Augen auf, Handel!

© Alciro Theodoro Da Silva
Text von: redaktion

Der genaue, geschärfte Blick auf die Region liegt ihm nicht nur aus beruflichen Gründen am Herzen: Augenoptikermeister Christoph Bajohr engagiert sich seit über 20 Jahren im Vorstand der Einbecker Einzelhändlervereinigung und kennt die Probleme der Kaufleute in der Bier- und Fachwerkstadt.

Der Tag beginnt in der Marktstraße. So sehr das Optik-Unternehmen in den vergangenen 30 Jahren auch in Südniedersachsen gewachsen ist: Christoph Bajohr startet seinen Arbeitstag gegen 8.30 Uhr meist noch immer im Stammgeschäft in der Einbecker Fußgängerzone, in bester Innenstadtlage. Dort, wo alles im Oktober 1982 angefangen hat. „Hier ist mein Büro“, sagt der Augenoptikermeister, nachdem er die Stufen ins erste Stockwerk des Fachwerkhauses vorangegangen ist. Am Glasschreibtisch mit Blick auf die Fußgängerzone endet häufig der terminvolle Tag, in der Regel nach zehn Stunden.

Typische, regelmäßig verlaufende Arbeitstage gibt es für Christoph Bajohr nicht. Zu vielfältig sind die Aufgaben. Nach der Post kümmert er sich heute zunächst kurz um weitere Schreibtischarbeit, führt ein paar Gespräche mit seinen Mitarbeitern, entscheidet Fragen der Betriebsführung. „Für die Brillenberatung habe ich selbst leider nur noch wenig Zeit“, bedauert der 59-Jährige. Aber wenn es der Stammkunde wünscht, ist der Meister natürlich zur Stelle.

Doch jetzt wartet schon der erste Termin des Tages. Bis zum Büro von Frank Hagemann, dem Geschäftsführer der Einbeck Marketing GmbH, sind es nur wenige Schritte über die Marktstraße. Eine Besprechung, die Christoph Bajohr als Vorsitzender des Vereins ‚Einbeck Marketing InitiativGemeinschaft‘ führt: Seit über 20 Jahren engagiert sich der Unternehmer bereits im Vorstand der Werbegemeinschaft, der Einzelhändlervereinigung in der Bier- und Fachwerkstadt. Eine neue Wirtschaftsbroschüre soll aufgelegt werden, die den Standort Einbeck optimal vermarkten kann. Erste Entwürfe von Einbecks attraktiven Seiten liegen in Hagemanns Büro im Eicke’schen Haus auf dem Tisch. In dem wohl schönsten, 400 Jahre alten Fachwerkgebäude in der Innenstadt hat die Marketing GmbH ihre Büros, hier sind auch Tourist-Information und Kulturring zu finden.

Vor rund vier Jahren wurde die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Veranstaltungs- und Tourismusservice gegründet, die GmbH bündelt seitdem alle Innenstadtaktivitäten in Einbeck, organisiert beispielsweise Veranstaltungen wie das seit 40 Jahren bekannte Eulenfest oder den Weihnachtsmarkt. Mehrheitsgesellschafterinist die Stadt Einbeck mit 51 Prozent, die übrigen Anteile haben zunächst die selbständigen Vereine Werbegemeinschaft und Initiative Einbeck gehalten, seit wenigen Wochen der fusionierte neue Verein ,Einbeck Marketing InitiativGemeinschaft‘.

Die Einbeck Marketing GmbH habe die Werbegemeinschaft von ehrenamtlich zu erledigender, organisatorischer Arbeit entlastet – bis hin zu den Veranstaltungsabrechnungen, erzählt Christoph Bajohr.

Sie habe aber auch neue Probleme geschaffen. Denn den Geschäftsleuten war immer schwerer zu erläutern, warum sie Mitglied in einem Verein werden sollten, der nach außen nicht mehr groß in Erscheinung trat. „Wir sind zu einem zahnlosen Tiger geworden“, sagt Bajohr, „viele dachten auch, dass Werbegemeinschaft und Initiative konkurrieren.“ Die Konsequenz: rückläufige Mitgliederzahlen, sinkende Einnahmen. Es war dringender Handlungsbedarf gegeben.

Christoph Bajohr hat als Vorsitzender der Werbegemeinschaft die Fusion der Einzelhändler- Organisation mit der Initiative Einbeck maßgeblich vorangetrieben, in diesem Jahr wurde sie Realität. Der Verein ‚Einbeck Marketing InitiativGemeinschaft‘ mit rund 200 Mitgliedern entstand. „Wir konnten uns das anders auch schlicht nicht mehr leisten“, sagt Bajohr. Die Mitgliedsbeiträge sind eine wichtige Finanzsäule der GmbH.

Einbecks Wirtschaft bündelt jetzt ihre Kräfte. Und will sie in der GmbH kraftvoll vertreten und dort mehr Gehör finden. „Wir werden zeigen, dass wir‘s gemeinsam drauf haben“, sagt Bajohr. Als außerparlamentarische Opposition habe man zwar keine Stimme im Stadtrat, werde aber dennoch viel zu sagen haben, verspricht er. Die InitiativGemeinschaft wolle Motor für die Politik sein, hartnäckiger bei der Stadt nachfragen, mehr Mittel für die City fordern.

„Viele Städte sind neidisch auf unsere Substanz“, sagt Bajohr. Im Vergleich mit anderen Städten gehe es der Fachwerkstadt noch gut, selbst wenn in Einbeck die Frage natürlich ebenso im Raum stehe, wie dieses Erbe einer lebendigen Innenstadt weitergegeben werden könne. Eine Möglichkeit, die Bajohr in Zeiten von Konkurrent Internet favorisiert, ist Konzentration. Nicht mehr in jeder Straße in der Altstadt werde es in jedem Haus in Zukunft weiterhin Einzelhandel geben können. „Wir müssen den Kernbestand der Innenstadt hegen und pflegen.“

Der Einzelhandelsvorsitzende kann sich gut vorstellen, Marktplatz und Marktstraße wie ein Center gemeinsam zu vermarkten – mit regional ausstrahlender Standort-Werbung sowie einheitlichen Öffnungszeiten und gemeinsam bewirtschafteten Parkmöglichkeiten. „Warum nicht?“, fragt Bajohr. „Es darf keine Strafe sein, sich längere Zeit in der Innenstadt aufzuhalten. Den Einkaufsbummel beispielsweise nur deshalb abbrechen zu müssen, weil die Parkzeit endet, das ist nicht attraktiv.“ Erste Ansätze wie die Aktion ‚Parkzeit geschenkt‘ sind gemacht, doch hier müsse man noch besser werden.

Auf dem Weg zurück ins Geschäft zeigt Bajohr ein paar Beispiele, die ihm am Innenstadt- Herzen liegen. Nicht bepflanzte Blumenkübel, zu groß gewachsene Bäume, die die Hausfassaden verdecken, zu mittelalterliches Straßenpflaster – alles das lässt kein einladendes Gefühl für einen Einkaufsbummel entstehen, meint Bajohr. Hinzu kommen leer stehende Geschäfte, auch in bester 1a-Lage. „Der Branchenmix entscheidet das Überleben der City“, sagt er. Wer ein Geschäft mieten möchte, informiere sich zuvor über seine Nachbarn und was in der Stadt passiere. Und wenn das nicht stimme, werde der Ort bei Standortüberlegungen schnell aussortiert.

Wo die Schwachpunkte liegen, das wisse man. „Konzepte haben wir genug“, sagt Bajohr. Aktives Leerstandsmanagement sei deshalb notwendig: Welche Branchen fehlen? Und werden sie optimal angesprochen, damit sie sich für Einbeck interessieren? Dateien leerer Geschäftslokale zu führen sei da nur ein erster Schritt, die jüngst gestartete Initiative der ,Sch(l)aufenster‘ unterstützt Bajohr deshalb besonders: Auf Initiative der Kulturstiftung Kornhaus, die in diesem Sommer ihre Oldtimer-Erlebnisausstellung PS-Speicher eröffnet, haben sich engagierte Einbecker zusammengefunden, bringen Fassaden und Fenster leer stehender Geschäfte wieder auf Hochglanz, dekorieren, beleuchten. Und zeigen trotzdem mit markanten Bannern, dass das Ladenlokal zu vermieten ist. „Das ist eine tolle Aktion“, lobt Bajohr.

Schnell wieder zurück ins Marktstraßen- Geschäft, ein paar Telefonate, dann geht es mit dem Auto nach Göttingen. Geregelte Mittagspausen macht Christoph Bajohr nicht. „Ich hole mir bei Bedarf einen kleinen Snack ins Büro. Meist vom Bäcker, die haben ja heute leckere Angebote an Brötchen.“ In der Universitätsstadt betreibt Bajohr zusammen mit seinem Geschäftspartner Ewald Micheletti in der Groner Straße ein Brillengeschäft. Die Weender Straße, die Fußgängerzone, ist gerade neu gepflastert, dem Optik-Unternehmer gefällt das. „Da hinken wir in Einbeck deutlich hinterher“, sagt er und denkt an das problematische Straßenpflaster in der Einbecker City.

Bajohrs und Michelettis zwölf Geschäfte in Südniedersachsen agieren zusammen. Einmal pro Woche sprechen die Beiden über den gemeinsamen Einkauf und des Marketing. „Man muss für die Kunden die richtigen Angebote schmieden, die angesagten Marken anbieten, attraktive Fassungen und Gläser zur Verfügung haben“, weiß Bajohr. Hinzu kommt ein guter Service. Und die Brillenfans müssen davon erfahren. „Werbung und Marketing nimmt einen Großteil meines Arbeitstages ein“, sagt er, der für besondere Aktionen wie Autogrammstunden und Fotoshootings auch schon mal die aktuelle Miss Germany, Tagesschau-Sprecher oder Schlagerstars aufbietet.

Von Göttingen geht es über die Autobahn zurück nach Einbeck. Stört ihn der Stress? „Entspannung ist tatsächlich im Wochenplan so nicht vorgesehen“, gibt der Unternehmer zu. Da bleibe dann für Sport oder Hobbys kein Platz mehr. „Das stört mich aber auch nicht wirklich, da mir meine Tätigkeit grundsätzlich Spaß macht.“ Nur der Zeitdruck mache auf Dauer etwas mürbe. „Aber wahrscheinlich möchte ich noch zu viele Dinge selbst erledigen.“

Im Industriegebiet am westlichen Stadtrand von Einbeck ist das jüngste Unternehmen von Christoph Bajohr zuhause: OPTECmed. Was vor über 20 Jahren mit der Anpassung von Lupenbrillen in der Universitätszahnklinik in Göttingen begann, ist zu einem immer größeren Unternehmensbereich geworden.

Bajohr ist bundesweiter Marktführer, wenn es um vergrößernde Optik-Systeme in der Zahnmedizin und Chirurgie geht. 2009 eröffnete er sein Kompetenzzentrum in Einbeck. Als einziger Augenoptiker bundesweit ist Bajohr OPTECmed von Carl Zeiss Meditec als Fachhändler autorisiert, diese Lupensysteme anzupassen. Mittlerweile bietet er auch Lupenbrillen- Produkte unter eigener Marke an. Mit der Neugründung der Firma Bajohr OPTECmed verlagerte Zeiss die Lagerhaltung und Logistik nach Einbeck. So wird hier der Versand an andere Händler sowie der Reparatur-, Garantie- und Servicebereich für Zeiss übernommen.

Im Showroom wird Bajohr bereits erwartet. Einmal im Jahr lässt das Unternehmen für einen neuen Katalog die aktuellen Lupenbrillen- Modelle fotografieren.

Online-Handel ist bei individuell angepassten Lupenbrillen kein Thema, die persönliche, aufwändige Beratung wird bei den hochspezialisierten Lupenbrillen und Lichtsystemen von den Kunden besonders geschätzt. Außendienstler von OPTECmed sind in ganz Deutschland und in der Schweiz unterwegs, um bei Zahnärzten und Chirurgen vor Ort zu informieren und die vergrößernden Brillen an die Bedürfnisse der Mediziner anzugleichen. Ein Katalog ist da als Beratungshilfe nach wie vor unverzichtbar. „Der ist auch in Zeiten des Internets wichtig“, sagt Bajohr.

Ein Fotoshooting für den Katalog steht an. Im Präsentationsraum ist heute Profi- Fotograf Mirko Plha mit seinen Mitarbeiterinnen in Aktion, setzt die Models mit Lupenbrillen in Szene und in das richtige Licht. Christoph Bajohr ist dabei. Für das Fotoshooting wechselt der bekennende Krawattenfan auch schon mal tagsüber den Binder, wenn es für die Optik besser ist. Bajohr schaut auf dem Laptop und prüft die ersten Bilder für den Katalog, die Mirko Plha geschossen hat. Und ist zufrieden. Der Brillenunternehmer hat ein Auge dafür.