Alles im Lack

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Yannick Lowin

faktor verbrachte einen Tag mit Hanns-Eckard Zülch, Inhaber und Geschäftsführender Gesellschafter der Zuelch Industrial Coatings GmbH, der amüsante Einblicke in Harzer Farb- und Lackwelten gewährte.

Die Szene beim Hinausgehen aus dem weiß-gelben Gebäudekomplex seiner Firma im Osteroder Ortsteil Lerbach ist typisch für Hanns-Eckard Zülch.

Gerade als er uns verabschieden will, sieht er einen Bagger und zwei Bauarbeiter, die seit einigen Tagen direkt an der Straße vor dem Farben- und Lackproduzenten eine neue Bushaltestelle errichten.

Zülch grüßt die beiden Männer freundlich, während diese über Pflasterarbeiten beratschlagen, macht einen lockeren Spruch: „Na, das ist ja fast wie Puzzeln“, lächelt und geht dann zielstrebig auf den gelb lackierten Bagger zu.

Dann deutet der Mann, dem zu seinen weißen Haaren und der randlosen Brille nur noch ein Kittel fehlt, um als Chemie-Professor durchzugehen, auf den gelben Lack des metallenen Führerhauses, streicht über die glatte Oberfläche und wiederholt die gleiche Prozedur bei der grauen, aufgerauten Beschichtung der darunter liegenden Kunststoffverkleidung.

Dabei erklärt er, warum die eine glatt ist, die andere rau ist und welche Anforderungen hier an Lack und Beschichtung gestellt werden: „Schlagfest und beständig müssen sie sein.“ Der 62-Jährige, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt, lebt seine Arbeit.

Die beginnt für ihn meistens um 8 Uhr morgens auf dem gleichen Wege wie für einen Großteil seiner 33 Mitarbeiter – vorbei an der digitalen Stempeluhr rein in die Produktionshalle.

Auf diese Weise komme er mit seinen Mitarbeitern ins Gespräch: „Wenn jemand eine Frage oder eine Idee hat bzw. Kritik loswerden will, weiß er, dass er sich an mich wenden kann.“

Den Umweg in sein Büro nimmt Hanns-E. Zülch aber auch noch aus einem anderen Grund in Kauf: „Wenn das Finanzamt wissen will, ‚wo waren Sie am 25.03.2004?‘, dann kann ich sagen, in der Firma oder eben nicht.“

Behördenwahnsinn

Ärger mit Behörden hatte er gerade erst genug, wie wir am Nachmittag im Gespräch mit ihm erfahren.

Am gläsernen Konferenztisch seines lichtdurchfluteten Büros berichtet der Geschäftsführer bei Kaffee und Keksen zusammen mit Sven Schünemann, seinem kaufmännischen Leiter, von der unendlichen Geschichte rund um den Bau der neuen Lagerhalle direkt neben dem Hauptgebäude.

„Am fünften Oktober 2011 bekamen wir die Baugenehmigung, am sechsten rollten die Bagger, und bis Weihnachten wollten wir fertig werden“, erzählt Schünemann.

Zunächst lief alles wie am Schnürchen; bautechnisch sei ein Zahnrad ins andere gegriffen, zeigt sich Zülch noch immer begeistert von der Arbeitsmoral und Professionalität der Bauarbeiter: „Da hieß es nicht, ‚Kalle, wo ist denn der Hammer?‘, ‚Weiß ich auch nicht‘, sondern da tippte der eine dem anderen auf die Schulter, und schon wusste der, dass sein Kollege den Hammer brauchte.“

Auch hätten die Mitarbeiter der Baufirma nicht um 15 Uhr alles fallen gelassen, sondern solange gearbeitet, bis dieses oder jenes fertig gewesen sei.

Fertig ist der Kaffeeliebhaber auch mit der vierten Tasse des koffeinhaltigen Heißgetränks innerhalb von 40 Minuten. Er bemerkt, dass die Kanne leer ist, steht auf, öffnet die Glastür, die aus dem Büro führt und übergibt das leere Gefäß wortlos seiner Sekretärin.

Angesichts des stummen Austauschs könnte man meinen, man hätte hier die beiden Bauarbeiter vor sich, von denen Hanns-E. Zülch gerade geschwärmt hatte.

Anschließend setzt er wieder beim Lagerbau ein. Kurz vor Weihnachten habe der Landkreis plötzlich einen sofortigen Baustopp verordnet, der sich letztlich aber nur als Nutzungsverbot entpuppte.

Das bürokratische Prozedere verzögerte die Einrichtung der fertigen Halle mit Regalen allerdings letztlich so sehr, dass sie erst sehr verspätet in Betrieb genommen werden konnte.

Unterdessen hat Zülchs Sekretärin frischen Kaffee gebracht, den er umgehend in die leeren Tassen verteilt und sich zum Schluss selbst die nächste einfüllt.

Nötig gewesen war der Bau, weil der Lerbacher Mittelständler in den letzten beiden Jahren Zuwachsraten von 20 bzw. 14 Prozent aufwies. „Außerdem erwarten unsere Kunden immer kürzere Lieferzeiten, was eine Vorratsfertigung und Lagerung der Fertigprodukte in ausreichenden Mengen bedeutet“, sagt er.

Mit Behördenwahnsinn muss sich der Unternehmer aber auch im geschäftlichen Alltag immer wieder herumschlagen – vor allem in Sachen Kennzeichnung, Normen und Sicherheit.

Das habe ein Ausmaß angenommen, das kaum mehr zu überschauen sei: „Wir dokumentieren uns zu Tode, und es interessiert kein Schwein“, entfährt es ihm schließlich, um dann hinzuzufügen: „Außer natürlich es passiert was. Dann heißt es, wo sind die Papiere?!“ Auch wenn er es sonst nicht unbedingt mit den Amerikanern habe, aber die hätten wenigstens ein klares Kennzeichnungssystem mit Symbolen: Gesundheit, Brand und Reaktion. Für jedes Symbol gebe es vier Gefahrenstufen.

In Deutschland müsse man dagegen eine Unmenge von Warntexten auf den Lackfässern und -dosen aufführen, die allerdings keiner lese, weil sie niemand verstehe. Und wenn sich doch jemand einmal die Mühe machen würde, die Texte zu lesen, dann bräuchte er eine Lupe.

Denn die Schrift auf den Etiketten sei so klein, dass man sie anders nicht entziffern könne, sagt Zülch und nimmt zum Beweis den Vordruck eines solchen Etiketts von seinem Schreibtisch und zeigt ihn in die Runde.

Anspruchsvolle Produkte

Weiter gehe der ,Wahnsinn‘ bei Spielzeuglacken, die 15 Prozent des Warenumsatzes bei dem Familienbetrieb darstellen.

Den Großteil seines Umsatzes macht der Farben- und Lackhersteller zwar mit der Autoindustrie. So produziert das Unternehmen aus dem Harz z.B. Abziehlacke für fast alle namhaften Fahrzeughersteller, Beschichtungen für die Federn von Nutzfahrzeugen oder versorgt Kfz-Zulieferer mit Speziallacken.

Doch die Spielzeuglacke bezeichnet der kaufmännische Leiter, Sven Schünemann, aufgrund der zu erfüllenden Sicherheitszertifizierungen, als „anspruchsvollstes Produkt“.

Die Vielzahl der Normen findet sein Chef allerdings überzogen. „In der Logik der Leute, die solche Normen vorschreiben, hätte von uns eigentlich keiner überleben dürfen“, sagt Zülch provokant und untermauert seine Aussage damit, dass früher alle Kinder mit Autos gespielt hätten, bei denen Kadmium- Lacke verarbeitet wurden.

Erholung vom Bürokratieirrsinn

Erholung vom ganzen Bürokratieirrsinn findet der zweifache Vater bei der Arbeit mit seinem UNIMOG („Universal-Motoren-Gerät, um mal was für Ihre Allgemeinbildung zu tun“).

Mit dem Mercedes-Fabrikat unter dem Hintern und einer Kettensäge bewaffnet fährt er in den Wald zum Bäume fällen. „Das ist meine psychotherapeutische Beratungsstelle“, sagt er lachend.

Zum Beweis gehen wir mit ihm zu der Wand hinter seinem großen schwarzen Eckschreibtisch, wo zwei Bilder hängen. Auf beiden ist er jeweils mit seinem Lieblingsgerät zu sehen, einmal im Winter, einmal im Sommer beim Heumachen. „Seit 1954 fährt das Teil, und erst jetzt musste mal der Zylinderkopf überholt werden. Das ist noch Qualität.“

Im Anschluss fragt er noch mal nach, ob jemand Kaffee möchte, sieht das Kopfschütteln seiner Gäste und genehmigt sich selbst noch einen Schluck.

Qualität ist generell eine Sache, auf die Hanns-E. Zülch großen Wert legt. Im privaten wie beruflichen Leben. Mit der Begründung „Qualität“ erklärt er auch seinen Schuhtick: „Die können nicht teuer genug sein – und damit billig.“

Was sich im ersten Moment paradox anhört, hat Hand und Fuß, da der Schuhliebhaber seine Ledertreter bis zu 15 Jahre lang trägt. Aufs Jahr gesehen kommt er damit relativ günstig weg.

Sein Schuhfimmel macht sich allerdings noch in anderen Situationen bemerkbar: „Wenn ich Menschen gar nicht einordnen kann, dann achte ich auf ihre Schuhe. Legt zum Beispiel jemand seinen Ferrari-Schlüssel auf den Tisch, hat aber Kautschuk an den Schlappen, dann denke ich mir, da passt doch was nicht.“

Wertschätzung von Qualität

Diese Wertschätzung von Qualität versucht er auch seinen Kunden zu vermitteln und gibt ein Beispiel: Ein Mähdrescher koste 150.000 Euro in der Anschaffung. Die Beschichtungskosten machten dabei nur einen verschwindend geringen Anteil aus, wobei ein Großteil davon noch als Lohn an den Lackierer abgehe.

Der Unterschied bei den Materialkosten zwischen billig und haltbar liege dann nur bei etwa 50 Euro. „Dafür bekommen Sie aber eine Lackierung, die hält und nicht schnell abblättert, korrodiert oder in der Sonne ausbleicht.“

Die Leute kämen langsam darauf, dass sich Investitionen in Lack und Beschichtungen lohnen, doch es sei ein langer Lernprozess.

Qualitativ hochwertiger Lack habe allerdings noch einen ganz anderen positiven Nebeneffekt – für die Umwelt.

Nachhaltigkeit und aktiver Umweltschutz

Gerade als das Thema Unweltschutz zur Sprache kommt, hält der Harzer auf einmal inne und sagt ganz unvermittelt: „Schauen Sie mal das Täubchen da vorne auf dem Dach. Das sieht aber nicht gesund aus.“ Dann ist er wieder zurück im Gespräch. „Nehmen Sie nur mal eine Gartenschere von Gardena. Seitdem unsere Beschichtung auf den Dingern ist, halten die deutlich länger.“

Für ihn ein Schritt auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit und damit aktiver Umweltschutz. Genauso wie die 60 Prozent der Lacke aus seinem Haus, die wasserverdünnbar und damit sehr umweltfreundlich seien.

Doch auch klassische Lacke mit einem niedrigen Anteil an Lösungsmitteln wären nicht per se ökologische Katastrophen. Bevor er allerdings diesen Punkt ausführt, stoppt er erneut, schaut zum Fenster hinaus und guckt, ob sich der Vogel noch rührt.

„Unser Täubchen sieht aber gar nicht glücklich aus.“ Das Tier scheint ihn nicht mehr loszulassen.

Trotzdem erläutert Zülch nun, dass z.B. so genannte High-Solid-Lacke im Hinblick auf den Kohlenstoffmonoxid-Fußabdruck ihrer Produktion umweltfreundlicher seien als so mancher Wasserlack, während sich die Taube erhebt und wegfliegt.

„Jetzt bin ich aber beruhigt.“ Nun kann er uns zum Abschluss, ganz entspannt, das 2009 erbaute Labor, die Produktion und die neue Lagerhalle zeigen. Hier läuft Zülch auf Hochtour

. Er bleibt an nahezu allen Testgeräten für Lacke und Farben stehen, erläutert den Besuchern die Funktionsweise der Apparate und sagt herausfordernd: „Sie können mich ruhig fragen, was aliphatisch vernetzte Isocyanate sind. Damit bringen sie mich nicht aus dem Konzept.“

Das Fachwissen des studierten Diplom- Kaufmanns im Bereich Lacke und Farben hätten wir aber ohnehin nicht angezweifelt. Denn der Mann hat nach Abschluss seines Studiums noch vier Semester Lacktechnik drangehängt.

Dass das Interesse für die Produkte seiner Firma nie nachgelassen hat, merkt man bei jedem Schritt und Tritt. Hier schnappt er sich ein breites Stück Metall, das mit einem Lack beschichtet ist, der in den Tests durchgefallen ist, dort greift er in eine Kiste voll von kleinen, rot lackierten Holzkügelchen, nimmt eine heraus und dreht sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

Sauberkeit und Ordnung

Bei alledem schaut er aber immer auf die Sauberkeit und Ordnung in seinem Betrieb.

„Wenn es in den beiden Hallen auch gleich so sauber ist wie hier im Labor, bin ich zufrieden.“ Doch kaum, dass er den Satz beendet hat, fällt ihm ein Farbfleck an einem massiven Stahlschrank auf. „Gerade sage ich es, und schon sieht‘s aus wie Hulle.“

In der neuen Lagerhalle bringt ihn dann eine einsam an der Wand lehnende Palette richtig in Fahrt. Nach einem gezielten Stoß mit seinen blank polierten Lederschuhen fällt die Palette mit einem lauten Knall in der noch spärlich gefüllten Halle auf den Boden. Ein Holzstück fliegt ab. „Das ist so was, was ich liebe“, sagt er sarkastisch. „Fällt jemandem die Palette auf die Sehne, ist die durch.“

Bei solchen Sachen werde er gegenüber seinen Angestellten auch mal grantig. „Meine Mitarbeiter können mich kritisieren, aber müssen dann auch Kritik von mir einstecken.“

Gutes Arbeitsklima

Allgemein sei ihm wichtig, dass ein gutes Arbeitsklima herrsche und sich „die Truppe vertrage“. „Da darf auch mal über den Chef gelacht werden – vor allem, wenn er dabei ist.“

Diese Devise vertritt er auch gegenüber der Presse: „Sie können also ruhig schreiben: Herr Zülch fasste sich hierbei an den Kopf oder machte dabei einen schlechten Witz. Wichtig ist mir nur, dass fachlich alles stimmt.“