‚Angst essen Studium auf‘

© IStockPhoto/ayleene de monn
Text von: redaktion

Stress im Studium ist längst ein alter Hut – und dennoch nicht zu unterschätzen. Denn allzu schnell wirkt sich dieser auf die Seele aus …

Die Medien sind voll davon. Psychische Erkrankungen allerorten. 31 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren leiden an einer solchen Störung, 11 Prozent davon sind Studierende. Despression, Angststörung, Schizophrenie, Psychose – Diagnosen, die häufig gestellt werden. Auch Drogen- und Medikamentenmissbrauch spielen eine Rolle. Aber drehen sich wirklich so viele Studenten im Hamsterrad, bis sie irgendwann buchstäblich den Boden unter den Füßen verlieren? Entspricht es der Realität, dass immer mehr junge Menschen an psychischen Krankheiten leiden?

„Nein!“ – sagt Thomas Bauersfeld von der Psychiatrischen Institutsambulanz des Asklepios Klinikums Göttingen. Seine Zahlen hier vor Ort seien konstant, die Basisprobleme ähnlich wie noch vor Jahren. Allerdings spricht die deutschlandweite Statistik eine andere Sprache: Nach der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge hat die Nachfrage in den psychologischen Beratungsstellen um rund 20 Prozent zugenommen. Doch auch Bauersfeld hat in Göttingen seine Beobachtungen zum Thema gemacht – und es hat sich etwas Entscheidendes verändert. „Der Leistungs- und Konkurrenzdruck der jungen Leute ist extrem hoch. Studieren hat nichts mehr mit Freiheit zu tun, dafür ist der Zeitplan viel zu straff“, so der 50-Jährige. Und tatsächlich zählen in der heutigen Leistungsgesellschaft nur messbare Ergebnisse – Noten sind das A und O. Ein Grund, warum die individuelle Wertschätzung in den Hintergrund trete und vieles nicht als gute Leistung anerkannt werde, sagt Bauersfeld.

Dabei ist es kaum ein Wunder, dass besonders Studierende schnell in eine persönliche Krise geraten. Die persönliche Flexibilität, die immer mehr von jedem einzelnen erwartet wird, fordert ihren Tribut. Zum ohnehin schon langwierigen Studium kommen noch eine lange Reihe von obligatorischen Praktika und Auslandsaufenthalten hinzu. Immer wieder Umzüge und neue Orientierung. „Doch der Mensch ist ein soziales Wesen, das Wurzeln schlagen muss!“, sagt Bauersfeld. Ein soziales Einleben sei durch die vielen Veränderungen kaum möglich, wohl aber entscheidend für eine gesunde Psyche.

„Für einen jungen Menschen ist es schwer, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt, denn das ist eine Menge Arbeit und Verantwortung“, erklärt Annet Göhmann-Ebel von der Psychosozialen Beratungsstelle (PSB) des Studentenwerks Göttingen, aber das sei auch schon immer so gewesen. Besonders negativ wirke sich dann ein zu hoher Leistungsanspruch an sich selber aus. Eine kleine Niederlage, und zack – ist die Versagensangst da. In der Psycholsozialen Beratungsstelle haben sich im vergangenen Jahr rund 1.100 Ratsuchende eingefunden.

Häufig ist ein bestimmtes Ereignis Auslöser für ein psychisches Problem. Ganz klassisch: eine gefürchtete Präsentation, die Abschlussprüfung, die Bachelorarbeit. Und dann blockiert die Prüfungsangst den Zugang zum Erlernten. „Versagensangst begegnet uns hier sehr häufig“, berichtet Annet Göhmann-Ebel, die seit über 30 Jahren in der PSB arbeitet. Oft sind leichte Depressionen, unterschiedliche Angststörungen sowie psychosomatische Symptome die Folge. Bei der Studienberaterin und ihren sechs Kollegen gilt deshalb: Problem erkennen, Gründe benennen, beraten und für eine längerfristige Behandlung oder zur diagnostischen Abklärung zu niedergelassenen Psychologen oder an psychiatrische Experten verweisen.

„Wenn die Aufschieberitis schlimmer wird, Lustlosigkeit oder sozialer Rückzug eintreten, Gefühle wie Angst oder innere Erstarrung dominieren, die Konzentration abnimmt und kaum noch an Schlaf zu denken ist, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden“, rät Göhmann-Ebel. Ob es sich um ein vorübergehendes Tief oder um eine handfeste Depression handelt, sei allerdings von den Ratsuchenden oft schwer zu unterscheiden. „Der negative Stimmungstrend sollte nicht zu lange anhalten“, erklärt sie.

Allerdings ist dies individuell sehr unterschiedlich. Das Trauerjahr beispielsweise, inzwischen etwas veraltet, hat genau aus diesem Grund seine Berechtigung. „Niemand kann einem anderen Menschen vorschreiben, wie lange ein solcher Prozess dauert. Aber lieber nicht zu lange warten“, empfiehlt Bauersfeld. Und sehr zum Vorteil hat sich die Gesellschaft in großen Teilen gewandelt. Psychische Krankheiten sind längst nicht mehr so stigmatisiert wie noch vor einigen Jahren. In Städten sei es völlig in Ordnung, wenn jemand zum Psychologen gehe, in ländlichen Regionen hingegen werde eine Krankheit eher verheimlicht. „Aus Angst, als verrückt abgestempelt zu werden“, so der Experte. Ist die Suche nach Hilfe beschlossene Sache, sehen sich die Ratsuchenden häufig mit einem neuen Problem konfrontiert.

Die Kapazität niedergelassener Psychologen und Psychiater steht oftmals in keinem Verhältnis zu der Anzahl Erkrankter. Manchmal dauert es einige Monate, bis endlich ein Termin feststeht. Göttingen und Städte im Allgemeinen sind im Verhältnis allerdings gut versorgt. Wer nicht so lange warten kann, findet bei der PSB schnelle Hilfe, in den freien Sprechzeiten sogar ohne Anmeldung. „Auf Wunsch werden die Studierenden anonym beraten, nicht von einem Daten-System erfasst und dort mit ihrem Problem abgespeichert“, zählt Göhmann-Ebel weitere Vorteile auf. Spätestens nach dem Studium kann eine Krankheit nämlich unangenehme Kollateralschäden nach sich ziehen.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann mitunter nur noch eingeschränkt abgeschlossen werden, und auch Verbeamtungen sind mit einstmals psychischen Erkrankungen eher problematisch. Welche Ursachen einer Erkrankung zugrunde liegen, das ist schwer zu sagen. Erziehung, Veranlagung, ein bestimmtes Problem, eine Extremsituation oder die Mischung aus allem? Viel wichtiger ist aber wohl eher die Frage, wie sich die großen Stolpersteine im Leben konstruktiv bewältigen lassen.

Freunde und Verwandte können in Krisen eine Menge beisteuern, beispielsweise Sicherheit vermitteln und da sein. Für die Betroffenen sei es wichtig, auch teilzunehmen am normalen Leben. Ergo: Betroffene bloß nicht in Watte packen oder für diese lügen – so auch der Rat von Thomas Bauersfeld. „Abnabeln, schwierige Situationen bewältigen lernen, in Kontakt bleiben“, rät Annet Göhmann-Ebel, und ihr Kollege Bauersfeld ergänzt: „Zeit für das Schöne im Leben ist das Wichtigste überhaupt. Und wenn es nur kurz ist, aber sie muss sein!“