Heiliges Chaos

©Alciro Theodoro da Silva
Text von: Tobias Kintzel

Mit Design Thinking können Unternehmen ihre Innovationsleistung auf ein neues Niveau heben – und dabei Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die ihren Kunden tatsächlich nutzen.

Es geht darum, aus einer Produktidee so schnell wie möglich einen Prototypen zu machen und ihn potenziellen Kunden zu zeigen.“ So beschreibt Jonas Brunnert ein zentrales Element der Innovationsmethode Design Thinking. Denn was plastisch anfass- oder zumindest visuell erfassbar ist, wird besser verstanden. Das gilt auch für Dienstleistungen. In einem möglichst frühen Stadium mit potenziellen Kunden den Realitätscheck zu machen, ist aus Sicht von Unternehmen traditionell eher ein Risiko – in den Augen der ‚Design- Thinker‘ hingegen ist es eine große Chance. „Wer richtig zuhört, Verbesserungsvorschläge aufnimmt und dabei lernt, kann mit seiner Idee in kurzer Zeit eine völlig neue Evolutionsstufe erreichen“, sagt Brunnert. „Dieser Vorgang aus den Teilschritten, etwas zu entwickeln und es der Zielgruppe zu präsentieren, wiederholt sich so lange, bis ein marktreifes Produkt vorliegt.“ Der gebürtige Göttinger ist Mitgründer und Kommanditist der Firma Innoki mit Sitz in Berlin. Gemeinsam mit 19 Mitstreitern unterstützt der 29-Jährige Unternehmen und andere Organisationen dabei, im Bereich Innovation neue Wege zu gehen. Doch vor den Prototypen hat der Design- Thinking-Gott David M. Kelley noch andere Schritte gesetzt. Der 65-jährige Kelley, der aussieht wie eine Mischung aus dem Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, Dieter Zetzsche, und dem Fernseh-Erklärer Jean Pütz, ist Professor und Vordenker der Design School, der sogenannten d.school an der Stanford University sowie Gründer der Design- Agentur IDEO im Silicon Valley. „Alles beginnt damit, mit den potenziellen Nutzern und Kunden ein von Empathie getragenes Verhältnis aufzubauen“, erklärt Innovationsexperte Brunnert. Das könne über lange Gespräche, Beobachtungen in Alltags situationen oder das Hineinschlüpfen in die Nutzerrolle erfolgen. Halten sich Unternehmen an den Design- Thinking-Prozess, stellen sie von Anfang an den Nutzer ins Zentrum aller Innovationsbemühungen und finden Lösungen für tatsächliche Probleme, anstatt im stillen Kämmerchen Entwicklungen voranzutreiben, die niemand wirklich braucht.

Ein weiterer Vorteil ist, dass Lösungen, die echten Nutzen stiften, im Nachhinein nicht künstlich über Marketingverrenkungen mit Nutzenversprechen aufgeladen werden müssen. So kommt zum Innovationserfolg auch noch eine Senkung der Kosten hinzu. Kein Wunder also, dass Design Thinking bei den Konzernen – ausgehend von der Keimzelle SAP – wie der Heilige Gral behandelt wird: Hierzulande setzen zum Beispiel die Lufthansa, die Deutsche Bank, Bosch und die Telekom auf diese Methode. Aber auch kleine und mittelständische Unternehmen interessieren sich bereits für Design Thinking. Während Jonas Brunnert in Südniedersachsen erst einen Vortrag sowie ein paar initiale Workshops durchgeführt hat, ist die Z-Blech Blechverarbeitung & Montage Zerbst in Sachsen-Anhalt deutlich weiter. „Mit Innoki bin ich Ende 2015 auf einem Unternehmertag in Kontakt gekommen“, erinnert sich Geschäftsführer Joachim Gerland. „Deren pragmatischer Ansatz hat mich gleich überzeugt. Dinge sofort zu tun, nicht auf dem Papier zu überplanen, das kannte ich aus dem Lean Management.“ Die Spezialisten für Blechbearbeitung aus Zerbst waren bei der Recherche nach Innovationsmethoden auf Design Thinking gestoßen. „Wir wollen das Potenzial des sehr flexiblen Maschinenparks, mit dem schnell und unkompliziert eine große Bandbreite von Produkten hergestellt werden kann, besser ausschöpfen.“ Mit der Entwicklung innovativer Produkte sollten außerdem neue Kunden, durchaus auch außerhalb der Kernbranche Maschinenbau, angesprochen werden. Bei Z-Blech wurden zehn Mitarbeiter aus allen Abteilungen entlang der Wertschöpfungskette und über verschiedene Hierarchieebenen hinweg für den Design- Thinking-Workshop mit Innoki ausgesucht. Das entspricht haargenau dem Ansatz der Methode, die davon ausgeht, dass multi disziplinäre Teams schneller agieren und zu kreativeren Lösungen kommen als reine Fachteams aus der Entwicklungsabteilung.

Erst nachdem die Erkenntnisse aus dem Kontakt mit der Zielgruppe gesammelt und die eigene Sichtweise auf das Problem definiert sind, können die multidisziplinären Teams anfangen, Lösungsansätze zu suchen. Dabei kommen viele unterschiedliche Methoden zum Einsatz: Wer nach ‚Design Thinking‘ googelt, findet Bilder, auf denen Gruppen von Menschen vor Flipcharts stehen, die mit bunten Post-its übersät sind. Andere bauen gemeinsam mit Lego-Steinen, Papier, Karton, Schere und Kleber Modelle oder nutzen dazu Knete, Filz oder Wolle. Das kreative Chaos wird durch die Methode geordnet und führt zu überraschenden Ergebnissen. Doch es kommt auch auf die richtige Einstellung und Geisteshaltung an. „Ein Prinzip beim Design Thinking ist, dass auf Ideen anderer aufgebaut wird, die mit eigenen Gedanken vorangetrieben werden“, sagt Jonas Brunnert. „Man muss also teilen wollen und können. Kategorien wie ‚meine Idee, deine Idee‘ gibt es nicht.“ Wichtig sei auch, dass alle im Team Input geben, auch auf die Gefahr hin, dass nur Grundzüge der eigenen Idee übrig bleiben oder sie mit ,fliegenden Fahnen‘ untergeht. Die Belohnung für Design- Thinker: Am Ende stehen der Wir-Erfolg und Produkte, die Kunden wirklich brauchen. „Entscheidend ist, dass von Anfang an der Kontakt zum potenziellen Kunden gesucht und über den gesamten Prozess hinweg aufrechterhalten wird“, hebt der Experte noch einmal hervor. Das gehe auch mit einem spontanen Anruf mitten in der Entwicklungsarbeit. „Für uns hat das super funktioniert“, erklärt Joachim Gerland. „Erste Ideen wurden zeitnah in Metallprototypen überführt, die wir jetzt im nächsten Schritt auf einer Gewerbeausstellung potenziellen Kunden zeigen werden. Es lohnt sich, den Mitarbeitern die Zeit dafür einzuräumen.“ Abschließend betont der Geschäftsführer zudem noch einen weiteren Aspekt, den Design Thinking aus seiner Sicht für alle Unternehmen interessant macht: „Das hatte einen starken Effekt auf das Teambuilding. Die Mitarbeiter sind zusammengewachsen, haben Verständnis füreinander aufgebaut und sind stolz auf das gemeinsam Erreichte.“

Kontakt

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Gerichtstraße 25
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Tel. 030 76748210
hello@innoki.de
www.innoki.de

Kreativ gedacht

Tipps und Denkanstöße zum Design Thinking von Jonas Brunnert, dem Mitgründer der Innoki Innovationsentwicklung & Zukunftswerkstatt

1. Nutzer verstehen wollen
Ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Konzept funktioniert nur, wenn es die Bedürfnisse der Nutzer befriedigt. Daher sollte man mit Nutzern sprechen, sie beobachten oder in ihre Schuhe schlüpfen, bevor man mit der Entwicklung anfängt. Das erfordert Überwindung, bringt aber Erfolg! Wie wäre es für Sie, jetzt gleich das Telefon in die Hand zu nehmen und mit einem Nutzer zu sprechen? Zum Einstieg kann es auch ein Freund oder die eigene Mutter sein.

2. Raum
Kreativität und Innovation brauchen Raum – sowohl physisch als auch zeitlich. Der Raum sollte Mitarbeiter inspirieren und ein Ort sein, an dem es keine Einschränkungen gibt. Er muss Möglichkeiten bieten, im Stehen zu arbeiten, herumzulaufen, zu bauen, zu brainstormen und auch zur Ruhe zu kommen. Genauso wichtig ist ein zeitlicher Rahmen, der nur zum kreativen Arbeiten vorgesehen ist. Wie wäre es zum Einstieg mit zwei Stunden am Mittwochnachmittag?

3. Buntes Team
Die besten Ideen und Konzepte entstehen, wenn Menschen aus verschiedenen Bereichen und Hierarchieebenen zusammenarbeiten – unterschiedliche Expertisen und Sichtweisen helfen, komplexe Probleme zu lösen. Warum setzen Sie das Team für Ihr nächstes Projekt nicht von Anfang an aus Vertrieb, Marketing, Personalentwicklung, Produktion und IT zusammen?

4. Machen statt Reden
Im Design Thinking werden Erkenntnisse und Ideen nicht lange diskutiert, sondern schnell getestet und umgesetzt. Fehler werden bewusst in Kauf genommen, um nach mehreren schnellen Entwicklungszyklen am Ende ein funktionierendes Produkt zu erhalten. Egal, ob es ein neues Gastronomiekonzept oder ein Tool im IT-Bereich ist. Gibt es innerhalb Ihrer Organisation eine Person, die ein Team coachen kann, um es schnell zum ,Machen‘ zu bringen?

5. Mut und Bereitschaft
Innovation erfordert den Willen, sich auf neue Dinge einzulassen, aus Fehlern lernen zu wollen und seine persönliche ,Komfortzone‘ ab und an zu verlassen. Haben Sie sich schon dafür entschieden, kreativer und innovativer zu arbeiten?