Der alte Mann UND DAS DORF

Karl-Heinz Rehkopf blickt auf ein Lebenswerk zurück. Mit Tedox und dem PS.Speicher hat er die Region nachhaltig geprägt und verändert. Bei all dem Trubel um seine Person und trotz bald 90 Lebensjahren im Köfferchen steckt in ihm immer noch viel von dem aufgeweckten Jungen, der vom Dorf kam und dies nie ganz abstreifen will.

» Erfolg unbehindert von Fachwissen«

Wenn Karl-Heinz Rehkopf durch die Hallen seines Lebenswerks schreitet, dann tut er das nicht wie ein Museumsdirektor, sondern bewegt sich wie ein Kind im Spielzeugladen. Da glänzen seine Augen bei einer alten NSU Quickly, da streicht er zärtlich über die Haube eines Hanomag, woanders bleibt er stehen, um einem Besucher eine Anekdote über seine erste Victoria, Baujahr 1938, zu erzählen. Die durfte er auf einer Fahrradausfahrt der Schulklasse benutzen, weil er angeblich kein Fahrrad besaß und ihm angeblich auch niemand eins leihen konnte, weil er in Wahrheit die Klassenkameraden die Harz-Berge hochziehen wollte. Rehkopf ist kein Verwalter von Geschichte – er ist ihr leidenschaftlicher Erzähler. Und das Museum, das seinen Geist bewahrt, ist weit mehr als eine Sammlung von Motorrädern, Autos und Kuriositäten. Es ist eine Hommage an ein gelebtes Leben.

Geboren 1936 in Fredelsloh, keine 20 Kilometer von Einbeck, hätte das Leben von Karl-Heinz Rehkopf auch einen ganz anderen Verlauf nehmen können, weil er durch einen Zufall in Niedersachsen und nicht in ­Hasselfelde/Harz in der späteren DDR, aufwuchs.  

Die Nachkriegsjahre waren hart, das Wirtschaftswunder noch ein ferner Traum. Und Luxus bestand allenfalls mal aus einem Paar neuer Schuhe. Doch Rehkopf, der Sohn des Leiters einer kleinen Molkerei, entwickelte früh einen unstillbaren Hunger nach Bewegung, nach Mechanik, nach technischen Tüfteleien.

Sein erstes motorisiertes Gefährt war eine gebrauchte 100-Kubik-Victoria, die er sich in den 1950er-Jahren mit viel Sparsamkeit und Jobben, beispielsweise am Fredelsloher Töpferei-Brennofen, erarbeitete. Dass aus diesem jugendlichen Traum einmal eine der größten privaten Fahrzeugsammlungen und das größte Oldtimer-Museum Europas entstehen würde – daran war damals absolut nicht zu denken. ‣

Sein beruflicher Weg war dabei so bodenständig wie sein Wesen. Rehkopf ist kein Mann des Glamours, sondern der Heimat und des Machens, der ­Gelegenheiten genutzt hat, wo immer sie sich ihm geboten haben – oder er hat sie einfach selbst geschaffen. Seine Karriere als Selbstständiger begann 1961 in Elliehausen mit der Übernahme eines Tante-Emma-Ladens – ohne kaufmännische Ausbildung. Es ging darum, seine junge Familie zu ernähren und sein begonnenes BWL-Studium fort­setzen zu können. 1972 gründete er gemeinsam mit einem Freund und mit seiner Familie die Teppich-Domäne Harste, mitten auf dem Land in einem alten verlassenen Gutshof, ohne eine Ahnung von der Branche zu haben. Aus der Gründung wuchs eine Handelskette mit heute 3.000 Beschäftigten und mehr als 120 Filialen, die unter dem Namen Tedox-Renovierungs-Discounter deutschlandweit bekannt ist. Weil ihn anfangs deutsche Zulieferer auf Druck von großen Mitbewerbern vom Markt verdrängen wollten, kaufte er einen Hubschrauber, natürlich gebraucht, um damit im europäischen Ausland Waren einzukaufen. Und weil er diesen nach Ende der Blockade für den Einkauf nicht mehr benötigte, gründete er dafür einen Hubschrauber-Rettungsdienst, ohne Erfahrung in der Luftfahrt- oder Rettungsbranche zu haben. „Erfolg durch keine Ahnung und unbehindert von Fachwissen“, nennt Rehkopf das schmunzelnd.

Aber Rehkopf nutzte seinen Sinn für das, was Menschen wirklich brauchen – und wie man es ihnen bezahlbar anbietet. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Tedox expandierte, wurde zum Inbegriff für günstige Wohnraumausstattung und machte Rehkopf zu einem erfolgreichen Unternehmer. Doch Reichtum war nie seine Motivation – es war immer das ‚Machen‘, das ihn antrieb.

Während andere in der zweiten Lebenshälfte ihre Yachten polieren oder Golf spielen, begann Rehkopf mit Herzblut, Oldtimer zu sammeln. Alte Motorräder, Autos, Fahrräder, Traktoren, zunächst aus nostalgischer Liebe, später mit visionärem Weitblick. Die Sammlung wuchs, platzte bald aus allen Nähten. Rehkopf dachte groß: Ein Museum musste her, um die Öffentlichkeit daran teil­haben zu lassen. Keine edlen Ausstellungsräume, sondern Orte der Begegnung, des Staunens, der lebendigen Geschichte, in einfach hergerichteten Lagern und Hallen.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau, einer diplomierten Kunsthistorikerin, plante er in Einbeck den PS.Speicher, der 2014 eröffnete. Der PS.Speicher ist ein Erlebnismuseum für Mobilitätsgeschichte in einem liebevoll sanierten ehemaligen Kornspeicher, das inzwischen auf 25.000 Quadratmeter an sechs über die Stadt verteilten Standorten angewachsen ist. Die gemeinnützige Stiftung PS.Speicher, die die Rehkopfs zur Trägerschaft ins Leben rief, soll das Projekt langfristig sichern. Rund 40 Millionen Euro hat Rehkopf der Stiftung bisher vermacht und unterstützt sie auch weiterhin. 

„Ich wollte etwas von meinem Erfolg an die Öffentlichkeit zurückgeben“, sagt er bescheiden – ein Satz, der bei anderen wie PR klingt, bei ihm aber ehrlich wirkt. Denn der PS.Speicher ist nicht nur ein Museum, sondern ein Bildungshaus, ein Erlebniszentrum, ein Ort für kleine und große Träume auf Rädern. Und Rehkopf ist dort nicht einfach der Gründer, er ist immer noch das schlagende Herz, ein Spiritus Rector, der sich für eine Presse-Geschich­te in zeitgenössische Garderobe wirft und die Benz Victoria, Baujahr 1894 und damit das älteste in Deutschland zugelassene, TÜV-geprüfte Automobil, fährt – wenn auch nur bei Tageslicht, weil die kerzenbetriebenen Schein­werfer nicht durch die Zulassung gekommen sind.

Dabei blieb er immer der ManN mit dem leicht ­verschmitzten Lächeln. Der Erfolg hat ihn nie eitel gemacht. Wer ihn kennt, weiß: Rehkopf trägt lieber Cordhosen als einen Maßanzug und fährt einen gebrauchten Mittelklassewagen.

Natürlich ist sein Lebenswerk inzwischen auch politisch und kulturell anerkannt. Der PS.Speicher wurde vielfach ausgezeichnet, Rehkopf selbst erhielt zahlreiche Ehren – unter anderem dasBundesverdienstkreuz, das Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen und, als erster Träger überhaupt, die Ehrenbürgerschaft in Form des Ehrenringes der Stadt Einbeck, der offenbar extra für ihn geschaffen wurde. Doch viel wichtiger sind ihm die ­Kinder, die mit leuchtenden Augen durch die Ausstellung laufen – und die alten Männer, die sich wieder wie 18 ‣ fühlen, die Motorradgruppe aus Schweinfurt, „deren Leithammel vorneweg geht und im Eingangsbereich angesichts der Flut von Motorrad-Oldtimern ein total begeistertes ‚Ach du Scheiße!‘ ausruft“, wie Rehkopf genüsslich erzählt. Sein angesammeltes PS-Blech verschafft anderen ein spannendes, außergewöhnliches Erlebnis.

Was wird von ihm bleiben? Was macht man, wenn man sein Lebenswerk mit einem Ausrufezeichen ­versehen hat? „Ich werde mich irgendwann pensionieren“, sagt der bald 90-Jährige alle Jahre wieder. „Eigentlich wollte ich das ja erst im Alter.“ Im Klartext: Er macht einfach weiter. Hat er eine Woche keine neuen Ideen, macht sich seine Frau Sorgen um ihn.

Der Karl-Heinz, er ist ein Hans Dampf in allen Gassen, scheint es. So hat er sich nebenbei auch dem Erhalt von Baudenkmälern verschrieben, etwa einer fast verfallenen Burg in Westfalen. Für seine Oldtimer-Sammlung saniert er Einbecker Industrie-Brachen und engagiert sich für die Belebung der Leerstände in der Innenstadt, indem er die ‚Initiative Sch(l)aufenster‘ (wie er sie nannte) ins Leben rief, um die vielen leeren Schaufenster von Schulen, Vereinen und anderen Initiativen dekorieren zu lassen. Sein neuester Einfall: seine etwas andere Visitenkarte, die auf das Dach eines winzigen Spielzeug-VW-Bullis aus den 1960er-Jahren mit Flower-Power-Dekor an den Seiten gedruckt wurde. Nimmt zwar zunächst etwas mehr Platz in der Jackentasche ein, aber landet nicht im Mülleimer, sondern auf einem Schreibtisch. „Manchmal muss man halt kreativ sein, wenn man Gutes oder Originelles tun will“, ist Rehkopfs Fazit.

2.600 Exponate hat der PS.Speicher an seinen Standorten im Stadtgebiet, zuletzt ist eine exklusive ‚Schatzkammer‘ mit Luxuswagen der Dreißigerjahre hinzugekommen, in die aus Sicherheitsgründen immer jeweils nur eine begrenzte Zahl an Besuchern hineindarf. „Alle Ausstellungsstücke waren vorher jahrelang an verschiedenen Orten versteckt. Aber warum die Freude darüber nicht mit der Öffentlichkeit teilen und stattdessen bis nach meinem Tod zu warten?“, sagt Rehkopf und ärgert sich gleichzeitig über diese Mentalität vieler Deutscher. „Die Engländer, die Amerikaner, die können sich mit Ihnen freuen – oftmals aber nicht die Deutschen, die werden oft als ein Volk von Neidhammeln bezeichnet.“ Eine traurige Erfahrung sei das, die auch er immer wieder gemacht habe. Nicht zuletzt, als ihm im Vertrauen ein Mitglied des Stadtrates sagte: „Glauben Sie mal nicht, dass sich alle darüber freuen, was Ihnen alles möglich ist und was Sie hier machen!“

Obwohl der PS.Speicher im vergangenen Jahr mit 100.000 Besuchern einen neuen Rekord aufgestellt hat: In trockenen Tüchern ist das Mammut-Projekt leider immer noch nicht, denn die Besuchereinnahmen sind noch nicht kostendeckend. „Dass es selbst jetzt nach zehn Jahren noch meine massive Unterstützung braucht, hätte ich nicht vermutet“, so Rehkopf. „Ich habe auch nicht vermutet, dass die große Begeisterung für den PS.Speicher zu 99 Prozent von Privatpersonen kommt. Die ­Unternehmer applaudieren auch, aber heimlich unter dem Tisch, um nicht auf Unterstützung angesprochen zu werden. Und auch das Land denkt schon seit über zwei Jahren über unseren Unterstützungsantrag nach.“ Zusätzlich macht sich das Fehlen von Hotelkapazitäten bemerkbar, sodass Rehkopf sich freut, dass wenigstens zwei Hotels vor der Umwandlung in Privatwohnungen bewahrt werden konnten.

Natürlich ist Rehkopf nicht mehr täglich im Museum, hat den Vorsitz des Stiftungsrats wie auch den Vorsitz des Beirates von Tedox inzwischen in jüngere Hände gelegt. Doch sein Einfluss ist noch überall spürbar. Er ist zwar in persona seltener, aber immer noch präsent. Wer ihn trifft, spürt schnell: Dieser Mann ist mit sich im Reinen. Er hat viel gegeben, viel erreicht – und ist doch geblieben, was er immer war: „Ich bin der Junge vom Dorf. Und ich bin normal geblieben.“ Seinen langsamen Rückzug und dass er inzwischen einmal jährlich zur Kur fährt, nimmt er wie so vieles andere mit Humor und Gelassenheit. „Ich sage oft zu meinen Leuten: Wenn ich mal sterbe, merkt das keiner. Alles ist bestens organisiert.“

Vielleicht ist genau das Rehkopfs größter Verdienst: dass er daran erinnert, wie wichtig es ist, neugierig zu bleiben. Zu sammeln, nicht aus Gier, sondern aus Liebe. Zu bewahren, nicht aus Nostalgie, sondern aus Verantwortung. Und zu teilen – weil Erinnerungen nur dann lebendig bleiben, wenn man sie erzählt. Und erzählen kann er: vom Baum über das Hölzchen zum Stöckchen bis hin zum Sägemehl. Bei Rehkopf ist kein Platz für Langeweile, und er hat immer eine Anekdote parat. ƒ

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