Die Zukunft hat längst begonnen!

Prof. Dr. Bernt R. A. Sierke
Text von: redaktion

Die PFH Private Hochschule Göttingen feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Eigentlich ein Grund, um einmal einen Blick zurückzuwerfen und zu schauen, was sich in der Vergangenheit getan hat. Doch Geschäftsführer Bernt R. A. Sierke richtet sein Augenmerk lieber in die Zukunft, auf die Herausforderungen für Unternehmen im Bereich Lernen und Wissensvermittlung – und auf mögliche Ansätze zu deren Bewältigung.

Interview: Tobias Kintzel – Fotografie: Peter Heller

Herr Sierke, die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung der Wirtschaft – kurz ,Industrie 4.0‘ – schreitet schnell voran. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang vor allem die Auswirkungen auf Prozesse und Geschäftsmodelle sowie die unterstützenden Technologien. Doch was bedeuten diese Entwicklungen für Lernen, Bildung und Wissen?
Diese Entwicklung hat die Prozesse des Lernens und der Wissensvermittlung längst erreicht und auf eine neue Evolutionsstufe gehoben. Die Generation der ,Digital Natives‘ geht mit Lernen und Bildung ganz anders um als vorangegangene Generationen und nutzt andere Medien dafür. Die Zukunft des Lernens hat längt begonnen. Und sowohl die Menschen als auch die Medien entwickeln sich noch weiter. Ich bin davon überzeugt, dass sich Lern- und Wissensmanagementprozesse innerhalb der kommenden Dekade nachhaltiger und deutlicher verändern werden, als es in den vergangenen letzten Jahrhunderten zusammen der Fall war. Für die überwiegende Mehrheit der Unternehmen bedeutet das eine fundamentale Änderung ihres Umgangs mit Wissensvermittlung und innerbetrieblicher Weiterbildung.

An welchen Punkten müssen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach ansetzen?
Unternehmen haben jahrzehntelang das Thema Bildung nahezu ausschließlich angebotsorientiert betrachtet und auch so organisiert: Sie haben Bedarfe abgefragt, einen Katalog mit Kursen erstellt und dann die Mitarbeiter auswählen lassen. Die Kurse waren – und sind es oft immer noch – zu festen Zeiten an festen Orten angesetzt. Das ist ein Prozess, der zu lange dauert und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits veraltete Angebote hervorbringt. Die richtige Frage muss heute doch lauten: Welche Probleme habe ich gerade jetzt – und welche werde ich in Zukunft haben? Und welches Wissen muss ich meinen Mitarbeitern zur Verfügung stellen, damit sie diese Probleme lösen können. Know-how muss sofort verfügbar sein, wenn es gebraucht wird. Wer sein Wissens- und Lern­management vorausschauend organisiert bekommt, seine Mitarbeiter in die Lage versetzt, Probleme von heute und morgen zu lösen, generiert Chancen und Wettbewerbsvorteile.

Sie haben die sich ändernden Medien und eine neue Generation der Lernenden angesprochen. Was konkret hat sich geändert?
Früher hat man in einem ‚Closed Shop‘, also einer Bibliothek, in einem Seminarraum oder zu Hause ein Buch linear durchgearbeitet, vielleicht ergänzend noch ein oder zwei andere Buchquellen genutzt. Ein Lehrender hat in einer Präsenzveranstaltung zusätzliches Wissen vermittelt. Heute bewegen sich die ,Digital Natives‘, genau wie alle anderen Lernenden, in einer offenen Welt, in der Wissen weltweit über verschiedene Endgeräte durch die digitale Infrastruktur abgerufen werden kann. Mobil und losgelöst von Zeit und Ort. Heutige Lernende sind es gewohnt, gleichzeitig mehrere Medien zu nutzen, sich nicht mehr auf nur eines zu fokussieren. Für diese Akteure gibt es keine Vorlesungen, keine Seminare und keine Vorträge, deren Inhalte sie sich nicht selbst über Online-Medien erarbeiten könnten. Denn alles Wissen ist im Internet verfügbar, wird permanent verändert, ergänzt und verifiziert. Nicht weniger wichtig ist, dass Wissen heute zielorientiert sortiert werden kann, um schnell Ergebnisse zu erreichen.

Ein wichtiger Aspekt der Nutzung des Internets und speziell der Social-Media-Angebote ist die Zusammenarbeit mit anderen, die Collaboration.
Das stimmt. Und das ist auch im Bereich der Wissensaneignung entscheidend wichtig. Lernende sind heute weltweit in Netzwerken unterwegs, in denen Wissen ausgetauscht wird. Wissensteilung ist Wissensvermehrung und sorgt für eine deutliche Effizienzsteigerung in der Problemlösung. Potenziert wird dieser Effekt in multikulturellen Teams. Nicht selten wissen die Lernenden im Hochschulumfeld, aber auch in Unternehmen am Ende des Prozesses mehr als der Lehrende. Die Rolle des Lehrenden ist schon heute eher die eines Coachs, Motivators und Trainers, der Wissenspfade und Netzwerke organisiert und je nach Zielgruppe und Problemstellung individuell zusammenstellt.

Was müssen Unternehmen tun, um mit diesen Herausforderungen zielführend umzugehen?
Sie müssen Plattformen zum Lernen schaffen, mit deren Hilfe Mitarbeiter permanent, ,on Demand‘ und losgelöst vom Aufenthaltsort Wissen aufnehmen und mit Kollegen teilen können. Lernen muss weitgehend individualisiert werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist aus meiner Sicht, dass Wissen zunehmend granular werden muss, maßgeschneidert zur Lösung eines Problems, befreit von unnötigem Ballast. Beachten muss man auch, was heute schon im Hochschulbereich erkennbar ist: Online- und Präsenzlernen wachsen zusammen, wobei es den klassischen Präsenzteilnehmer mit einem Offline-Medium eigentlich nicht mehr gibt. Fernstudiengänge sind heute nur noch multimedial durchführbar. Ich denke, die Gretchenfrage ist, ob Unternehmen den Wandel aktiv gestalten wollen oder der Überzeugung sind, die Welt wird es schon richten. Aus meiner Arbeit als Berater für Unternehmen weiß ich, dass es oft externer Hilfe bedarf, Denkmuster zu durchbrechen und die Anpassung an die neue Welt des Lernens und der Wissensvermittlung zu bewältigen.

Wie gelingt in diesem hochvernetzten, dynamischen Umfeld und bei der Vielzahl der online verfügbaren Informations- und Wissensquellen ein Qualitätsmanagement für Wissensvermittlung und Lernen?
Der Output des Prozesses ist gleichsam sein Qualitätsindikator. Die Evaluation ist für einen Lehrenden oder Akteure im Unternehmen doch denkbar einfach. Es ist am Ende nur die Frage zu klären: Ist das Ausgangsproblem gelöst oder nicht?

Vielen Dank für das Gespräch und Ihnen alles Gute zum Jubiläum!