Attraktivität für Mitarbeiter mit BGM erhöhen

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Text von: Rita Wilp

Mehr als nur der Kurs für den kranken Rücken - Betriebliches Gesundheitsmanagement bietet umfassende Unterstützung.

Wer glaubt, betriebliches Gesundheitsmanagement drehe sich nur um Kurse für die Rückengesundheit oder den ergonomischen Stuhl am Arbeitsplatz, der täuscht sich. Gesetzlich ist festgelegt, dass Krankenkassen Leistungen zur Gesundheitsförderung in Betrieben erbringen.

Das soll dazu dienen, „„…Risiken und Potenziale zu erheben und Vorschläge zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation sowie zur Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten zu entwickeln und deren Umsetzung zu unterstützen“ (§20a SGB V).

Was sich so trocken anhört, wird auch in Betrieben in der Region mit Leben gefüllt.

Das AOK Institut für Gesundheitsconsulting berät Unternehmen in Niedersachsen bei der strategischen Umsetzung von betrieblichem Gesundheitsmanagement. Horst Jung ist Berater im AOK-Institut und zuständig für Unternehmen in Südniedersachsen bis zum Harz.

Herr Jung, hier mal ein Rückenkurs, da mal eine Information zur gesunden Ernährung, ist das schon betriebliches Gesundheitsmanagement?

Solche Dinge sind sicherlich auch wichtig, führen aber eher zu einer punktuellen und zufälligen Veränderung von Verhalten. Betriebliches Gesundheitsmanagement setzt viel früher an und wirkt nachhaltig. Wir wollen aktuelle Belastungssituationen für Mitarbeiter langfristig verbessern, damit die Gesundheit,die Arbeitsfähigkeit und – zufriedenheit auf Dauer erhalten bleiben.

Dazu müssen wir natürlich erst wissen, welche schwierigen Situationen das in dem jeweiligen Betrieb sind. Wir analysieren die Situation zum Beispiel mit einer Mitarbeiterbefragung, deren Ergebnisse anonym ausgewertet werden. Dazu gehören dann Fragen zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz, zur Arbeitsgestaltung und Arbeitsunterbrechungen, oder ob es zum Beispiel Lärm-, Hitze- oder Staubbelastungen gibt.

Insgesamt werden eine Reihe von Fragen (ca. 145) rund um den Arbeitsplatz, die Altersstruktur und Unternehmensbesonderheiten gestellt. Die drehen sich dann um Arbeitsschutz genauso wie z.B. um die kollegiale Unterstützung, um das Führungsverhalten und die Möglichkeit zu kreat ven Aufgaben am Arbeitsplatz. Anschließend analysieren wir die Ergebnisse und erarbeiten gemeinsam mit der Unternehmensleitung und den Mitarbeitern Projekte, um kritische Situationen zu verbessern.

Das hört sich nach einem großen Aufwand an. Sind Führungskräfte oder die Unternehmensleitung denn immer gewillt, einen solchen Weg zu gehen?

Wir werden ja meist von der Unternehmensleitung selbst wegen des betrieblichen Gesundheitsmanagements angefragt. Die Ergebnisse der dann stattfindenden Mitarbeiterbefragung sind für einige Führungskräfte manchmal schon überraschend, und es ist nicht ganz einfach, sie von den Vorteilen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu überzeugen.

Aber letztlich erhöht ein Unternehmen ja seine Attraktivität für Mitarbeiter, wenn es sich im Gesundheitsbereich verstärkt einsetzt. Das ist dann auch für die Unternehmensleitung nachzuvollziehen. Und natürlich steht immer im Fokus, dass nur gesunde Mitarbeiter für ein – auch wirtschaftlich – gesundes Unternehmen sorgen können.

Es braucht also auch einen Chef oder eine Chefin als Vorbild?

Um überhaupt ein betriebliches Gesundheitsmanagement einzuführen, ist natürlich der Rückhalt in der Unternehmensleitung notwendig. Auch braucht es einige finanzielle Ressourcen, und die Mitarbeiter und Führungskräfte sollten offen sein für Verbesserungsmaßnahmen in Sachen eigener Gesundheit.

Unsere Projekte laufen meist über einen Zeitraum von zwei Jahren. Da können wir dann nach einer eingehenden Analyse langfristige Veränderungen gut auf die Schiene setzen und immer wieder überprüfen, ob die Maßnahmen auch dauerhaft positive Effekte haben.

In welchen Bereichen kommt aus Ihrer Erfahrung am häufigsten ein betriebliches Gesundheitsmanagement zum Einsatz?

Belastende Situationen entstehen zum Beispiel in der Kommunikation und im Führungsverhalten zwischen Mitarbeitern und Führungskräften beziehungsweise durch mangelnde Qualität der sozialen Beziehungen im Betrieb. Dieser auch für die Produktivität wichtige faktor wird häufig unterschätzt.

Wenn der nicht stimmt oder stark verbesserungswürdig ist, ann sind Konflikte, ineffektive Arbeit, Frustration und daraus letztendlich resultierende Arbeitsunfähigkeit vorprogrammiert.

Darüber hinaus gibt es – insbesondere in Industriebetrieben – Verbesserungsmöglichkeiten bei der ergonomischen Gestaltung und bei den Umgebungsbedingungen, also zum Beispiel: Wie ist mein Arbeitsplatz ausgestattet? Bekomme ich körperliche Probleme, weil ich falsch sitze oder meinen Körper zu einseitig belaste?

Da gibt es viele Beispiele, die Optimierungsansätze haben. Auch die Arbeitsabläufe und die Arbeitsorganisation an sich werden von vielen Mitarbeitern als verbesserungsbedürftig empfunden und benannt. Für alle Bereiche erarbeiten wir gemeinsam mit den Mitarbeitern, Fach- und Führungskräften des Betriebes gangbare Lösungen.

Wie sieht das konkret aus?

Wir haben Experten aus der Arbeitssicherheit, der Medizin, der Psychologie, die alle an der Problemlösung zusammen mit den Mitarbeitern und der Unternehmensleitung beteiligt sind. Eine Studie (Stadler/Spieß) hat gezeigt, dass häufig mehrere Komponenten von schwierigen Situationen zusammenhängen.

So haben Mitarbeiter, die weder Freude an der Arbeit haben noch sich von Kollegen unterstützt fühlen, ein zweieinhalbfach höheres Risiko, Rückenbeschwerden zu bekommen. Ebenso leiden Mitarbeiter, die keine Unterstützung durch ihre Vorgesetzten haben, häufiger an Herz- Kreislauf-Erkrankungen. Es ist daher sinnvoll, im Bereich Kommunikation und Führungsverhalten, Projekte zu initiieren, um letztendlich auch körperliche Einschränkungen bei Mitarbeitern und Führungskräften zu verbessern.

Herr Jung, Ihr Institut engagiert sich auch bei INQA, der „Initiative Neue Qualität der Arbeit“. Dort gibt es ein spezielles Netzwerk für kleine und mittelständische Unternehmen auch für Südniedersachsen. Was bietet dieses Netzwerk?

Im Netzwerk KMU-Kompetenz sind derzeit über 50 Unternehmen in Niedersachsen engagiert. Partner sind der thematische Initiativkreis INQA Lernen, das AOK-Institut für Gesundheitsconsulting, die Unternehmerverbände Niedersachsen e.V. und der DGB Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt.

Ziel ist, das Engagement der Mitarbeiter und die Arbeitsqualität in Klein- und Mittelunternehmen zu steigern, damit die Unternehmen sich noch besser am Markt behaupten können. Da steht natürlich unter anderem die Gesundheit im Mittelpunkt.

Im Netzwerk können sie sich über ihr betriebliches Gesundheitsmanagement austauschen und sich so gegenseitig unterstützen. Ebenso bekommen sie unterschiedliche Tools – zum Beispiel Mitarbeiterbefragungen Arbeitsplatzanalysen, Ergonomieworkshops, Fitnesstests, Arbeitssitationsanalysen, Gesundheitszirkel, Führungskräfteworkshops, Stressmanagement-Programme, Altersstrukturanalysen – an die Hand, um das betriebliche Gesundheitsmanagement noch besser im eigenen Unternehmen zu installieren. Es ist ein sehr produktives Netzwerk.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Horst Jung ist 53 Jahre alt und berät Betriebe in Südniedersachsen. Seinen Ursprungsberuf Berufsschullehrer für Maschinen- und Metalltechnik hat er von 1987 bis 1990 mit wissenschaftlicher Arbeit im Bereich Berufspädagogik/Erwachsenenbildung und danach bis 1995 als Dozent für Arbeits- und Gesundheitsschutz bei einer Berufsgenossenschaft erweitert.