Auf Eis gelegt

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: redaktion

faktor-Interview: Die gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten Jahrzehnten haben dazu geführt, dass Frauen immer später schwanger werden. Mit dem Einfrieren von Eizellen können sich Frauen eine Art ,Fruchtbarkeitsreserve‘ anlegen.

Der gebürtige Göttinger Hans-Ulrich Pauer arbeitet als Reproduktionsmediziner im Münchner Kinderwunschzentrum an der Oper und hat auf dem Gebiet der künstlichen Befruchtung jahrelange Erfahrung.

Herr Pauer, immer mehr Frauen entscheiden sich, Eizellen einzufrieren. Warum?

Der ideale Zeitpunkt für eine Frau, Kinder zu bekommen, ist biologisch im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. In unserer heutigen Gesellschaft ist das aber die Zeit, in der die meisten noch in der Ausbildung stecken oder gerade in den Beruf einsteigen. Also ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um sich nebenher den Kinderwunsch zu erfüllen. Viele Frauen bekommen heute erst mit Mitte 30 ihr erstes Kind. Ab Ende 30 beginnt der Körper allerdings, sich Richtung Menopause umzubauen. Die Chance, Kinder zu zeugen, sinkt fortan. Mit dem Einfrieren von Eizellen können Frauen auch im fortgeschrittenen Alter noch so zeugungsfähig sein wie mit 25. Das gibt Sicherheit für die Lebensplanung.

Wie funktioniert das Einfrieren der Eizellen?

Mit jedem Zyklus reifen bei einer Frau zwischen 50 und 100 Eizellen heran. Allerdings erreicht lediglich eine Eizelle die Reife, damit daraus ein Kind entstehen kann. Die restlichen Eizellen ,verfallen‘ sozusagen. Wenn sich eine Frau zum Einfrieren von Eizellen entscheidet, erhält sie eine Hormonbehandlung. Damit sorgen wir dafür, dass mehr Eizellen das Stadium erreichen, ein Kind entstehen zu lassen. Diese zusätzlichen Zellen werden entnommen und bei minus 196 Grad Celsius schockgefroren. Die Entnahme der Eizellen ist dabei ein minimaler Eingriff.

Es werden also keine zusätzlichen Eizellen durch die Stimulation und Entnahme ,verbraucht‘?

Nein! Wir entnehmen nur die Eizellen, die vom Körper in diesem Zyklus ohnehin bereitgestellt worden wären. Bedenken, dass durch die Behandlung zum Beispiel die Menopause früher beginnt, sind unbegründet.

Wie genau erfolgt die Hormonbehandlung?

Die Hormonbehandlung ist meist das, was bei den Frauen die größten Ängste auslöst. Sie stellen oft die Frage, was die Hormone mit dem Körper machen. Dazu kann ich guten Gewissens sagen: Die Hormonbehandlung ist nahezu ohne Risiken. Denn die Frauen erhalten nur Hormone, die der Körper sowieso produziert. Sie werden lediglich höher dosiert. Negative Reaktionen des Körpers sind selten.

Wie lange können die ,Reservezellen‘ für den Kinderwunsch genutzt werden?

Theoretisch unendlich lange. Zumindest lassen sich die Eizellen so lange wie gewünscht aufbewahren. Allerdings sinkt mit zunehmendem Alter der Frau die Chance, eine Eizelle erfolgreich künstlich zu befruchten. Mit Beginn der Menopause ist dann ganz Schluss.

Wie hoch ist die Erfolgsquote bei den künstlichen Befruchtungen der eingefrorenen Zellen?

Die Schwangerschaftsrate mit den eingefrorenen Eizellen ist genauso hoch wie bei einer regulären künstlichen Befruchtung. Es ist wirklich ein gutes Konzept, um auch in höherem Alter noch sicher ein Kind zu bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Mehr zum Thema im Artikel ‚Kein Weg zurück‘.