©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Carolin Schäufele

Seit 20 Jahren prägt Bernd Eberhardt als Stadtkantor der Rats- und Marktkirche St. Johannis die Göttinger Musiklandschaft. Derzeit beschäftigt er sich allerdings vor allem mit deren Umbau zu einer offenen Bürgerkirche. Für den 53-Jährigen sind die Bauarbeiten ein Grund zur Freude, sie stellen ihn aber auch vor Herausforderungen: Denn für größere Auftritte fehlen die gewohnten Räumlichkeiten.

Die Klänge der kleinen Kirchenorgel füllen den Chorraum der Johanniskirche. Ein bisschen Beethoven, ein bisschen Bach. Im Zentrum der Musik sitzt ganz allein an den Registern des alten Instruments: Bernd Eberhardt. Nur er und die Musik. Momente, die ihm allein zu gehören scheinen. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet der gebürtige Schwabe in Göttingen. Er war damals einer von 50 Bewerbern auf die Stelle des Stadtkantors und malte sich kaum Chancen aus. „Aber ich habe sie von mir überzeugen können“, erzählt der 53-Jährige heute und erinnert sich gern an die Zeit zurück, als für ihn ein neuer Lebensabschnitt begann und er mit seiner Frau von Stuttgart nach Göttingen zog. Seit dieser Zeit leitet er voller Leidenschaft und mit un ermüdlichem Einsatz die Göttinger Stadtkantorei und den Kammerchor.

„Kirchenmusik spielt eine große Rolle bei St.  Johannis – und auch in meinem Leben“, sagt Eberhardt, der ganz in seinem Element ist. „Dabei war die Kirchenmusik bei mir als Berufswunsch eigentlich gar nicht geplant – obwohl die Gottesdienste mit Orgelmusik für mich schon als Kind immer ein ganz besonderes Ereignis waren.“ Was auch dem Dorforganist seines Heimatortes nicht verborgen blieb, woraufhin er den damals 13-jährigen Konfirmanden Bernd eigenhändig für den Orgelunterricht anmeldete. „So kam es ins Rollen.“ Eberhardt, der aus einer kleinen Gemeinde in Baden- Württemberg stammt, erhielt seine musikalische Ausbildung in Stuttgart, an der Hochschule der Künste Berlin sowie am Sweelinck Conservatorium Amsterdam. Mit seiner Liebe zur Kirchenmusik und zum Detail legt der Schwabe heute einen großen Schwerpunkt seiner Arbeit auf die stilgerechte Aufführungspraxis, was ihm neben seiner Tätigkeit als Stadtkantor mit der Zeit auch Engagements am Deutschen Theater, beim Göttinger Symphonie Orchester und bei den Internationalen Händel -Festspielen bescherte.

Heute jedoch verwendet Eberhardt – neben der musikalischen Begleitung der Gottesdienste – die meiste Energie darauf, die musikalische Bandbreite in St. Johannis und in Göttingens Kulturlandschaft allgemein zu erweitern. Feste Bestandteile seines Engagements für die Gemeinde sind die Motteten – der mehrstimmige Chorgesang – an den ersten Samstagen im Monat, die sommerliche Reihe ,Klassik für Nachtschwärmer‘ oder die Orgelradtour, die er ins Leben gerufen und die mittlerweile Nachahmer in ganz Deutschland gefunden hat. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht jedoch immer die Arbeit mit den Chören. „Die Stadtkantorei mit ihren 100 nichtprofessionellen, aber sehr leistungsstarken Sängerinnen und Sängern ist nicht nur in Göttingen zu hören. Wir reisen auch viel!“ Nicht ohne Stolz erzählt er von Auftritten in Deutschland, aber auch im europäischen Ausland. Die Stadtkantorei ist das eine, der Göttinger Kammerchor – der nur 35 Mitglieder hat – das andere, aber: „Wir versuchen, uns in diesem Chor noch mehr an professionellen Maßstäben zu orientieren, und wagen auch gelegentlich, Literatur aufzuführen, die sonst eher reinen Profichören vorbehalten ist.“

Aktuell finden in St. Johannis allerdings keine regelmäßigen Auftritte der Stadtkantorei statt – und auch kaum Gottesdienste mit größeren musikalischen Gruppen. Denn seit 2014 befindet sich die Kirche peu à peu im Umbau – mit dem Ziel, eine offene Bürgerkirche für alle Menschen zu werden. Die Gemeinde macht jedoch aus dieser Notsituation eine Tugend und feiert ihre Gottesdienste mit musikalischer Begleitung an den unterschiedlichsten Orten in der Stadt Göttingen und im Landkreis. Wann genau der Umbau von St.  Johannis abgeschlossen wird, ist nach wie vor unklar: „Wir hoffen auf Ostern 2021“, so der Stadtkantor. Und dann wird aus der ehrwürdigen Rats- und Marktkirche eine offene Bürgerkirche. „Sie soll ein zentraler Ort für die Menschen in Göttingen werden“, beschreibt Eberhardt die Idee der Umstrukturierung. Mit einer mobilen Bestuhlung, die auf- und abgebaut werden kann, wird die Kirche ein Veranstaltungsort für Kulturschaffende, sie wird Raum für einen gesellschaftlichen Diskurs und unterschied liche Begegnungen bieten. Ob für die Wirtschaft oder das Stadtmarketing von Pro City, die neuen Nutzungsmöglichkeiten seien vielfältig.

Momentan ist nur der Altarraum zu nutzen, der schon heute in den historischen Farben Weiß und Ochsenblutrot erstrahlt. Bernd Eberhardt freut sich auf die neu gestalteten Räume, der Umbau ist allerdings kein Grund, es ruhiger angehen zu lassen – er hat alle Hände voll zu tun. Die Arbeit mit den Mitgliedern der Chöre umfasst nicht nur die Proben und Auftritte: „Die Kirche hat nicht das nötige Geld, um einen Stab an Mitarbeitern zu beschäftigen.“ So fällt es ihm zu, auch verwalterisch tätig zu werden, die Finanzen im Auge zu behalten und gegebenenfalls auch die Noten zu organisieren. Was die Auswahl der Stücke betrifft, macht er dem Kantoreirat Vorschläge. Der Rat, der sich aus Chormitgliedern der verschiedenen Stimmgruppen zusammensetzt, entscheidet dann mit, was einstudiert wird: „Die Erarbeitung von neuen Musikstücken ist harte Arbeit.“ Der Dirigent gibt vor, wie ein Stück interpretiert und präsentiert wird. „Da können weiche Übergänge erfolgen, kann ein Takt mehr nach vorn gezogen oder stärker betont werden“, erklärt Eberhardt und beginnt beeindruckend singend, die Beispiele zu erklären – der Gemeindesaal von St. Johannis wird so plötzlich zur Bühne. „Da muss jedes Stück genau einstudiert werden, damit man es bei einem Auftritt abrufen kann. Bei Beethoven zum Beispiel ist genau vorgegeben, was wie gesungen und gespielt wird. Bei Bach hingegen nichts. Da hat man als Dirigent die Freiheit zu interpretieren. Da gebe ich die Betonung vor.“ Das Chorsingen erforderte harte Disziplin und viel Übung. Und wer nicht regelmäßig zu den Proben erscheint, wird von ihm auch schon mal ermahnt. „Einmal die Woche Chorprobe, zweimal im Jahr ein Intensivwochenende zum Üben, dann einzelne Gesangsbildungskurse mit jeweils sechs Sängerinnen und Sängern: Wir nennen diese Proben augenzwinkernd Sixpack“, erzählt der Stadtkantor und lacht. „Das fordert und fördert die Mitglieder.“ Eberhardts Anspruch an ,seine‘ Leute und an die Arbeit ist hoch. Doch er geht mit Elan und einem unglaublichen Engagement voran … – das ist mehr als nur ein Vollzeitjob.

Doch immer nur Kirchenmusik? Der Vater zweier erwachsener Töchter kann auch modern. So hat er unter anderem mit der Stadtkantorei bei einem Weihnachtskonzert der Göttinger A-capella-Band Seven Up gespielt, ein Benefizkonzert mit den Profibasketballern der BG Göttingen gegeben oder auch mal bei Pop meets Classic mitgemischt. Und wenn dann doch einmal Zeit für anderes ist, fährt Eberhardt auch gern mit dem Rad durch das schöne Leinetal. „Die Landschaft rund um Göttingen bietet sich dafür einfach an. Und da ich gern in der Natur bin, versuche ich, so oft wie möglich unterwegs zu sein …“ – sagt’s und setzt erneut an, noch ein bisschen Beethoven und Bach zu spielen.