A tough trainer

© Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

20 Jahre lebt und arbeitet die Irin Shirley McCarthy in Deutschland, 18 davon in Göttingen. Sie hat hier ihren Platz gefunden, ein Unternehmen aufgebaut und genießt die irischen und deutschen Kultureinflüsse in ihrem Leben.

Der in ihrer Heimat allgegenwärtige, stichelnd erscheinende, aber herzlich gemeinte, oft hintergründige Humor fehlt Shirley McCarthy in ihrem Alltag in Göttingen. „Iren nehmen alles und jeden auf die Schippe. Wir lachen gerne und viel – auch über uns selbst“, erzählt die Kommunikationstrainerin.

In Deutschland sei der Humor anders, „aber mit meinen Kursteilnehmern und Freunden hier lache ich mindestens genauso viel“. Fast jeden Tag fallen der in Galway geborenen und aufgewachsenen Geschäftsfrau neue Unterschiede auf, obwohl sie schon rund 20 Jahre in Deutschland ist. Auf einen weiteren macht mich McCarthy gleich zu Beginn des Gesprächs aufmerksam, als ich, durch und durch deutsch, Fakten für den Artikel abfragen will: „We don‘t usually talk about age, und Geburtstage feiern wir leider auch nicht immer so, wie es hier üblich ist.“

Sie findet es schön, dass in Deutschland die Familie und Freunde an Geburtstagen zusammenkommen und gemeinsam feiern. „Das ‚Reinfeiern‘ habe ich erst hier kennengelernt.“ Dieses Sensibilisieren für kleine und große Unterschiede ist Teil ihrer Arbeit. „Mit Spaß zum Kommunizieren und Lernen anregen, motivieren und begeistern, das ist meine Herzensangelegenheit“, betont McCarthy.

Neben interkultureller Kommunikation bietet sie maßgeschneiderte ‚Business English‘-, ‚Technical English‘- und ‚Presentation Skills‘-Workshops an – für Firmen und Einzelpersonen. „I love my work. Sie ist eine echte Bereicherung meines Lebens.“ Das Erlernen einer Sprache gehe über das Lernen von Wörtern hinaus. Sprache sei ein Sprungbrett, um Einblicke in eine andere Kultur zu bekommen. Die Methodik ihres Unterrichts habe sie sich größtenteils selbst erarbeitet: Die Interaktion mit allen Teilnehmern der Gruppen, das individuelle Eingehen auf ihre Stärken und Schwächen sowie direkte Rückmeldungen gehören dazu.

Das ehrliche Feedback schätzten ihre Klienten und bescheinigten ihr oft, dass sie „a tough trainer“ sei. Small Talk falle nicht jedem leicht und sei in einer fremden Sprache noch schwieriger, das hat Shirley McCarthy schon oft erlebt. Dabei erleichtere er das Kennenlernen: „Small Talk ist ein einfacher Weg, um zu verstehen, how a person ticks and if they are likeable or not.“ Das sei der Grund, warum im englischsprachigen Raum Small Talk gerade auch im Geschäftsleben so wichtig sei. „Wir wollen unser Gegenüber erst ein wenig kennenlernen, wissen, mit wem wir arbeiten und handeln werden. Dann kommt das Business.“

Deshalb vermisst die Kommunikationstrainerin auch manchmal die Atmosphäre in irischen Pubs: „Da musst du deine Getränke selber an der Bar bestellen und kommst sofort mit jedem ins Gespräch. Das geht einfach schnell.“ Außerdem führe die Musik in den Pubs Alt und Jung, Einheimische und Gäste, zusammen und sorge dafür, dass Pub-Besuche für viele wichtig seien. In Göttingen findet sie eine ähnliche Stimmung in den zahlreichen Kneipen mit Live-Musik vor – und geht oft mit Freunden gemeinsam aus.

An den Menschen in der Region hat sie vor allem die Intensität der freundschaftlichen Beziehungen schätzen gelernt: „Wenn das Feuer der Freundschaft hier erstmal brennt, dann brennt es beständig und zuverlässig.“ Das habe es ihr erleichtert, sich hier eine Nische zu schaffen, sich einzurichten und sich wohlzufühlen.

Nach dem Studium war Hamburg die erste Station von Shirley McCarthy in Deutschland. „Ich liebe das Meer, den wilden Atlantik. Da war Hamburg mit dem Hafen und den vielen Brücken eine gute Wahl“, sinniert sie mit einem etwas gedankenverlorenen Blick. „Natürlich liebe und vermisse ich the rugged beauty of Connemara and its lakes, zum Beispiel den Lough Corrib, an dem mein Elternhaus steht. Wenn morgens der Nebel über dem Wasser liegt, ist das ein kaum zu beschreibendes Bild.“

In Hamburg begann ihre Laufbahn als Lehrerin an einem Gymnasium, die Entscheidung für Erwachsenenbildung und die Selbständigkeit kam erst später. Auf- und ausgebaut hat sie ihr Kurs- und Trainingsangebot in Göttingen, Kunden hat sie mittlerweile nicht nur in der Region, sondern europaweit, besonders in Frankreich, Holland oder Schweden. „Meer gibt es hier zwar nicht, aber dafür ist Südniedersachsen ideal für meine Hobbys. Ich reite gerne aus, und I really like bird-watching. Die Landschaft ist wunderschön, farbenfroh, abwechslungsreich und hat eine beruhigende Wirkung. Es ist wirklich unfassbar, wie viele verschiedene Vögel man hier beobachten kann“, sagt die Irin begeistert.

Trotzdem reist sie natürlich mehrmals im Jahr auf die Grüne Insel. Von dort bringt sie eigentlich immer einige ihrer Lieblingsprodukte mit: etwas Cheddar, Tee, die berühmten Salt and Vinegar Chips und of course always a bit of Irish bacon, too. You bet. „Und manchmal auch Backpulver, damit ich Scones oder irischen Kuchen backen kann, wenn ich eingeladen bin oder selber Gäste habe“, fügt sie schmunzelnd hinzu. An den Menschen hier mag sie neben ihrer Loyalität und tiefen Freundschaft ihre Neugier auf Neues und ihre Verlässlichkeit. Hier gebe es bei Verabredungen kein ‚vielleicht‘ und kein ‚mal sehen‘. Auch deshalb kommt sie wohl von ihren Reisen jedes Mal gerne wieder zurück.

Shirley McCarthy hat die Erfahrung gemacht, dass „sich ein ganz neues Gefühl einstellt, wenn man eine andere Sprache spricht“. Allerdings müsse man sich darauf einlassen und seine vorgefassten Erwartungen über Bord werfen. Und das falle vielen Menschen manchmal etwas schwer. Da sie selbst drei Sprachen – unterrichtet von großartigen Lehrern – gelernt habe, könne sie sich in dieses Problem einfühlen.

„Ich habe beobachtet, dass es Hemmungen oder die Angst gibt, sich beim Sprechen einer Fremdsprache zu blamieren. Entsteht Vertrauen auf beiden Seiten, werden diese schnell abgebaut.“ Um es ihren Kunden – Seminarteilnehmern – leichter zu machen, erfüllt sie individuelle Wünsche, taucht in das Fachwissen der Unternehmen ein, um ein tiefes Verständnis zu entwickeln. Seit ein paar Jahren bietet McCarthy auch Gruppenreisen, auch auf Executive-Level, nach Irland an. Das Ziel sei, Einblicke in den Alltag zu bekommen, mit ,native speakers‘ zu kommunizieren und so die kulturellen Unterschiede live zu erleben sowie die Sprache intensiver und nachhaltiger zu lernen.

„It‘s all about eating, sleeping and drinking the language and soaking up the atmosphere“, beschreibt die Irin das Motto der Reisen. Ganz am Ende des Gesprächs gibt sie noch einen wichtigen Hinweis aus ihrer neu entwickelten, mehrteiligen Seminarreihe zum Thema ‚Presentation Skills‘ mit auf den Weg. Mit einem breiten, sehr ansteckenden Lachen sagt sie: „Beware of using jokes in a presentation, they could backfire!”