Ausgezeichnete Zivilcourage!

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

“Ich war von dem Preis sehr überrascht und freue mich natürlich, dass faktor meinen Namen ins Rennen geworfen hat“, sagte Michael Eisenberg nach seiner Ehrung bei der Verleihung des Göttinger Zivilcouragepreises.

Jährlich zeichnen der Präventionsrat der Stadt Göttingen und die Bürgerstiftung Göttingen Menschen aus der Leinestadt aus, die sich vorbildlich und mit persönlichem Engagement für ihre Mitbürger einsetzen.

Eisenberg engagiert sich als Hausleiter und Prokurist des Göttinger Altenzentrums Luisenhof für eine möglichst weitgehende Reduzierung von Fixierungsmaßnahmen bei den Bewohnern. „Durch den Preis rückt das Thema, das bisher nur branchenintern stattfand, in die Öffentlichkeit. Diese Anerkennung bedeutet mir viel und motiviert mich und mein Team, weiter nach Verbesserungen zu suchen“, erklärt Eisenberg das Fortsetzen seiner intensiven Bemühungen. Das Besondere an der Ehrung ist für ihn, als Stellvertreter einer Organisation ausgezeichnet zu werden, die nicht nur einer Einzelperson hilft oder geholfen hat, sondern die eine allgemeine Verbesserung der Pflegebedingungen umsetzt und publik macht.

faktor hatte den Vorreiter für den sogenannten Werdenfelser Weg in der Herbstausgabe 2014 porträtiert, und die Redaktion war sich schnell einig, der Jury dieses Projekt zur Förderung der Menschenwürde als Kandidat vorzuschlagen. Beim gemeinsamen Interviewtermin hatte Eisenberg authentisch vermittelt, wie wichtig ihm und seinen Mitarbeitern die Würde der Bewohner ist. Große Anstrengungen und zähe Verhandlungen mit den beteiligten Institutionen haben in den vergangenen Jahren stattgefunden, um ,freiheitsentziehende Maßnahmen‘ im Alltag einzuschränken. Umgesetzt werden solche Maßnahmen beispielsweise mit Gittern oder Bauchgurten, die ein Verlassen des Bettes erschweren oder unmöglich machen. Diese nur mit gerichtlicher Genehmigung anwendbaren Restriktionen, die aber nicht verpflichtend angewendet werden müssen, sollen Menschen vor dem nächtlichen Fall aus dem Bett oder – in erster Linie Demenzkranke – vor unkontrollierten Ausflügen bewahren. Der Schlüssel zur Vermeidung solcher Schritte liegt laut Werdenfelser Weg in der Kommunikation mit den Bewohnern und innerhalb des Kollegiums.

Bei diesen Gesprächen geht es Eisenberg in erster Linie darum, auf Augenhöhe mit seinen Gesprächspartnern zu sein. „Heute bin ich nicht der Chef, sondern Krankenpfleger mit Zusatzqualifikation“, ist daher ein oft gehörter Satz, den Eisenberg immer dann ausspricht, wenn eine Einzelfallbesprechung oder ein Workshop im Rahmen des Werdenfelser Weges ansteht. So entstehen im Luisenhof und in vielen Einrichtungen in über 130 Landkreisen und Städten Deutschlands Pläne zur weitestmöglichen Vermeidung von Fixierungen. Diese sogenannten ,freiheitsentziehenden Maßnahmen‘ sind Alltag in Senioreneinrichtungen. Ein Stresspotenzial, unter dem im großen Maße nicht nur die Bewohner, sondern auch die Pfleger leiden. Denn auch sie erleben, wie sich die von ihnen betreuten Menschen in solchen Momenten fühlen und freuen sich, ihnen dies ersparen zu können. Daher führte der Zivilcouragepreis auch zu großer Begeisterung in der Belegschaft. Eine Mitarbeiterin postete auf Facebook: „Wie wir wissen, beginnt jeder Weg mit dem ersten Schritt. Den sind Sie für uns gegangen. Wir werden den Weg jetzt weitergehen. […] Ihre Mitarbeiter sind stolz auf ihren Chef!“ Glückwünsche, denen sich das faktor-Team gerne anschließt!