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© Mona Lambeck
Text von: Claudia Krell

faktor erkundet, welche Rolle Kreativität in regionalen Unternehmen spielt und wie sie gefördert werden kann.

Hinweis: Beachten Sie auch den faktor-Linkmit weiteren Informationen zum Thema aus unserer Winter-Ausgabe 2011.

Kreativität ist ‚in‘ – der Bedarf nach ihr ist groß. Davon zeugen die im Tagestakt neu erscheinenden Bücher zu Kreativitätstechniken, -coaching, -management,… Ob sie nur ein ‚Modewort‘ ist oder tatsächlich wichtig für kleine und mittelständische Unternehmen, von denen die Region Südniedersachsen geprägt ist, wollen wir wissen. Wir gehen auf eine kreative Tour und reden mit Industrie- und Handelskammer, Wirtschaftsförderern, eben jenen KMU, Beratern – und, ja: Impro-Schauspielern. Sie alle erlauben uns einen Blickauf Schwierigkeiten, Angebote zur alltäglichen Problembewältigung und Kreativtechniken als Lösungsansätze.

Kreativität – das sei ein sehr weiter Begriff, gibt Martin Rudolph, Leiter der Geschäftsstelle Göttingen der IHK Hannover, gleich zu bedenken und fügt an: „Ich pflege ein eher geerdetes Verhältnis dazu.“ Wer auf dem Markt bestehen wolle, müsse sich ständig neu erfinden. Erfolgreiche Unternehmen, ist er sicher, seien auch immer kreative Unternehmen, die auch ihren alltäglichen Problemen mit kreativen Lösungen begegnen. Der erste Schritt vor dem kreativen Prozess, wirft er noch ein, sei meist die Erkenntnis, „dass etwas nicht rund läuft“.

Ganz im Sinne einer allgemeinen Definition von Kreativität, diese als die Neukombination von Informationen zu begreifen, führt Rudolph die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft an. Mit dem ‚PraxisForum 2011 – Wir verbinden kluge Köpfe‘ habe das KMU-Netzwerk der Göttinger Graduiertenschule Gesellschaftswissenschaften (GGG) einen Ansatz geschaffen, um Unternehmer der Region mit Professoren und Promovierenden ins Gespräch zu bringen. Einen Schwerpunkt des Forums bildet das wissenschaftliche ,Speed-Dating‘, bei dem die unterschiedlichen Teilnehmer über Fragen aus der Wirtschaft diskutieren. Jeder, ruft Rudolph auf, könne teilnehmen, Impulse und Ideen aufgreifen.

Kreativität als Problemlösung

Genau das hat Robert Schmidthals von der Rezeptprüfstelle Duderstadt getan, den uns Rudolph ans Herz legt. Schmidthals führt das Kompetenzzentrum für Krankenkassen und deren Verbände in dritter Generation. Das Familienunternehmen mit etwa 100 Mitarbeitern sei eigentlich sehr gut aufgestellt, sagt er. Angeregt durch das Praxisforum, hat er dennoch nach Kooperationspartnern gesucht und mit der Professur für Organisation und Unternehmensführung gefunden. „Die Analyse unserer Kommunikationsstrukturen war hoch interessant.“ Sie habe eine Vermutung bestätigt: Die zweite Leitungsebene war sich ihrer Rolle nicht ausreichend bewusst, die Vorgesetzten mit Arbeit überlastet. „Wir sind daraufhin die innerbetriebliche Umstrukturierung angegangen“, beschreibt er die Folge.

Der Begriff Kreativität kommt auch für ihn eher sperrig daher. „Klar muss man sich diese bewahren“, sagt er. Das erfordere Freiräume und Disziplin, diese auch zu nutzen. Schmidthals: „Es ist ungleich schwerer, sich mit dem Unbekannten zu beschäftigen, als Routineaufgaben nachzugehen.“ Die Unternehmenskultur als Umfeld für kreative Prozesse sei dafür ebenso entscheidend wie die Mitarbeiter selbst. „Dass diese mitziehen“, gibt Schmidthals zu, „ist nicht immer ganz einfach“.

Neben dem Tagesgeschäft

Dass gerade in kleinen Unternehmen Kreativität neben dem Tagesgeschäft unterkommen muss, sieht auch Stefanie Kleine, Prokuristin der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG). „Sie haben in der Regel keine festen Strukturen für kreative Prozesse – und im Alltag auch nicht den Platz dafür. Das heißt aber nicht, dass Kleinunternehmer und Mittelständler weniger kreativ sind.“

Zwei Veranstaltungsreihen der WRG sind entsprechend beliebt: Das Forum für Ideen, gestartet für Bewerber um den Innovationspreis des Landkreises Göttingen, setzt auf Impulsreferate, Talkrunden und vor allem auf persönliche Gespräche. Selbst aktiv werden die Teilnehmer der Dialogwerkstatt – aber nicht in ihren gewohnten Gruppen. „Gleich zu Beginn sorgen wir mit einem Losverfahren dafür, dass unbekannte Denkweisen aufeinander treffen“, erklärt Kleine. Es folgt z.B. ein Speedtalk: „Drei Minuten nachdenken und Ideen sammeln, diese drei Minuten vorstellen und drei Minuten bewerten – das alleine öffnet viele Türen.“ Die positive Resonanz spiegelt sich in den Teilnehmerzahlen wider: 200 Unternehmer nahmen an den sieben Dialogwerkstätten teil.

Manches gilt schon lange

Dieses Interesse zeige auch, welch große Rolle Kreativität – ob so benannt oder nicht – für Unternehmen einnehme: Ein Alleinstellungsmerkmal sei entscheidend, wenn auch in manchen Geschäftsfeldern schwierig zu finden, meint Kleine. „Kreativität, der besondere Einfall, kann das i-Tüpfelchen sein.“ Aber, merkt sie einschränkend an, das habe bereits vor zehn und auch vor 20 Jahren gegolten. Sogar schon in den 60er-Jahren prägte der Wissenschaftler Mel Rhodes (An Analysis of Creativity) den Diskurs, als er Kreativität in vier bis heute gültige Grundelemente unterteilte: die kreative Person, den kreativen Prozess, das kreative Produkt und das kreative Umfeld – die vier Ps der Kreativität. Ob ihr ein Unternehmer als kreative Person in den Sinn komme, wollen wir nun von StefanieKleine wissen. „Sprechen Sie mit Herrn Lodhia.“ Das tun wir.

Beim Erschließen eines neuen Geschäftsfelds und beim -abschluss sei Kreativität gefragt, fasst Navid Lodhia zusammen. Er ist Inhaber von Lodhiamedics in Göttingen, einer Vermittlungsagentur für Ärzte, Praxen und Krankenhäuser. „Ich breche ganz bewusst mit Erwartungshaltungen“, beschreibt er sein persönliches Kreativrezept: Kunden möchten Lösungen für Probleme – seien aber unabhängig davon durch Erwartungen an z.B. klassische Verkaufsgespräche geprägt. „Statt Hochglanzpräsentation mit Lackschuhen stelle ich die Problemlösung in den Vordergrund und das, um was es eigentlich geht.“

In seinen Arbeitsalltag bindet Lodhia zwar Kreativitätstechniken ein, doch hebt er etwas anderes hervor: „Ich versuche, Mitarbeiter von festen Wegen abzubringen. Neue Herausforderungen bewahren geistige Schnelligkeit und Flexibilität.“ Für ihn gehören auch Kreativität und Kundennähe zusammen. „Kreativität ist der Antrieb, sich immer wieder individuell auf Kunden einzulassen.“

Eine Atmosphäre zu schaffen, die Grundlage für Kreativität sein kann, sieht auch Christian Treptow als wichtige Aufgabe der Unternehmensleitung. Treptow betreut in Hannover das Angebot der IHK rund um Innovation, angefangen von der Ideenfindung über die Umsetzung bis hin zur Finanzierung. Gefragt, ob das etwas umständliche ‚betriebliche Vorschlagswesen‘ Kreativität fördere, verrät sein Tonfall ein Schmunzeln. Heute sei eher weitreichenderes Ideen- und Innovationsmanagement gefragt. „Damit wird aber auch eine ausformulierte Innovationsstrategie und -vision wichtiger.“

Kreativ zur Innovation

Als aktuellen Trend nennt Treptow ‚Consumer Integration‘ und ‚Open Innovation‘ – beides Wege, um Anregungen von außen bewusst einzubeziehen oder sogar einzufordern. Ein Beispiel hat er an der Hand und schickt dazu noch einen weiteren Begriff über die Leitung: ‚Cross-Industry Innovation‘. Er erzählt von einem Nähmaschinenhersteller, der sich an optischen Mäusen orientiert hat, um weniger nähgeübte Kunden zu gewinnen. Ähnlich wie die Maus die Geschwindigkeit der Hand auf den Mauszeiger überträgt, passt sich die Nähmaschine der Geschwindigkeit an, mit der Stoff hindurch gezogen wird. „Wer offener ist, dem kann es helfen, sich auf ganz anderen Feldern nach Lösungen umzusehen.“

Um aber Kreativität in den Unternehmensalltag einzubeziehen, müsse jeder den eigenen Weg finden. „Ganz selten klappt es, ein anderswo gut funktionierendes Konzept einfach zu übernehmen.“ Helfen könne, kreative Methoden einzuüben und regelmäßig zu trainieren. „Geschulte Mitarbeiter haben in den entscheidenden Momenten schnell eine geeignete Technik parat und können sie einsetzen.“ Er gibt aber zu bedenken: „Wer nur die Anleitung gelesen hat, ist noch lange kein guter Kreativitätstechniker.“

Mit Moderation Potenziale freilegen

Ähnlich sehen das Klaus Heinemann und Holger Möhwald, die dem Beraternetzwerk Innosteps angehören. Ein konsequentes Vorgehen mit moderierten Veranstaltungen könnte helfen, wenn „Unternehmen ihre Potenziale zwar erkennen, sie aber nicht in Innovationen umsetzen können“, meint Heinemann. Doch, betont Möhwald, wo „Mitarbeiter ohne Vorkenntnis und mit mangelnder Distanz moderieren sollen, ist auch das Ergebnis nicht unbedingt qualifiziert“.

Abhilfe können externe Berater schaffen, so auch Innosteps: Hinter dem Namen verbirgt sich eine mehrstufige Methode, deren vier Bausteine einzeln oder gesamt im Innovationsprozess zum Einsatz kommen können: Start (Bedarfsanalyse, Ziel), Creation (Ideensammlung, Bewertung), Project (Lösungsansätze, Portfolio) und Works (Umsetzung, Time-to-Market). Heinemann berichtet beispielhaft von Innovationstagen für die Holzmindener Stiebel Eltron mit den Phasen Creation und Project, an dem 30 Personen teilnahmen. Eine Vielzahl an Kreativitätstechniken kam hier zum Einsatz, von Bodenpuzzle und Brainstorming mit spezieller Gruppensortierung über Brainwriting bis hin zum Ideenlauf (‚Walk’n’Talk‘). So entstand ein Ideenpool, der in der anschließenden Konkretisierungsphase (Project) sortiert wurde. Vier Innosteps-Experten waren dafür im Einsatz, um sowohl wissenschaftliche Aspekte abzudecken als auch Moderationstechnik und Didaktik.

Um in solchen Workshops angestoßene kreative Prozesse in den Alltag zu retten, empfiehlt Möhwald, Verantwortlichkeiten zu verteilen. „Es muss geregelt sein, wie die Klammer zum nächsten kreativen Prozess geschlossen wird.“ Unternehmen sollten selbst Moderatoren ausbilden, um intern den Prozess in Gang zu halten. Auch an diese richtet sich sein gerade veröffentlichtes kostenloses Buch im E-Book-Verlag Ventus Publishing zu Moderationstechniken.

Was Unternehmen von Impro-Theater lernen können

Für den etwas anderen Ansatz, Kreativität in Unternehmen zu bringen, steht die Göttinger Comedy Company. Neben reiner Unterhaltung bietet das Improvisations-Ensemble Unternehmenstheater sowie Team- oder Kommunikations- Workshops. Meist seien sie Teil eines längeren Prozesses, erklärt Schauspieler Lars Wätzold. Ihre Aufgabe sei es, die Stimmung für Veränderungen zu schaffen – oft durch das Vorhalten eines Spiegels, um Probleme humoristisch sichtbar zu machen. Gefragt ist dafür auch die Mitarbeiterbeteiligung: aktiv beim Mitspielen oder z.B. über eine schriftliche Zufriedenheitsbefragung, deren Ergebnisse in eine Spielsequenz einfließen.

„Impro-Theater ist außerdem immer Teamtraining“, betont Wätzold, selbst Diplom-Pädagoge und mit Kommunikationsmodellen bestens vertraut. Das ausnahmslose Ja-Sagen und Annehmen der Bedingungen, die der Vorredner schafft, seien etwa feste Regeln, von denen Unternehmen lernen könnten. Noch ein weiteres Argument führt er für den Einsatz der Company an: Beginne ein Kick-Off-Meeting statt klassisch lieber mit einer speziell zugeschnittenen Showeinlage, sei die Aufmerksamkeit sicher. Wätzold betont, dass die Events kein ‚Einmalschuss‘ seien. „Die Teilnehmer finden Zugang zu ihrem verschüt- tet geglaubten kreativen Potenzial.“ Im Idealfall auf Dauer – so können sie auch im Berufsalltag den Leitspruch der Comedy Company einfließen lassen: „Wir machen doch nur Spaß. Im Ernst.“