Ängste überwinden

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Sebastian König

Politikerin Frauke Heiligenstadt und Unternehmer Wolfgang Trinczek über die schwierige Positionierung Northeims in der Region

Wie lässt sich der Standort Northeim am besten beschreiben?

Heiligenstadt: Wir leben in einem strukturschwachen, ländlichen Raum. Allerdings befi ndet sich Northeim durch die Wiedervereinigung in der Mitte Deutschlands und hat eine sehr gute infrastrukturelle Anbindung. Die Wirtschaftskrise hat die Stadt wider Erwarten sehr gut überstanden – was die Arbeitslosenzahlen belegen. Dies ist vor allem auf die Bodenständigkeit der Unternehmen zurückzuführen. Sie agieren langfristig und nachhaltig.

Trinczek: Die Region zeichnet aus, dass sie sehr mittelständisch strukturiert ist, mit wenigen Konzernen. Dies ist ein Grund, warum sie recht gut durch die Krise gekommen ist. Natürlich spielt die geografi sche Lage und die Infrastruktur eine positive Rolle. Diese Karte können aber auch alle anderen Standorte an der A7 oder A38 ausspielen. Das allein reicht zur Differenzierung nicht.

Wo liegen die Schwächen?

Heiligenstadt: Andere Regionen in Niedersachsen wie das Emsland treten viel selbstbewusster und geschlossener auf. Da sind die Südniedersachsen noch deutlich zurückhaltender, obwohl durch verstärkte regionale Zusammenarbeit Fortschritte in der Identitätsbildung gelungen sind. Nach wie vor gehen die einzelnen Landkreise oder Bürgermeister ihre Probleme lieber allein an – es fehlt der Zusammenhalt. Dabei haben wir in Südniedersachsen als Wissenschaftszentrum und mit innovativen Unternehmen viel zu bieten. Dies könnten wir besser nach außen darstellen, um die Wahrnehmung zu verbessern. Denn Northeim ist nicht so bekannt. Sage ich aber, dass ich aus der Region um Göttingen stamme, ist das etwas ganz anderes.

Welche Bedeutung hat die unmittelbare Nähe zum Oberzentrum Göttingen darüber hinaus?

Trinczek: So eine starke Stadt mit einer renommierten Universität direkt vor der Haustür zu haben, ist sehr positiv. Das muss man allerdings aktiv nutzen. Hier ist die Politik gefordert, gemeinsam mit der Wirtschaft zu überlegen, wie sich Northeim innerhalb der Region positionieren kann. Wie könnte diese Positionierung denn aussehen?

Heiligenstadt: Es gibt hier einen Schwerpunkt in der Bildung. So haben wir die Technikerschule, wo Auszubildende innerhalb von drei Jahren Geselle und Meister werden können. Seit kurzem hat zudem die BBS II Northeim die bundesweite Beschulung für Revierjäger übernommen. In diesem Bereich könnte man sich weiter spezialisieren.

Trinczek: Außerdem haben wir noch die Bundesfachschule Kfz. Vielleicht kristallisiert sich hier eine Kernkompetenz heraus. Die Erfahrungen in der Ansiedlung solcher Institutionen sollten wir ausbauen. Es muss genau analysiert werden, warum sich die Institutionen für den Standort entschieden haben, um daraus die Definition der gesuchten Kompetenzen abzuleiten. Es braucht eine Positionierung und ein Marketing, welches dem von Unternehmen ähnelt. Vielleicht lassen sich zusätzliche Weiterbildungsinstitute ansiedeln. Denn gerade der zweite und dritte Bildungsweg sind für die Jahrgänge, die wir verloren haben, sehr wichtig.

Was meinen Sie mit den erwähnten „verlorenen Jahrgängen“?

Trinczek: Es geht um das Problem der Austrocknung des Arbeitsmarktes, das für alle Unternehmen der Region allgegenwärtig ist. Die hohe Zahl an Schulabbrechern in Deutschland verschärft die Lage zusätzlich. An unserem Standort in Thüringen ist das Problem bereits akut. Hier konnten wir nur noch die Hälfte unserer Ausbildungsplätze besetzen. Ein weiteres Problem bildet der demografi sche Wandel. Wir werden in Zukunft um jeden über 60-Jährigen froh sein, der noch arbeitet. Denn wir haben in Deutschland eine der niedrigsten Erwerbsquoten von über 60-Jährigen in Europa. Wir selbst haben im OBI-Markt Northeim das Team 66 gegründet. Das sind alles Mitarbeiter, die bei uns tätig waren und im Ruhestand sind. Diese konnten wir begeistern, zumindest im 400-Euro-Bereich weiterzuarbeiten.

Heiligenstadt: Als Politiker müssen wir den Unternehmen sehr gut ausgebildete Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Unsere Schwerpunkte sind deshalb die Bildung und die Infrastruktur für Familien. Das sind Themen, mit denen sich die Politik vor Ort intensiv beschäftigt. Die Austrocknung des Arbeitsmarktes wird vor allem im Rahmen eines Demografie-Ausschusses thematisiert. Dazu muss das Bildungsangebot optimiert werden. Es darf aus ökonomischer und sozialer Sicht niemand mehr verloren gehen. Wobei sich in diesem Zusammenhang im Landkreis Northeim schon einiges getan hat. Die Schulen sind zumindest sehr gut ausgestattet. Arbeitsmarkt, Bildung und demografischer Wandel – das sind große Themen, die sich mit einer intensiveren Kooperation der ganzen Region leichter lösen ließen.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit?

Heiligenstadt: In Einzelprojekten, wie dem Öffentlichen Nahverkehr oder dem Tourismus, funktioniert das schon recht gut. Allerdings geht es meist um unterschiedliche geografische Gebiete. Für mich wäre eine gemeinsame Region aus den Landkreisen Northeim, Göttingen und Osterode ideal. Holzminden zähle ich nicht direkt dazu. Zudem wird in diese Zusammenarbeit noch zu wenig investiert. Der Regionalverband Südniedersachsen zum Beispiel hat eineinhalb Mitarbeiter – das ist zu wenig. Ein guter Ansatz ist geniusgöttingen. Hier werden Unternehmen gezielt unterstützt, Fachkräfte in die Region zu holen. Und das ist wichtig, denn Northeim hat unter Hochschulabsolventen so gut wie keine Lobby. Hier müssen die positiven Eigenschaften, wie das gute Lebensumfeld, besser herausgestellt werden; und das kann eine Stadt wie Northeim nicht alleine leisten. Die Bereitschaft zur Kooperation scheint überall vorhanden zu sein, aber der zündende Funke fehlt.

Existieren Ängste, die eigene Identität zu verlieren?

Trinczek: Klar bestehen Ängste, dass ein engeres Zusammenrücken zu eigenen Lasten gehen könnte. Aber auch eine Stadt wie Göttingen hat begrenzte Ressourcen und braucht das Umland. Es ist wichtig, dass die angrenzenden Landkreise ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Sie spielen eine wichtige Rolle als Hinterland mit günstigen Wohnmöglichkeiten und solider mittelständischer Wirtschaft. Wenn die Gebiete im Umfeld stark abfallen, wird es auch für das Oberzentrum schwerer. Aus Northeimer Sicht gilt es herausfi nden, wo man auf der Leiter in der Region steht, um daraus seine eigene strategische Position zu entwickeln. Diese Aufgabe müssen Politik und Wirtschaft zusammen lösen. Alle werden ihre Ängste überwinden müssen. Es gibt dazu keine wirkliche Alternative.

Heiligenstadt: In Northeim besteht in einigen Bereichen von Politik und Wirtschaft die Angst, dass das Oberzentrum alles zu sich zieht und für Northeim nichts mehr übrig bleibt. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Bevölkerung die Strahlkraft Göttingens anerkennt und einer stärkeren regionalen Zusammenarbeit sehr viel offener gegenübersteht, als wir weithin meinen. In der Gesamtbetrachtung können alle nur profitieren, obwohl es Einzelfälle von Abwanderungen gibt. Ein Beispiel ist das Lindauer Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. Da stellt sich die Frage, warum dieses nach Göttingen umsiedeln muss. Fakt ist aber, sie waren in Lindau nicht zu halten. Positiv ist, dass sie wenigstens nach Göttingen gehen und so der Region erhalten bleiben.

Wie sehen die Zukunftsaussichten für den Wirtschaftsstandort Northeim aus Ihrer Sicht aus, Herr Trinczek?

Trinczek: Die Kernaufgabe der Politik ist, die Bildung zu organisieren, Rahmenbedingungen für Familien sowie die Wirtschaft zu schaffen und die allgemeine Infrastruktur zu sichern. Das sind die Eckpfeiler. Die steigende Zahl von Schulabbrechern können wir nicht hinnehmen. Wir werden das sowohl ökonomisch als auch sozial nicht aushalten können. Ich halte es für sinnvoll, weniger zu reformieren, sondern mehr von den Strukturen zu lernen, von denen wir wissen, dass sie funktionieren. Mehr Kontinuität, Lernen von den Besten und Geld in die Qualitätssteigerung investieren – statt ständige Reformdebatten.

Wie sehen Sie den Standort Northeim zukünftig, Frau Heiligenstadt?

Heiligenstadt: Es wird elementar auf die Zusammenarbeit in der gesamten Region ankommen. Wie überall ist auch hier entscheidend, dass die Menschen miteinander können. Und: Jeder muss dem anderen einen Erfolg gönnen, und das scheint nicht immer einfach zu sein. Gelingt die Zusammenarbeit, sieht die Zukunft für Northeim und ganz Südniedersachsen positiv aus.

Vielen Dank für das Gespräch!