6500 Kilometer Abenteuer
Statt einfach für die Elhadj Diouf Foundation zu spenden, hat Dominik Singer die Idee eines 6500-Kilometer-Spendenlaufs – vom Senegal bis
nach Osterode am Harz.
Zwei Männer, verschwitzt, braungebrannt, in roten Trikots und mit Sonnenbrillen laufen am 29. Mai 2026 ihre letzten Meter bis zum Jahnstadion in Osterode. 6500 Kilometer für den guten Zweck liegen hinter ihnen. 55 Tage eines Mega-Marathon-Spendenlaufs. Ohne einen Tag Pause. Zehn Tage schneller als ursprünglich geplant. Langsam sickert es in das Bewusstsein von Dominik Singer und Anthony Horyna, dass sie es tatsächlich geschafft haben: von Kaolack im Senegal über Mauretanien, die Westsahara, Marokko, Spanien und Frankreich bis nach Deutschland. Sieben Länder, zwei Kontinente. Die letzten Meter vor dem Einlauf: Kinder, Jugendliche und Erwachsene laufen mit ihnen und feuern sie an. Im Jahnstadion haben sich über den Tag mehr als 3500 Menschen versammelt. Auf der Tartanbahn im Stadion laufen unzählige Menschen insgesamt 13.850 Runden, geplantes Ziel waren 6500 Runden. Ein Wir-Gefühl, wie es schöner kaum sein kann.
Acht Monate zuvor. Es ist ein grauer Herbsttag im Oktober 2025. Tobias Rusteberg und Dominik Singer treffen sich auf einem Infoabend im Romantischen Winkel in Bad Sachsa, um unter anderem über ein Projekt zugunsten der Elhadj Diouf Foundation (EDF) zu sprechen – eine Stiftung, die Rusteberg 2018 federführend selbst mit ins Leben gerufen hat. Ihr Ziel ist es, zwischen Kaolack im Senegal und Osterode am Harz eine sprichwörtliche Brücke zu bauen. Seitdem entstand mithilfe der EDF in Kaolack ein neuer Bildungskomplex mit einer Grundschule, einem Kindergarten, einem Spiel- und Sportkomplex sowie einer Krankenstation.
„Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht einfach nur Geld gebe. Wenn, dann muss auch etwas dahinterstecken“, sagt Dominik Singer. Der Extremläufer schaut also an diesem Tag im Oktober auf sein Handy und stellt fast lakonisch fest: „Das sind 6500 Kilometer – das ist zu schaffen.“ Eine Idee war in der Welt.
Nicht einmal sechs Monate später ist aus der Idee ein Plan geworden. Ein Spendenlauf vom Senegal nach Deutschland für die EDF und für das Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter in Göttingen. Dominik Singer, Anthony Horyna, Jutta Riediger und Tim Effenberger – alle vier sind über extrem weite Strecken lauferprobt – starten am 5. April 2026 in Kaolack, um 6500 Kilometer gemeinsam zu laufen: für Bildung, für Kinder, für Gesundheit und für die Verständigung zwischen Kulturen. Welches Abenteuer nach kürzester Vorbereitung tatsächlich auf sie wartet, können sie nur ansatzweise erahnen. „Als ich das erste Mal von dem Spendenlauf gehört habe, dachte ich zunächst, es wird so ein kleines Ding, vielleicht ein Lauf um den Göttinger Kiessee oder so,“ erzählt Jutta Riediger rückblickend – und lacht.
Kaolack. 5. April 2026. 47,3 Grad. Es ist einer der heißesten Tage der gesamten Strecke, als Dominik, Anthony, Jutta und Tim vom Schulhof des Bildungskomplexes in ihr geplantes Abenteuer aufbrechen. „Wenn wir am Start sind, haben wir schon gewonnen“, sagt Dominik. Jeder Meter, den sie laufen, ist ein Schritt für die Kinder, die lachend und mit strahlenden Augen bei flirrender Hitze neben ihnen herlaufen. In den kommenden Wochen werden es immer wieder die Begegnungen auf der Straße sein, die jedem im Team in Erinnerung bleiben. Das kleine siebenjährige Mädchen, das ihnen irgendwo in Afrika am Straßenrand diesen besonderen Kaffee kocht. Menschen in vorbeifahrenden LKWs, die ihnen Wasserflaschen aus dem Auto reichen. Gastfreundlichkeit trotz großer Armut. Und immer wieder fällt das Wort „Großzügigkeit“.
Die Tage fließen ineinander. Rückblickend können sie kaum noch sagen, was wann und wo genau passiert ist. „Wir wissen, wir haben es getan, aber trotzdem ist es wie so ein Fiebertraum“, sagt Anthony. Um den Lauf in der geplanten Zeit zu schaffen, laufen sie im Wechsel jeweils drei bis vier Kilometer – so ist für jeden Zeit zur Regeneration. Und dennoch ist es ein Lauf, der an die eigenen Grenzen führt. „Wir wussten nie, wo wir schlafen, was am kommenden Tag passiert oder in der nächsten Stunde“, sagt Dominik. Jutta, als einzige Frau im Team, spürt dies besonders, als sie verschleiert und mit langem Shirt und Hose durch Mauretanien läuft. Hinzu kommen mögliche Gefahren wie Sandstürme in der Wüste, Schlangen, Skorpione. „Ich stehe immer noch zu 100 Prozent hinter dem Projekt, aber in Marokko war ich mental, nicht körperlich, an meiner Grenze angekommen“, erzählt sie. Jutta verlässt das Team in Agadir. Bei Tim war bereits vor dem Start klar, dass er nur bis Marokko mitlaufen wird. Durch Spanien, Frankreich und Deutschland laufen Dominik und Anthony als Zweier-Team. Irgendwo in Frankreich wird ihnen klar, sie könnten es eine Woche vor dem geplanten Ziel schaffen. „Als der Gedanke im Kopf war, haben wir alles Menschenmögliche darangesetzt, das zu bewerkstelligen“, erinnert sich Anthony.
„Dass Menschen für das Schulprojekt in Kaolack nicht nur ihre Kraft einsetzen, sondern ihre Lebenszeit und sogar ihr Leben, habe ich bisher noch nicht erlebt“, sagt Tobias Rusteberg. Das sei „wie eine Gala im Herzen“. Und das Projekt 6500 Kilometer für den guten Zweck strahlt über den Zieleinlauf im Jahnstadion hinaus. „Du bist mein Vorbild“, sagt ein Kind zu Jutta, während sie über das Projekt in einer Schule in Osterode spricht. Sie werden auch in weiteren Schulen über das Projekt sprechen; im November wird es zudem einen Kinofilm geben – und in naher Zukunft vielleicht ein deutschlandweites Sportabzeichen „Kinder laufen für kranke Kinder“.
Was für die vier Teilnehmer der 6500 Kilometer bleibt, ist mehr, als dass sie es geschafft haben. „Wenn das Projekt für nur eine Sache taugt, dann bitte dafür, dass Menschen durch unseren Lauf verstehen, dass sie aus eigener Kraft und mit kleinen Schritten unfassbar viel bewegen können“, sagt Anthony. Und mehr braucht auch gar nicht gesagt zu werden. ƒ
