren Betrieb – auch wenn Sie verantwortlich sind für die, die mit ihnen arbeiten. Aber sie gehen immer gemeinsam. Darum müssen sie das Wohl des Menschen im Blick behalten. Nur dann gelingt Unternehmen.

Woher kommt der Trend ,Auszeit im Kloster‘?

Ich glaube, das ist dieser Anspruch – vor allem in der Wirtschaft –, ohne Pause nur noch zu schaffen. Schaffen, schaffen, schaffen. Und immer mehr und noch mehr Gewinn zu erzielen. Die Manager sind gefordert, reisen durch die ganze Welt. Und die Sehnsucht nach Ruhe, nach Vertrauen, die ist da. Aber einfach zu sagen: „Jetzt nicht!“, „Jetzt mach ich mal eine Pause!“, das fällt vielen von ihnen schwer. Z

u Hause ist ja auch immer alles da. Handy, Computer, alles. Das erlebe ich hier auch. Wenn ich in meinem Zimmer sitze geht das Telefon, es klopft an der Tür, es kommen tausend E-Mails, ob interessant oder nicht. Und das ist ja nur der winzige Job, den ich hier habe. Wenn Sie das verhundertfachen sind sie bei einer Führungskraft. Da nimmt es gar kein Ende.

Was bieten Sie hier im Ursulinenkloster an?

Was wir hier im Haus machen, ist diesen Raum der Stille geben. Für Menschen, die sagen: „Ich muss einfach mal raus aus diesem Betrieb, in dem ich eingebunden bin. Ich hab gar keine Zeit mehr über mich nachzudenken oder über den Sinn des Lebens.“

Diese Menschen finden hier einen Raum, wo sie zur Ruhe kommen können. Wir haben in den Zimmern keinen Fernseher, kein Telefon – gut Telefon braucht heute keiner mehr, das haben sie ja alle in der Tasche… aber der Empfang ist bei uns immer sehr schlecht. (lacht)

Das schöne bei uns ist, das wir nur 20 Übernachtungsmöglichkeiten haben. Das bedeutet, es ist immer nur eine Gruppe z.B. zum Heilfasten oder Yoga da, und die ist dann ganz für sich. Es sind aber auch Einzelpersonen, in unserem Fall als Frauenkloster meistens Managerinnen, willkommen.

Was hat ,eine Auszeit‘ mit Gott zu tun?

Durch die Ruhe wird der Mensch wieder aufmerksam für andere Dinge im Leben. Und dann merkt man, es gibt mehr im Leben, als nur das alltägliche Kochen, Waschen, Bügeln und eben auch wirtschaften.

Braucht Glaube also die Kirche, bzw. in diesem Fall das Kloster?

Ja und Nein. Wenn man mit Kirche die Institution meint, dann glaube ich nein. Aber Kirche ist ja mehr. Kirche sind in erster Linie alle Menschen, die Miteinander auf dem Weg sind. Denn ich brauche Menschen, die mit mir gehen, die mich entweder bestärken oder auch mal meine Fragen ernst nehmen und beantworten.

Wenn man in einem Kloster Menschen findet, die das gleiche Ziel haben, heißt das natürlich nicht, dass man dadurch angekommen ist, aber dass man bestärkt wird. Dann scheint man auf dem richtigen Weg zu sein. Dabei ist die Gemeinschaft wichtiger als die Kirche.

Die Institution ist eigentlich nur ein Nebenprodukt. Ohne Verwaltung und ohne feste Strukturen funktioniert eine solch große und weltumspannende Institution nicht, aber Kirche ist mehr als das.

Interview: Elena Schrader


Zur Person

Schwester Ingeborg Wirz ist 1941 in Berlin geboren. Nachdem sie mit ihrer Familie nach Goslar evakuiert wurde, wo sie Abi und Studium – Mathe und Chemie für das Höhere Lehramt, ungewöhnlich für diese Zeit – absolvierte, zog sie für ihr Referendariat nach Hannover. Während der 30 Jahre, die sie an der St. Ursula-Schule Hannover arbeitete – 13 davon als Schulleiterin – besuchte sie bereits des Öfteren den Konvent. Nach ihrem Eintritt in das Ursulinenkloster im Jahr 1970 in Duderstadt belegte sie noch fünf Jahre Theologie als Fernstudium.