Auf Tuchfühlung

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Stefan Liebig

faktor schaut hinter die Kulissen von Wilvorst, einem Marktführer für festliche Herrenbekleidung – unterwegs in aller Welt, aber in Northeim zu Hause.

Das Tagesgeschäft heißt Zukunft. Wer sich im Modebereich auskennt, weiß das: Modeschöpfer planen immer ein bis zwei Saisons im Vorlauf.

So kommt faktor gerade noch rechtzeitig mit der Anfrage für diesen Beitrag, bevor Nicola Maria Meyer zur diesjährigen Fotosession nach Hamburg aufbricht.

Dort sorgen Fotografen, Models und Visagisten eine Woche lang für die werbewirksame Ablichtung der Herbst-/ Winter-Kollektion 2013/2014. Die Marketingleiterin ist bei Wilvorst bereits seit 20 Jahren für die PR verantwortlich.

Mit der festlichen Wilvorst-Kollektion, der modisch orientierten und partygeeigneten Tziacco-Linie, den Tages- und Businessbekleidungen aus der Kollektion Atelier Torino und den maßgeschneiderten Corpus- Line-Anzügen bieten die Modemacher aus Northeim hochwertige Produkte für alle Anlässe.

„Mode ist ein ewiger Zyklus, bei dem wir uns stets auf der Suche nach neuen Ideen befinden“, charakterisiert der geschäftsführende Gesellschafter Karl- Wilhelm Vordemfelde die Branche, in der das von ihm seit 1983 geleitete Familienunternehmen agiert.

Der „eigene Herrenstil“

Ideen, die er für sich selbst auch nach und nach umgesetzt hat. So hat er seinen „eigenen Herrenstil“ im Laufe der Jahre gefunden, wie er schmunzelnd erklärt. Dieser offenbart sich im Tragen von Anzügen und Sakkos bei geschäftlichen Anlässen sowie legerer Freizeitmode im privaten Alltag.

Beruhigend wirkt auch die Aussage, dass er nicht stets auf die Kleidung seines Gegenübers achte. Es bringe ohnehin nichts, zu sagen: „Du bist schlecht gekleidet.“ Vielmehr müsse jeder seinen eigenen individuellen Stil finden.

Damit die Menschen aber festlich und angemessen gekleidet werden können, sei intensive Vorarbeit nötig, so Vordemfelde. Viele Köpfe müssen kreativ tätig werden.

Die Modellentwicklung für neue Kollektionen durchläuft zahlreiche Phasen. Für jede Produktgruppe beschäftigt Wilvorst ein eigenes Team: Der Designer entwickelt seinen Modellvorschlag und spricht mit den Stoffdesignern die zu verwendenden Materialien ab.

Anschließend setzt die Modellmacherin die Idee in ein schnittfertiges Modell um. Schließlich produzieren es die Näherinnen.

Hört sich einfach an? Weit gefehlt.

Der Prozess von der Idee bis zur Umsetzung

Der Prozess von der Idee bis zur Umsetzung dauert mehrere Monate und muss stets die voraussichtlichen Modetrends einbeziehen. Eine ständige Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist erforderlich. Und letztlich muss alles dem prüfenden Auge des Chefs genügen, der seit fast drei Jahrzehnten stets ein gutes Händchen bei der Auswahl der Modelle beweist.

Die Modeschöpfer agieren in einer Branche, die sich in den letzten Jahrzehnten sehr stark gewandelt hat.

Zum einen haben sich die Produktionsstandorte von Europa überwiegend nach Osteuropa und Asien verlagert, weil dort kostensparend gefertigt werden kann, zum anderen setzte sich auch der Trend zum wesentlich legereren Umgang mit der Kleideretikette durch.

Wilvorst versteht es aber seit jeher, auf Veränderungen effektiv zu reagieren. Und so bewährt sich die seit 1965 in mehreren Schritten erfolgte Ausrichtung auf festliche Herrenmode.

Eine wichtige Spezialisierung des Sortiments, die auch ein Grundpfeiler für die Bewältigung der krisengeschüttelten 1970er- Jahre war. 400.000 Hochzeiten finden pro Jahr in Deutschland statt. 200.000 davon im festlichen Rahmen – eine klar definierte Zielgruppe.

Häufig tragen die Herren dabei Outfits von Wilvorst. Und dass solch ein Hochzeitsanzug schlicht und schwarz sein sollte, ist längst nicht mehr modische Pflicht.

Der moderne Bräutigam trägt elegante Seide oder Chiffon, mit Westen in edlen Ton-in-Ton-Mustern kombiniert. Mit der Konzentration auf diese kleine, aber feine Marktnische schaffte es Wilvorst, an seinem Hauptproduktionsort Northeim festzuhalten.

Für die Zukunft gerüstet

„Wir sind damit einer der wenigen Produzenten, die nicht in Fernost, sondern zu einem Teil noch immer in Deutschland fertigen“, erklärt Vordemfelde, während aus den edlen Bilderrahmen im Besprechungsraum die zufrieden scheinenden Gesichter seines Vaters Friedrich-Wilhelm und dessen Onkel Wilhelm auf ihn hinunterschauen.

Der Onkel gründete das Unternehmen in den Wirren des Ersten Weltkrieges in Stettin. Etwa die Hälfte der 250 Mitarbeiter entwirft und schneidert in Northeim.

Damit deckt Wilvorst insbesondere im Bereich der Näherinnen einen großen Teil des in den letzten Jahrzehnten in diesem Sektor stark rückläufigen Arbeitsplatzangebotes ab – ein faktor für die lange Betriebszugehörigkeit vieler Angestellter.

Als weitere Gründe für die traditionell geringe Fluktuation nennt Vordemfelde das gute Arbeitsklima sowie die modernen Arbeitsbedingungen in seiner Fertigung. Durch die vielen Ausbildungsplätze – zurzeit sind es 17 – hat er auch keine Angst vor dem allgegenwärtigen Fachkräftemangel.

Im Gegenteil: Er sieht sein Unternehmen für die Zukunft gut gerüstet.

Als wichtige unternehmensstrategische Entscheidung und Basis für den stetigen Ausbau der guten Marktposition ordnet Vordemfelde die 1993 beschlossene Partnerschaft mit der Brinkmann Gruppe (seit 2012: Bugatti Holding) ein: „Durch diese Kooperation sind wir stärker geworden und können flexibler auf den Markt reagieren.“

Wilvorst konnte dank des starken Partners die Goslarer Label Atelier Torino und Corpus-Line von Odermark übernehmen und nun im eigenen Portfolio führen.

Innovative Wege im Marketing

Doch nicht nur in Bezug auf die strategische Ausrichtung seines Unternehmens erkennt Vordemfelde den richtigen Moment und handelt. Auch im Bereich Marketing greift er zu, wenn es Erfolg verspricht.

Wohl wissend, dass seine edlen Kleidungsstücke einen Nischenmarkt bedienen, nutzt er gute Gelegenheiten, um auf sie medial aufmerksam zu machen.

Erste Erfolge waren die 1985 eingeführte ‚Denver-Collection by Wilvorst‘ für die Serienstars des Denver-Clan sowie die sechs Jahre später folgende ‚SAT.1 Collection by Wilvorst‘. Ein bis heute erfolgreicher Marketing- und Vertriebsweg, der mit der Ausstattung der Traumhochzeit in über 80 Sendungen seinen eleganten Höhepunkt fand.

Neben solchen zuschauerwirksamen Serienplatzierungen baut die Marketingabteilung schon seit langem auf Werbung mit Testimonials. So haben Peter Maffay, Thomas Gottschalk, Mirko Slomka, die Berliner Philharmoniker und der König von Tonga eines gemeinsam: Sie tragen begeistert die Abend- und Herrenmode des Marktführers für festliche Herrenbekleidung.

Eine wahre Vorreiterrolle nahmen die Fashionspezialisten zu Beginn des Internetzeitalters ein: Schon am 15. Januar 1997 präsentierten sich die Northeimer als damals erstes deutsches Unternehmen der Modebranche im Internet.

Und wer sich heute auf der umfangreichen Homepage umschaut, erkennt sofort, welch großen Stellenwert der Web-Auftritt und seit einiger Zeit natürlich auch die Präsenz auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen einnimmt.

Drei Vollzeitmitarbeiter kümmern sich ausschließlich um die verschiedenen Internet- Präsenzen von Wilvorst.

Neben den Informationen zu allen Kollektionen und Neuigkeiten im Unternehmen können sich die User z.B. im Bekleidungsknigge wichtige Tipps geben lassen: Wer nicht genau weiß, was er zur anstehenden Feierlichkeit anziehen soll, der kann sich hier schlau machen, ob er besser den Smoking, den Partyanzug oder den Frack aus dem Schrank holt.

Wilvorst hat sich durch gute Qualität sowie besondere und innovative Wege im Marketing eine gute Position unter den international agierenden Unternehmen gesichert.

Ausgezeichnete Ware

Dass man an „Wilvorst nicht vorbeikommt, wenn es um Mode für den Bräutigam geht“, wurde Geschäftsführer Vordemfelde bereits des Öfteren bei der Entgegennahme international renommierter Preise, wie etwa des ‚Bridal Star Award‘ für das beste Unternehmen für Brautmoden und Accessoires, bestätigt.

Weltweiter Einkauf, Produktion und Verkauf gehören zum Tagesgeschäft und festigen diesen guten Ruf. Ergebnis ist ein Export in insgesamt 35 Staaten. Darunter finden sich fast alle westeuropäischen Länder wieder, aber auch Russland, Polen und mehrere arabische Abnehmer.

In Deutschland ist der Herrenmodehersteller Partner des gehobenen Fachhandels. Die Produkte von Wilvorst gehören in fast allen wichtigen Fachgeschäften zum Sortiment festlicher Bekleidungen.

Karl-Wilhelm Vordemfelde bringt die Ansprüche, die er an seine Produkte stellt, präzise auf den Punkt: „Der riesige Erfahrungsschatz, den sich unser Familienunternehmen in der 95-jährigen Firmengeschichte in den Bereichen der Stoffverarbeitung, Trage eigenschaften und Kundenanspruch erarbeitet hat, muss in jedem einzelnen der täglich etwa 200 gefertigten Kleidungsstücke zu spüren sein.“