Text von: Norman Lippert

Die Anfänge der feinmechanischen Tradition Göttingens reichen bis zur Eröffnung der Universität im Jahr 1734 zurück. Mehr als 280 Jahre sind seitdem vergangen, in denen sich die Stadt zu einem Zentrum der Feinmechanik entwickelte – und seit 20 Jahren zum Measurement Valley. Das daraus entstandene Netzwerk und die Göttinger Touristeninformation haben diese Geschichte mit der ,Messtechnikmeile‘ quer durch die Stadt zum Leben erweckt.

Kollegiengebäude

Im früheren Kollegiengebäude neben der Paulinerkirche sind ab 1737 die Bibliotheks- und Verwaltungsräumlichkeiten der Universität, vier Auditorien und der obligatorische Karzer untergebracht. Zusätzlich wird hier ein Naturalienkabinett und das ,Laboratorium Chymicum‘ eingerichtet, die Grundlage für das spätere ,Physikalische Kabinett‘ – das erste Physikalische Institut. Das Kollegiengebäude ist damit nicht nur die Keimzelle der Universität, sondern auch der feinmechanischen und messtechnischen Industrie in Göttingen.

Vorhof der Paulinerkirche

Im Innenhof der Paulinerkirche verweisen gleich zwei Denkmäler auf die große feinmechanische Vergangenheit der Stadt: Die Telegrapheninstallation im linken Eingangsbereich erinnert an Wilhelm Weber (1804-1891) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855), welche 1833 von hier aus die erste elektromagnetische Telegraphen-Verbindung zur Sternwarte herstellen. Links vom Eingang der Universitätsbibliothek sitzt Georg Christoph Lichtenberg.

Grätzelhaus

Der Erbauer dieses zwischen 1739 und 1741 errichteten Hauses, der wohlhabende Tuchmacher Johann Heinrich Grätzel, ist sehr an der naturwissenschaftlichen Forschung interessiert. Er beherbergt hier einige Studenten und Professoren und richtet regelmäßige Salons aus, um von den neuesten Experimenten und Erkenntnissen zu erfahren. Von 1857 bis 1874 unterhält Rudolf Winkel seine feinmechanische Werkstatt im Grätzelhaus und produziert Mikroskope.

Michaelishaus

Im Jahr 1842 zieht das von Wilhelm Weber geleitete Physikalische Kabinett aus dem Papendiek in die ehemalige Londonschänke. Innerhalb der nächsten 50 Jahre gewinnt die physikalische Forschung weiter an Bedeutung, sodass das frühere Michaelishaus zwischen 1897 und 1902 erweitert wird.

Lichtenberghaus

An der Ecke von Prinzen- und Gotmarstraße steht das nach seinem prominentesten Bewohner benannte Lichtenberghaus. Georg Christoph Lichtenberg kommt 1766 als Student nach Göttingen, wird 1770 Professor für Philosophie und 1775 Professor für Mathematik. Von 1775 bis zu seinem Tod im Jahr 1799 lebt und lehrt Lichtenberg hier in der zweiten Etage. Bei den Studenten erfreut er sich größter Beliebtheit, denn seine Vor lesungen sind alles andere als trocken. In ihrem Mittelpunkt stehen praktische Experimente, in denen er mal mit fliegenden Drachen die Elektrizität nachweist oder mit Gas gefüllte Schweineblasen fliegen lässt. Er ist der erste deutsche Professor für Experimentalphysik.

Lichtenbergdenkmal

Auf dem Göttinger Marktplatz erinnert eine kleine Bronzestatue an Georg Christoph Lichtenberg. Der kaum anderthalb Meter große und dazu stark bucklige Lichtenberg hält in seiner linken Hand eine Kugel mit zwei großen Plus- und Minuszeichen. Sie symbolisieren die von ihm eingeführte Bezeichnung für positive und negative elektrische Ladung.

Alte Sternwarte

Im Jahr 1751 wird in einem alten städtischen Wachturm in der heutigen Turmstraße das ,Observatorium‘ eingerichtet. Die Sternwarte legt den Grundstein für die Göttinger Feinmechanikindustrie, indem sie hiesigen Mechanikern Reparatur­ und Wartungsaufträge verschafft. In ihrer Anfangszeit ist die Sternwarte überwiegend auf englische Instrumente angewiesen. Doch mit der steigenden Nachfrage für immer präzisere Messinstrumente etablieren sich in Göttingen nach und nach mechanische Werkstätten.

Gauß-Wohnheim

Im Jahr 1807 nimmt Carl Friedrich Gauß den Ruf seiner Alma Mater an und kehrt als Professor für Astronomie nach Göttingen zurück. Weil sich der Bau der neuen Sternwarte in der Geismar Landstraße verzögert, bezieht Gauß zwischenzeitlich eine Wohnung in der Kurzen Straße.

Vereinigung Göttinger Werke

Unter dem sperrigen Namen ,Verkaufsvereinigung Göttinger Werkstätten für Feinmechanik, Optik und Elektrotechnik‘ schließen sich zwischen 1921 und 1940 die führenden feinmechanischen Betriebe der Stadt zu einer Werbegemeinschaft zusammen. Später wird der Name auf ,Vereinigung Göttinger Werke‘ gekürzt. Der Firmensitz wird in der Hospitalstraße eingerichtet, direkt gegenüber vom früheren Chemischen Institut der Universität. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1921 präsentiert man sich bereits mit einem gemeinsamen Stand und einem gemeinsamen Prospekt. Der Schriftzug erstrahlt seit Sommer 2018 wieder in altem Glanz, nachdem er zum 20-jährigen Jubiläum des Measurement Valley restauriert wurde.

Ehemaliges III. Physikalisches Institut

Zwischen 1904 und 1929 entsteht ein umfangreicher Gebäudekomplex in der Bunsenstraße, der nach und nach die verschiedenen Physikalischen Institute der Universität aufnehmen wird. In den folgenden Jahren arbeiten hier unter anderem die weltbekannten Nobelpreisträger Max Born und James Franck. Im Sommer 2005 endet die rund 100 Jahre währende physikalische Spitzenforschung in der Bunsenstraße, nachdem die letzten Institute auf den Nordcampus umgezogen sind und die Gebäude verkauft werden.

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Mit der Einrichtung der ,Modellversuchsanstalt der Motorluftschiff-Studiengesellschaft‘ im Jahr 1907 und der Eröffnung eines ersten Windkanals 1909 wird Göttingen zur Wiege der Aerodynamik. Während des Ersten Weltkriegs bezieht die spätere Aerodynamische Versuchsanstalt in der Bunsenstraße in unmittelbarer Nähe zu den physikalischen Instituten neue Räumlichkeiten. Heute gehört das Gelände zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Gauß-Weber-Denkmal

Das 1899 enthüllte Gauß-Weber-Denkmal auf dem Stadtwall erinnert an die beiden Erfinder des elektromagnetischen Telegraphen von Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber.

Universitätssternwarte

Der 1803 begonnene Bau der neuen Göttinger Sternwarte wird nach einigen Jahren des kriegsbedingten Stillstands 1816 fertiggestellt. Elf Jahre nachdem er die Professur für Astronomie übernommen hatte, konnte Carl Friedrich Gauß seine Arbeit in der neuen Sternwarte aufnehmen. Hier entwickelt er nicht nur neue Methoden zur Landvermessung, sondern zusammen mit Wilhelm Weber auch den ersten elektromagnetischen Telegraphen.

Gauß-Grabmal

Carl Friedrich Gauß stirbt in den frühen Morgenstunden des 23. Februars 1855 im Alter von 78 Jahren. Aufgrund seiner überragenden wissenschaftlichen Leistungen gilt Gauß schon zu seinen Lebzeiten als ,Princeps Mathematicorum‘ – als Fürst der Mathematik. Er liegt auf dem Albani-Friedhof begraben.

Werkstatt Pfaff

Zwischen 1853 und 1857 fertigt Hermann Pfaff in Göttingens erster elektrotechnischer Werkstatt in der Burgstraße 47 die Morsetelegraphen für die Eisenbahnstrecke von Hannover nach Göttingen.