Austausch und Verbindung

© PicoTrace
Text von: Claudia Krell

Wissenschaft und Wirtschaft gehören in Göttingen traditionell zusammen, Technologietransfer und Gründungsberatung rücken die beiden näher zueinander.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Link mit weiteren Informationen zum Thema 275 Jahre Georgia Augusta aus unseren Ausgaben 2012.

Wissenschaft und Wirtschaft sind in Göttingen schon seit der Universitätsgründung 1737 eng verbunden. Dafür stehen auch Traditionsunternehmen „von Weltrang“, so Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel (siehe Interview), „wie beispielsweise Sartorius oder die PHYWE Systeme“. Sie hätten ihre Wurzeln in der Universität und seien gute Beispiele dafür, wie Forschung und Grundlagenwissenschaft in die Praxis gelangt.

Technologietransfer und Gründungsberatung an der Universität Göttingen sind heute die Domäne von Harald Süssenberger und Julia Altmann. „Auch wir feiern ein Jubiläum“, resümieren sie, „wenn auch ein kleines im Angesicht von 275 Jahren Universität.“ Vor 25 Jahren wurde die Stelle für Technologietransfer eingerichtet, „eine der ersten in Deutschland“, so Süssenberger. Seitdem ist es auch seine Hauptaufgabe, das Potenzial wissenschaftlicher Leistungen für Unterneh- men sichtbarer zu machen. „Informieren, Kontakt zwischen Unternehmern und Wissenschaftlern vermitteln sowie werben für Innovationen aus der Universität“, zählt er auf. Dazu gehört seit zehn Jahren auch die Beratung für Erfindungen, Patente und Lizenzen. Süssenberger: „Als Arbeitgeber ist es die Verantwortung der Universität, sich um Patente zu kümmern. Göttingen ist darum Teil eines Verbundprojektes, der MBM ScienceBridge GmbH, die Innovationen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen verwaltet und vermarktet.“

Anfragen für Auftragsforschungen nehmen sich Süssenberger und Altmann ebenso an.Auch wenn ihr Stellenwert in Göttingen bislang weniger hoch sei. „Vor allem durch die Exzellenzinitiative lag der Fokus auf Grundlagenforschung und Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft.“ Dabei seien aus der Kooperation zwischen Theorie und Praxis schon viele spannende Dinge entstanden – beide weisen, gerade im Jubiläumsjahr, auf Unternehmen wie Wilh. Lambrecht hin. Firmengründer Wilhelm Lambrecht arbeitete z.B. eng mit dem Astronomen Ernst Wilhelm Klinkerfues zusammen, so entstand das Haarhygrometer ‚Modell Klinkerfues‘. In der jüngeren Zeit sei es Alfred Schneider gewesen, erinnert sich Süssenberger, der an die Stelle für Technologietransfer herangetreten sei. PicoTrace heißt die 1994 entstandene Firma, „ein echter Hidden Champion“, wie Süssenberger anerkennend sagt.

Der 75-jährige Schneider ist Professor der Geowissenschaft, noch immer arbeitet er voller Begeisterung in seinem Unternehmen. Der Name ist Programm: PicoTrace, die kleinste Spur, kann mit Laborutensilien und in metallfreien Reinsträumen aus Göttingen nachgewiesen werden. Hochschulen und Forschungsinstitute mit Weltruf – darunter wohlklingende Namen wie Yale, Stanford, Columbia – gehören zu den Kunden. „In der Anfangsphase, als ich über die Gründung nachgedacht habe, hat vor allem ein durch den Technologietransfer der Universität organisierter Besuch in einer anderen Firma geholfen: Lambda Physik bzw. Coherent“, berichtet Schneider. Hier habe er wertvolle Anregungen erhalten. Mit seinen Kollegen habe er schon während seiner Zeit an der Universität Göttingen Geräte entsprechend der eigenen Ansprüche entwickelt, vor allem zur Gesteinsanalyse. „Auch um diese für andere Wissenschaftler produzieren und verkaufen zu können, kam PicoTrace ins Spiel.“ Damit setzt Schneider die Tradition fort, die Gründer wie Florenz Sartorius oder Lambrecht begonnen haben: die Fertigung von Gerätschaften, eng abgestimmt auf den Bedarf der Wissenschaft.

Eine dezidierte Gründungsberatung gibt es an der Georgia Augusta erst seit 2001, erläutert Altmann. In Anspruch nehmen können sie alle Mitglieder der Universität. In einem Gespräch werden die grundsätzliche Idee sowie der Business-Plan beurteilt, ebenso auch die Gründerpersönlichkeit. „Wir erstellen einen Fahrplan, der die Themenfelder strukturiert, von der Rechtsformwahl bis hin zu den verschiedenen Fördermöglichkeiten, auf die wir ausführlich hinweisen“, sagt sie. Unter den Beispielen der vergangenen Jahre sind Betriebe aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die sich am Markt behaupten: Hoch spezialisierte Firmen in naturwissenschaftlich-medizinischen Segmenten wie BioViotica Naturstoffe, Encepharm, Miprolab, PortaCellTec und PURinvent gehören ebenso dazu wie Softwarefirmen und IT-Dienstleister, so etwa data-quest, Mobil Macher, oder auch Frahnert Forschung & Beratung. Aus anderen wissenschaftlichen Fachrichtungen kommend, sind z.B. die Vermarkter Advertecs entstanden oder auch Der Holzhof, die Ärztevermittlung Lodhiamedics, die Philosophische Praxis PhilVia, die studentische Jobvermittlung Rentthehand.de und das Internetportal stellenboersen.de.

Aber auch viel ungewöhnlicheren Ideen hat Altmann beim Start geholfen, darunter sind die Marktforschung für den Pferdesport von ‚Horse Future Panel‘ oder die ‚Hunde Runde‘, die Tagesstätte, Ferienbetreuung und Urlaubsreisen für Hunde bietet. Selbst die Malamut Team Catalyst GmbH setzte sich mit Altmann in Verbindung – obwohl die Geschäftsidee Tests für Unternehmens- und Existenzgründer sowie Teamanalysen sind. Die Branchenbandbreite ist also weit gespannt. Altmann: „Ich durchstreife die Wissenschaften und bewege mich dabei von tief auf dem Meeresgrund in der Biologie bis hin zu den Sternen in der Astrophysik, zwischen großen Bergen und Nanopartikeln.“

Außerdem profitieren nicht nur Ausgründungen direkt aus der Uni Göttingen von der Beratung. „Zusammen mit den anderen Göttinger Hochschulen arbeiten wir in einem Netzwerk, in dem wir Kompetenzen zur Gründungsberatung zusammenschließen“, sagt Altmann. So wandten sich auch Fabian Piechottka, Björn Freimuth und Daniel Hartmann, die im Go-E-Lab – dem Unternehmensinkubator an der Privaten Hochschule Göttingen (PFH) – ansässig sind, an sie. Mit RewardMe bringen die drei jungen Gründer Empfehlungsmarketing für den Einzelhandel und Rabattleistungen für den Kunden per App für das Smartphone zusammen. Auch hier konnten Süssenberger und vor allem Altmann ein wenig helfen: Durch entsprechende Hinweise und Vermittlung erhält RewardMe eine Förderung durch den GründerCampus Niedersachsen – vielleicht der Grundstein für einen großen Erfolg.

Hintergrund: Wissenschaft & Wirtschaft in der Historie

Vandenhoeck & Ruprecht: Gegründet 1735 von Abraham Vandenhoeck in engem Zusammenhang mit der Eröffnung der Georg-August-Universität. Der Verlag befasst sich hauptsächlich mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Winkel’sche Werkstatt: Rudolf Winkel, der bei Universitätsmechanikus Apel gelernt hatte, legte 1857 den Grundstein für sein Werk, aus dem angesehenene Labormikroskope kamen. 1911 wird Zeiss Gesellschafter.

Wilh. Lambrecht: Gründer Wilhelm Lambrecht, Mechaniker mit großem Interesse am Bau von Messinstrumenten, verlegte 1864 seine Werkstatt nach Göttingen. Er arbeitete eng mit Göttinger Naturwissenschaftlern wie Friedrich Wöhler, Wilhelm Eduard Weber und Wilhelm Klinkerfues zusammen.

Sartorius: 1870 öffnete die feinmechanische Werkstatt F. Sartorius in der Groner Straße. Florenz Sartorius, der vom Göttinger Universitätsmechaniker Apel ausgebildet wurde, konstruierte eine kurzarmige Analysenwaage aus dem damals neuartigen Leichtmetall Aluminium.

PHYWE Systeme: 1913 gründete Gotthelf Leimbach die Gesellschaft zur Erforschung des Erdinnern mbH. Schnell wurde daraus die Physikalische Werkstätten mbH, die sich mit Physiklehrmitteln befasste – bis heute Geschäftsfeld von PHYWE.

Lambda Physik: Dirk Basting und Bernd Steyer gründeten 1971 den Laserhersteller. Beide waren damals Mitarbeiter des Göttinger Max-Planck-Instituts für Biophysikalische Chemie. Seit 1981 gehört das Unternehmen mit Hauptsitz im Industriegebiet Göttingen-Grone zu Coherent.

Kontakt

Gründungsberatung
Julia Altmann
Goßlerstraße 9
37073 Göttingen
Tel. 0551 39-12922
Fax 0551 39-1812922
julia.altmann@zvw.uni-goettingen.de

Technologietransfer
Harald Süssenberger
Goßlerstraße 9
37073 Göttingen
Tel. 0551 39-3955
Fax 0551 39-12278
hsuesse1@uni-goettingen.de