©Luka Gorjup
Text von: Lena von Felde

Besser spät als nie: Nach jahrelanger Arbeit als Buchhalterin hat Stefanie Lidolt erst mit ihrer Ausbildung zur Alltags- und Demenzbegleitung (ADB) ihre wahre Berufung gefunden. Im Interview erzählt die 50-Jährige, warum sie bei den Maltesern in Duderstadt nun endlich glücklich ist.

Frau Lidolt, was genau ist eine Alltags- und Demenzbegleitung überhaupt?

Eine ADB ist eine Person, die demente Menschen im Alltag betreut, aktiviert und unterstützt, aber auch pflegt. Das heißt, dass wir als Alltags- und Demenzbegleiter unsere Gäste, die zu uns in die Tagespflege kommen, den Tag über beschäftigen, ihnen zum Beispiel auch beim Essen helfen, aber auch sportliche Betätigungen mit ihnen machen. Die Gäste sind am Tag acht Stunden bei uns im Haus und sollen in der Zeit ihrer Krankheit entsprechend von uns versorgt und begleitet werden. Im Vordergrund steht dabei auch, alle Sinne unserer demenziell veränderten Gäste zu schärfen, da diese durch die Krankheit immer mehr nachlassen können. Den Erkrankten soll so viel wie möglich erhalten bleiben – trotz ihrer Demenz. Als ADB wird man dafür geschult, den Dementen trotz ihres Vergessens die bunte Vielfalt des Lebens zu erhalten und jeden Tag aufs Neue zu zeigen.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Die Ausbildung dauert insgesamt ein Jahr. Innerhalb dieses Jahres lernt man alle Facetten dieses Berufes in Theorie und Praxis kennen: von den Grundlagen, wie zum Beispiel der Art der Kommunikation und Gesprächsführung mit demenziell veränderten Menschen, über die Beschäftigung und Begleitung bis hin zur Grundpflege. Dabei wird auch auf die Betreuung der Angehörigen unserer Gäste eingegangen. Ein Aspekt unserer Arbeit ist es, auch eng mit der Familie unserer Gäste zusammenzuarbeiten. Unsere Arbeitsphilosophie sieht vor, dass sich eine Art gleichberechtigtes Dreieck aus unseren Gästen, deren Angehörigen und uns als Begleitern formt. Des Weiteren werden wir auch in Bezug auf die palliative Arbeit geschult, denn der Umgang mit sterbenden Menschen gehört dabei zum Arbeitsalltag und erfordert besondere Sensibilität in allen Richtungen. Innerhalb der Ausbildung absolvieren die Azubis 835 Theoriestunden und 850 Praxisstunden. Dazu gehört ein sechswöchiges Praktikum in der Einrichtung, wo der Schwerpunkt eben auf Demenz gelegt wird.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Wie genau ein Tag ablaufen wird, weiß man gar nicht unbedingt vorher, da das stark von dem Zustand unserer Gäste abhängt. Das macht an der Arbeit als ADB auch den Reiz aus, denn es wird nie langweilig und manchmal sogar richtig lustig. Der Tagesplan sieht so aus, dass wir uns im Team morgens um kurz vor acht treffen und den Tagesablauf besprechen und durchgehen, welche Gäste heute kommen werden. Wir versuchen immer eine 1:2-Betreuung zu garantieren, so ist jeder Betreuer für ungefähr zwei Gäste zuständig, was die Arbeit natürlich sehr persönlich macht. Ab acht Uhr kommen dann die Gäste, und wir frühstücken zusammen, wobei einigen Gästen assistiert werden muss. Im Anschluss gibt es verschiedene Programmpunkte, wie zum Beispiel eine Leserunde, oder andere Beschäftigungen, wie gemeinsames Singen. Die Gestaltung des Tages übernehmen wir Betreuer selbst und haben somit sehr viel Raum für Kreativität. Um 12 Uhr gibt es Mittagessen, und anschließend ruhen sich einige Gäste aus, andere werden weiterhin betreut. Danach gibt es eine weitere Beschäftigungsrunde, die meist etwas ruhiger ist, und anschließend Kaffee. Ab 16 Uhr werden unsere Gäste wieder abgeholt, und wir Betreuer schließen den Tag mit einem Teamgespräch ab. Dabei wird besprochen, wie der Tag gelaufen ist, und Besonderheiten werden geklärt. Diese Gespräche sind natürlich auch enorm wichtig, damit wir Betreuer die teilweise psychische Belastung durch die Arbeit mit dementen Personen nicht mit nach Hause nehmen. Und um das Team zu stärken.

Hatten Sie anfangs Berührungsängste?

Natürlich gab es oder gibt es Momente, die herausfordernd sind, wie zum Beispiel, einem Gast das erste Mal bei einem Toilettengang zu helfen, oder Ähnliches. Ich habe diese Herausforderungen jedoch immer gerne angenommen und die alltäglichen psychischen und physischen Anstrengungen meistern können. Denn letztendlich ist die Arbeit sehr bereichernd, und man wächst an jeder neuen Herausforderung.

Was sollten Interessierte für die Ausbildung zur ADB mitbringen?

Auf jeden Fall darf man keine Scheu vor dem Umgang mit älteren, kranken Menschen haben. Das Wichtigste ist Empathie und Geduld. Man muss viel Offenheit mitbringen und sich auf neue Situationen einlassen können. Natürlich gehört auch eine gewisse Spontanität dazu, denn die Arbeit mit an Demenz Erkrankten ist sehr abwechslungsreich. Ich denke, wichtig ist auch, dass man sich spontan auf die Stimmungen der Gäste einlassen und diese wahrnehmen kann. Das Alter der Azubis spielt eine kleinere Rolle, finde ich. Viel wichtiger sind die Kompetenzen und Fähigkeiten, die man mitbringt, und die kann man mit 18 oder eben auch mit 50 haben.

Möchten Sie in diesem Job bleiben?

Ich lasse mich derzeit auch noch zur Altenpflegerin ausbilden, wobei mir meine Ausbildung als ADB enorm hilft, da ich schon einige Vorkenntnisse habe. Ob ich danach in der Tagespflege bleibe oder komplett in die Altenpflege gehe, weiß ich noch nicht. Die Arbeit als ADB hat mir allerdings gezeigt, dass ich auf jeden Fall die richtige Richtung eingeschlagen habe. Man bekommt einfach enorm viel von den Gästen zurück, und genau diese Menschlichkeit hat mich einfach mitgerissen.

Vielen Dank für das Gespräch!