Für faktor gelesen

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Frank Eisenacher

Frank-Walter Eisenacher ist Geschäftsführer des Göttinger Wurstproduzenten Börner-Eisenacher und hat sich intensiv mit der Beziehung von Mensch und Tier auseinandergesetzt. 

Jan Mücher beschreibt in seinem Buch den Stellenwert der Tierwelt in der Gesellschaft – sowohl in der Geschichte, in unterschiedlichen Kulturkreisen, als auch aus dem Blickwinkel der Weltreligionen. Er beleuchtet den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Tierrechten und ergänzt Aspekte wie ,Tiere im Krieg‘ bzw. ,sexueller Missbrauch an Tieren‘ und deren weltweit unterschiedliche strafrechtliche Würdigung. Seine Feststellung: Tierschutz findet gar nicht oder nicht ausreichend statt – es gibt erheblichen Veränderungsbedarf. Die Gesellschaft solle Tieren als Individuen mit eigenen Rechten gerecht werden. Vor allem aber stellt Jan Mücher das Recht des Menschen infrage, über das Leben anderer Wesen zu entscheiden. Das sei das ,empathieloseste‘ auf der Welt. Seine Konsequenz: kein Fleisch mehr essen!

Viele Kerngedanken und Feststellungen des Autors sind richtig. Allerdings sollten, so denke ich, mündige Verbraucher nicht bevormundet werden. Eine Verhaltensänderung Einzelner wird den globalen Trend nicht aufhalten. Die Weltgemeinschaft steht durch die jährliche Zunahme der Bevölkerung mit ca. 80 Millionen Menschen pro Jahr vor enormen Herausforderungen. 2025 werden bereits über acht Milliarden Menschen auf dieser Erde leben, mit entsprechendem Ernährungsbedarf. Mit steigenden Einkommen in Schwellen- und Entwicklungsländern steigt die Nachfrage nach Fleisch, allein in China hat sich der Konsum in den letzten 50 Jahren versechsfacht. Und nach dem Welt agrarbericht ist davon auszugehen, dass die Fleischproduktion von aktuell ca.­ 300 Millionen Tonnen auf 455 Millionen Tonnen im Jahr 2050 steigen wird. Die Zahlen sind alarmierend. Bei Berücksichtigung von Faktoren wie Klimawandel, den begrenzten Ressourcen von Wasser und Böden, der Getreidekonkurrenzsituation von Teller und Trog muss auch die Verwendung von Getreide für Nichternährungszwecke (Bioenergie) kritisch beurteilt werden. Zielkonflikte werden immer deutlicher: Überall gesellschaftliche Nichtakzeptanz von grüner Gentechnik und Massentierhaltung – inkonsequenterweise wird aber das billigste Fleisch gekauft.

Dabei ist Fleisch etwas sehr Wertiges und darf nicht verramscht werden. Es ist ein Baustein unserer Ernährung als ,Allesfresser‘, sollte aber in der Balance bleiben. Für meine Familie und mein Unternehmen habe ich eine klare Zukunftsorientierung: Schonung von Ressourcen und Nachhaltigkeit. 2015 lag in unserer Firma der Anteil von Bio produkten bei 28 Prozent. Bei einem Umsatzwachstum von 10 Prozent im Jahr 2016 beträgt der Anteil von Biowurst derzeit 36 Prozent. Ziel für 2017: 50 Prozent – hier sehen wir unsere Zukunft. Im Stall unserer Bio-Vertragsbauern fühlt man, wie gut es den Tieren geht. Das treibt an.

Jan Mücher (19) studiert Psychologie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2011 ist er in der Politik aktiv – zuerst in der SPD. 2016 trat er jedoch aus Liebe zur Umwelt zu Bündnis90/ Die Grünen über.