Auf ein Bier im Fass

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Frank Bertram

Martin Deutsch, neuer Vorstand des Einbecker Brauhauses, über Ungeduld, Stammwürze und Chinesen in der Fachwerkstadt

Ein Bayer aus der Nähe von München in der Heimat guter Biere, in Einbeck. Einstmals haben die Münchener den Einbeckern ihren Braumeister Elias Pichler abgeworben, um dort das ,Ainpöckische Bier‘ zu brauen. Durch Verballhornung dieses Begriffs entstand damals der Name des berühmten Bockbieres. Das war im Jahre 1612. Kommt jetzt mit Martin Deutsch die späte Revanche? Dieser hat sein gesamtes Berufsleben bislang südlich des Mains verbracht. Warum zog es ihn in den Norden, in den Süden Niedersachsens? Was vermisst ein Bayer in Einbeck? Und warum werden bald auch Chinesen Bockbier aus der Stadt genießen können, in der es erfunden wurde?

Auf ein Bier mit dem neuen Direktor: Martin Deutsch, seit Oktober 2015 neuer Vorstand für Marketing und Vertrieb im Einbecker Brauhaus, wählt als Ort für das Gespräch das Brodhaus – und in der Gaststätte am Marktplatz natürlich die urige Braudiele mit den traditionellen Fässern, in denen Besucher sitzen können. Das frisch gezapfte Pils steht schnell auf dem Tisch, die Schaumkrone ist optimal, zeigt der prüfende Blick des Bierexperten. Wie kam der Brauereivorstand beruflich zum Bier? Ein Wandertag seines Freisinger Gymnasiums führte den Abiturienten nach Weihenstephan, inklusive Führung in der Brauerei des einstigen Klosters. „Die Kombination aus biologischen, technischen und chemischen Prozessen hat mich gereizt“, sagt Deutsch. Und weil er nach dem Abitur zunächst keine große Neigung hatte zu studieren, begann er eine Lehre. Beim später folgenden Braumeisterdiplom an der TU Weihenstephan interessierte den jungen Mann jedoch der kaufmännische Teil mehr, weshalb er doch noch ein BWL-Studium drangehängt hat.

Welche seiner Ausbildungen ihm in seinem aktuellen Job am meisten hilft? Von allem ein bisschen sei hilfreich, sagt Deutsch. Als gelernter Braumeister schaue er nicht allein auf Zahlen, blicke als Vertriebschef nicht nur auf Preise und Konditionen. „Ich weiß etwas über das Produkt, das ich verkaufen möchte“, sagt Deutsch. Er ist auch Biersommelier. Diese Ausbildung hat ihm deutlich vor Augen geführt, „wie wenig man bei Verkaufsgesprächen über das Produkt spricht“. Erschreckend sei das gewesen. Deutsch möchte es anders machen. Und sagt, was Bier ausmacht: Optik, Geruch und natürlich Geschmack. Beispiel Winterbock. Er bestellt ein Glas der Spezialität aus Einbeck mit 18,2 Prozent Stammwürze.

Und beschreibt: „Kaminfeurig rotgoldener Glanz im Glas, eine malzig aromatische Note mit wenig Hopfen, die über die Schaumkrone herüberkommt – und ein malziger Geschmack, der zum Weitertrinken animiert.“ Das Produkt ist für ihn Emotion. „Da fängt es an zu sprudeln.“ Wichtige Elemente im Bereich Vertrieb und Marketing seien Persönlichkeit und Lebenserfahrung, meint Deutsch. Berufliche Erfahrungen sowohl bei einer Privatbrauerei wie Schneider Weisse als auch in einem Konzern wie Paulaner mit längeren Entscheidungswegen und höherem Kosten- und Ertragsdruck hat er in den vergangenen Jahren gewinnen können. Und nutzt sie jetzt für das Einbecker Brauhaus. „Jedes Gespräch lebt vom Zwischenmenschlichen“, sagt der Vertriebs- und Marketingvorstand. „Sonst bräuchte man sich ja gegenseitig nur Mails und Excel-Tabellen zu schicken.“ Wenn Deutsch die Wahl hat zwischen einer E-Mail und einem Telefonat, wählt der 51-Jährige ohne zu zögern das Telefongespräch. Und Mailboxen mag er nicht. „Ich bin ein Mensch, der sprechen muss und gleich Feedback braucht, vielleicht bin ich da manchmal zu ungeduldig.“

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