Auf der Überholspur

Text von: Stefan Liebig

Göttingens Landrat Reinhard Schermann über den Innovationspreis, die Logistikaktivitäten und die Region im Bundesvergleich

Herr Landrat, Sie haben gerade zum sechsten Mal die Gewinner des Innovationspreises geehrt. Wie lautet Ihre Bilanz?

Die Schaffung des Wettbewerbs war zunächst ein Testlauf. Mittlerweile ist der Innovationspreis fest etabliert, eine Visitenkarte unseres Wirtschaftsraums. Die Teilnehmerzahl hat sich von 23 im Jahr 2003 auf nunmehr 84 erhöht, eine Steigerung von 370 Prozent, rein quantitativ betrachtet.

Welche Bedeutung hat der Innovationspreis für die Region?

Innovation ist ein Schlüsselfaktor für unternehmerischen Erfolg, ein Garant für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens und damit auch für mehr Beschäftigung. Die Vergabe des Innovationspreises des Landkreises Göttingen soll zur Stärkung der Konkurrenzfähigkeit der regionalen Unternehmen im globalen Wettbewerb beitragen.

Das beginnt mit der Intensivierung der Kommunikation und Kooperation vor Ort. Der Preis sorgt weiter dafür, dass Unternehmen bekannter werden. Er ist eine Art „Türöffner“. Dies bestätigen die Unternehmen. Ganz entscheidend ist für mich, dass Arbeitsplätze erhalten bzw. geschaffen werden. Insoweit bedeutet der Innovationspreis einen Mehrwert für die Unternehmen und die Arbeitnehmer – für uns alle.

Zur Stärkung der regionalen Wirtschaft setzen Sie auf Netzwerke.

Das ist ein ganz entscheidender Punkt für unsere Standortpolitik. Beispielhaft nenne ich den Verpackungscluster Südniedersachsen/Nordhessen. Immer mehr Unternehmen erkennen die gemeinsamen Wertschöpfungsmöglichkeiten. Der Verpackungscluster bietet auf der Ebene von „best practice“ u.a. einen gemeinsamen Energieeinkauf an, der für alle Betriebe in unserem Wirtschaftsraum geöffnet wurde.

Die inzwischen rund 400 Unternehmen sparen dadurch jährlich vier bis fünf Millionen Euro. Im Verpackungscluster wird aber auch die Qualifizierung von Mitarbeitern organisiert mit dem Ziel der Einrichtung einer Berufsakademie. Aktuell wird die zwischenbetriebliche Kooperation im Cluster, aber auch zu den Abnehmerbranchen in der Region organisiert oder von den Unternehmen selbst betrieben.

Ein weiterer Erfolg ist der zweite Platz beim Wettbewerb für mittelstandsfreundliche Kommunen. Was macht den Landkreis Göttingen so mittelstandsfreundlich?

Wir verstehen uns als schneller, unbürokratischer und zuverlässiger Dienstleister für unsere Kunden. Zur Begründung der Preisverleihung wurde u.a. angeführt: die Organisation und Abwicklung von Baugenehmigungen für Gewerbebetriebe aus einer Hand, die schnelle Genehmigungszeit von durchschnittlich 37 Tagen – der rechtliche Rahmen lässt bis sechs Monate zu –, die intensive Beratungsleistung für Unternehmen, die zügige Begleichung von Handwerkerrechnungen.

So wurde etwa das Logistikzentrum in Staufenberg mit einem Investitionsvolumen von 45 Millionen Euro innerhalb von nur 17 Tagen genehmigt. Europaweit einzigartig, sagt der Investor. Aber auch die gezielte Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, die Profilierung als Innovationsregion, die Unterstützung des ländlichen Raums und die Netzwerkbildung wurden positiv hervorgehoben.

Wie schätzen Sie die Zukunft unserer Region ein?

Lange Zeit waren wir Schlusslicht im Hinblick auf die Wirtschaftskraft und Arbeitslosigkeit in Niedersachsen. Heute befinden wir uns auf der Überholspur. Belege dafür gibt es viele: In der Zukunftsanalyse vom Prognos-Atlas 2007 machte Göttingen 19 Plätze gut und befindet sich nun im ersten Drittel des bundesweiten Rankings. Im Vergleich zu den niedersächsischen Kommunen befinden wir uns auf Platz 6.

Die IT-Fachhochschule in Iserlohn sieht Göttingen gar als Wachstumsregion Nummer eins in Niedersachsen. Beim Wettbewerb für Bioenergieregionen sind wir unter den 50 Finalisten von 210 Teilnehmern. Früher nahm Göttingen an solchen Wettbewerben gar nicht teil, heute suchen wir die Konkurrenz und belegen vordere Plätze.

Welche weiteren Potenziale müssen noch genutzt werden?

Ein zentraler Standortfaktor ist die exzellente Hochschul- und Forschungslandschaft mit den großen Möglichkeiten des Wissenstransfers. Das Bioenergiedorf Jühnde ist das wohl bekannteste Beispiel. Wissenschaftler der Universität haben ihr Know-how in ein konkretes Projekt umgesetzt. Wir sind hier Marktführer und werden es bleiben. Aber auch die Bestandspflege unserer starken mittelständischen Wirtschaft ist eine zentrale Aufgabe. Deshalb wird u.a. das Förderprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen ausgebaut.

Welche konkreten Projekte stehen als nächstes an?

Der Landkreis Göttingen ist vom Land als Logistikstandort ausgewiesen worden. Derzeit werden mit allen Beteiligten die Vorbereitungen zur Schaffung eines Güterverkehrszentrums (GVZ) Region Göttingen getroffen – direkt an der A 7. Insgesamt 130 Hektar Gewerbefläche stehen zur stufenweisen Erschließung bereit.

Mit den angrenzenden Landkreisen der Region in der Mitte Deutschlands – dem Werra-Meißner-Kreis und dem Eichsfeldkreis – wurde gerade eine gemeinsame Vermarktung der Gewerbeflächen mit einem Volumen von ca. 500 Hektar gestartet. Der entschiedene Ausbau der Breitbandtechnologie in unseren Dörfern mit schnellen und bezahlbaren Internetanschlüssen wird derzeit mit den Städten und Gemeinden vorbereitet.

Zu den Stärken einer Region gehört nicht nur die Wirtschaft. Was muss noch getan werden für die Attraktivität?

Dazu gehört der Ausbau der weichen Standortfaktoren. Profilierung als Radlerregion und als Wandergebiet, Belebung des Wasserwanderns, Stärkung des kulturellen Angebots in der Fläche wie durch das Kulturfestival „Kultur im Kreis“ sind nur einige Beispiele. Denn wir brauchen nicht nur Arbeitsplätze. Insbesondere auch vor dem Hintergrund der demographischen Verwerfungen und der Gewinnung von Fachkräften sind Freizeitangebote und Naherholung wichtige Faktoren. Die Menschen sollen sich hier wohlfühlen, damit sie nicht nur bleiben, sondern auch zuziehen.

Vielen Dank für das Gespräch.