Augetretene Pfade verlassen

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Text von: redaktion

Der Berater Bernd Fritz-Kolle über Defensive Routinen, die Macht der Gewohnheit und Veränderungsbremsen

Unser Alltag ist heute heftiger in Bewegung geraten denn je. Neuerungen drängen permanent von überall ein. Innovativ sein ist für den Einzelnen angesagt, um seine Employability zu erhalten. Unternehmen müssen innovativ sein, um am Markt zu bestehen. Gesellschaften müssen sich verändern, wollen sie nicht im globalen Wettbewerb untergehen. Auf der anderen Seite regt sich manchmal leiser, z. T. aber auch massiver Widerstand gegen die Automatismen des Veränderns, von fundamentalistischen Bewegungen in aller Welt bis hin zu denjenigen, für die Persil einfach Persil bleibt, denn: „Da weiß man, was man hat!“

Weshalb, so fragen sich viele Unternehmensstrategen, wehren sich so viele offensichtlich oder subtil gegen Innovationen? Weshalb hängen so viele am „same procedure as every year“? Von Grundbedürfnissen nach Sicherheit und Orientierung getrieben steht dem geforderten Wandel eine wachsende Tendenz zum Beharren, zum Festhalten an alten, bewährten Ordnungen und Ritualen gegenüber. Der amerikanische MIT-Wissenschaftler Chris Argyris spricht von „Defensiven Routinen“, die den Veränderungsprozessen als oft völlig automatisierte Einstellungs- und Verhaltensweisen entgegenstehen. Vielleicht sind Ihnen Wendungen wie „Das haben wir schon immer so gemacht!“ nicht unbekannt. Je stärker Sie als Entscheider einfach solchen Klischees oder Denkroutinen unhinterfragt folgen, umso stärker bleiben Sie in gut ausgetretenen Bahnen. Ihre „innovativen Leitbilder“ werden von Ihren Defensiven Routinen untergraben. Veränderungen werden durch derartige, häufig unter der Oberfläche liegende Denkmuster – den blinden Flecken ein gespielter Normalität in den Köpfen von Entscheidern und Mitarbeitern – erschwert. Für die Möglichkeit, dass etwas anders, neu und auch noch gut sein kann, bleibt wenig Raum. Das Neue hat es erst einmal schwer. Unternehmen, die dem Neuen eine Chance geben wollen, tun gut daran, sich sehr gezielt damit zu befassen, was in den Köpfen der Beteiligten an mentalem Bremswiderstand herrscht, um diesen zu berücksichtigen und Mitarbeiter, Kunden und Eigner innovationsfähig und -freudig werden zu lassen. Wie kommen Sie als Entscheider Defensiven Routinen auf die Spur? Ein lohnender Weg führt dahin zu hinterfragen, was bei Ihnen alles selbstverständlich, seit langem fest geregelt und in Geboten fixiert ist. Wann wurde bei Ihnen zum letzten Mal kritisch unter die Lupe genommen, ob es noch sinnvoll ist, was Ihr Unternehmen tut und wie? Eine andere Richtung erkundet die informellen Spielregeln, die Dos und Don’ts (z. B. „Hier muss man sich gegen alles absichern, sonst droht einem …“), über die niemand offen spricht. Die real gelebte Unternehmenskultur wird besonders perfide, wenn gleichzeitig von der Chefetage in Hochglanz in Auftrag gegebene „Leitbilder“ propagiert werden, aber intern gegenteilig gehandelt wird. In solchen Unternehmen blühen Muster von Doppelbödigkeit, äußerer Anpassung, Demotivation und innerer Kündigung. Hier werden Sie von keinem Mitarbeiter Identifikation mit dem Unternehmen oder gar Innovationsbereitschaft erwarten können.

Erfolgreiche Unternehmen, auch gewachsene traditionelle Familienbetriebe, zeichnen sich dagegen eher dadurch aus, dass z. B. Mitarbeiter und Kunden als Ideengeber ernst genommen werden, dass Hierarchie übergreifendes Querdenken und Experimentieren ermöglicht wird. Hier werden gleichzeitig Traditionen bewusst gelebt und Neues offensiv entdeckt und integriert. Hier wird ein Veränderungsprozess permanent von den Entscheidern vorangetrieben, indem bremsende Defensiv-Routinen im Unternehmen systematisch gelöst werden.