© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sven Grünewald

Ronald Geiger, neuer Geschäftsführer der Sycor, spricht im Exklusiv-Interview mit faktor über die Folgen des Weggangs zahlreicher Mitarbeiter zum neuen IT-Unternehmen Arineo, seine Entwicklungsziele für Sycor und die künftige Rolle des Standortes Göttingen.

Seit Mai dieses Jahres hat der IT-Dienstleister Sycor einen neuen CEO: Ronald Geiger hält nun die Fäden in der Hand. Dabei hat der Münchner die Unternehmensleitung in einer extrem unruhigen Zeit übernommen: Der Verkauf oder alternativ eine Fusion der Sycor stand zur Debatte – doch es kam anders. Gesellschafter Hans Georg Näder änderte seine Strategie, hielt an der Sycor fest und hat nun große Pläne. Parallel verließ eine Handvoll Führungskräfte die Sycor und gründete den IT-Dienstleister Arineo, für den mittlerweile rund 200 Mitarbeiter tätig sind, fast alle kommen von der Sycor. Damit muss sich Geiger in seinem neuen Job gleich zu Beginn mehreren Herausforderungen stellen.

Herr Geiger, Sie sind in einer turbulenten Zeit zu Sycor gekommen. Kurz vor Ihrem Antritt kam es zur Gründung der Arineo, die mittlerweile 200 Mit­arbeiter beschäftigt.
Ein Großteil davon sind ehemalige Sycorianer. Macht sich der Know-how-Verlust für Sie bemerkbar?

Die Mitarbeiter, die nicht mehr bei uns beschäftigt sind, waren zu einem sehr hohen Prozentsatz in laufenden Großprojekten im Einsatz, sodass wir in manchen Bereichen mit erheblich weniger Know-how auskommen mussten. Das hat bei uns Lücken gerissen, wodurch wir Projekte verloren haben und das Wachstum der Sycor nachhaltig behindert wurde. Es ist uns aber inzwischen gelungen, bis auf einen Know-how-Bereich wieder alle Themen anbieten zu können.

Und wir wachsen wieder signifikant: einerseits durch die Rekrutierung neuer Mitarbeiter, andererseits, indem wir uns für bestimmte Bereiche Expertise über den Zukauf von Unternehmen ins Haus holen.

Was bedeutet die unmittelbare Konkurrenz direkt vor der eigenen Haustür für die Gewinnung von Mitarbeitern?

Wir können durchschnittlich jeden dritten Bewerber in unser Team aufnehmen – das ist für uns der Gradmesser. Zudem vollzieht sich in der Industrie ein Konzentrations­prozess, im Rahmen dessen wir von vielen Spezialistenteams als eine attraktive und ideal aufgestellte Firmengruppe wahrgenommen werden – und die uns auch ansprechen, ob eine gemeinsame Zukunft vorstellbar ist.

Der geplante Verkauf und die Fusion der Sycor sind gescheitert. Dann der Weggang von vielen Mitarbeitern – wie ist die Stimmung unter den Kollegen?

Wir befassen uns momentan intensiv damit, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. In dem Zusammenhang haben wir am Puls des Unternehmens gefühlt und mit unseren Mitarbeitern viele Gespräche geführt. Auch wenn die Geschehnisse der letzten Monate viele immer noch als schmerzlich empfinden, versteht ein großer Teil der Belegschaft dies aber auch als Chance. Wir arbeiten jetzt daran, Vertrauen und Energie für die Zukunftsgestaltung zu schaffen. Wir sind auf einem positiven Weg.

Sie haben vorher unter anderem für Branchenriesen wie BASF und SAP gearbeitet. Wie haben Sie die Sycor von außen wahrgenommen?

Ich habe die Sycor als ein Unternehmen wahrgenommen, dass eine hohe technische und eine ausgeprägte Innovationskompetenz hat. Mir ist ebenfalls früh aufgefallen, dass der Stellenwert der Mitarbeiterorientierung sehr ausgeprägt ist.

Was hat Sie dazu bewegt, zur Sycor zu wechseln?

Motiviert hat mich die unternehmerische Vision und der Auftrag, die Sycor zu entwickeln. Stark verbunden war das mit dem überzeugenden, gewinnenden und motivierenden Auftritt des Gesellschafters Hans Georg Näder, den ich vorher zwar nicht persönlich kannte, aber mit dessen Unternehmensgruppe ich schon zu tun hatte.

Welche Entwicklungsziele haben Sie sich für das Unternehmen gesetzt?

Ich möchte auf Basis der sehr ausgeprägten Mitarbeiterorientierung die Kundenorientierung als zweite wichtige Säule des Erfolgs ausbauen: dass wir über das Zuhören noch passgenauere Services anbieten. Diese Entwicklung hin zu iterativen, anhaltenden Transformationsprozessen in den Unternehmen ist ein unumkehrbarer Trend, der auch die IT-Dienstleistungen prägen und die Branche verändern wird. Da sehe ich die Sycor vorne mit dabei. Aber generell muss sich das noch viel stärker im Dialog zwischen Dienstleister und Auftraggeber verfestigen.

Eine weitere Aufgabe ist, unseren Servicebereich zu stärken und zu veredeln, denn dieser Bereich macht einen hohen Anteil am Sycor-Umsatz aus. Zuletzt ist wichtig, dass wir bei den Serviceleistungen künftig das Subskriptionsgeschäft – nutzungsabhängige Einnahmen, vergleichbar einem Abo-Modell – stärken. Wir wollen aus eigener Kraft heraus Wachstum in signifikanter Größenordnung generieren. Darüber hinaus werden wir in den nächsten drei Jahren über eine Kette von Akquisitionen von Spezialisten einen weiteren signifikanten Geschäftsaufbau haben.

Wie eng ist dabei der Draht zu Hans Georg Näder?

Er interessiert sich sehr für die Geschicke der Sycor und steht voll hinter ihr. Jüngst haben wir einen mehrtägigen Strategiedialog mit ihm geführt. Es ist ein kontinuier­licher Austausch mit einem sehr engagierten und dynamisch fordernden Gesellschafter. Ottobock hat sehr viel vor, was die Digitalisierung angeht, und wir werden den hohen Anspruch nutzen, um uns in neuen Themen verstärkt zu positionieren.

Wie soll die Entwicklung am Standort Göttingen weitergehen?

Wir haben mit unserem neuen Gebäude einen zukunftsfähigen Standort, wobei uns ein campusartiger Standort lieber wäre. Das ist sicherlich ein Thema, an dem wir weiter arbeiten sollten. Die Zahl der Mitarbeiter wird in Göttingen weiter wachsen, und Göttingen wird innerhalb der Firmengruppe immer der größte Standort sein. Aber wir werden neben Göttingen noch mindestens einen nennenswert größeren Standort aufbauen. Im Norden und in Nordrhein-Westfalen ist unsere Präsenz bereits sehr gut, daher wird der zweite größere Standort in absehbarer Zeit im Süden Deutschlands entstehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person

Ronald Geiger wurde 1960 in Neckarsulm geboren. Er studierte Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Logistik und Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim. Beruflich hat er zahlreiche
Unternehmen durchlaufen, darunter Branchengrößen wie die BASF AG, die Capgemini Gruppe, die SAP Gruppe und die Linde AG. Geiger ist alleinerziehender Vater einer zehnjährigen Tochter. Mit ihr lebt er in München und ist die Hälfte der Zeit in Göttingen.