©Städtisches Museum Göttingen
Text von: Norman Lippert

Im Jahr 2018 feierte die Lokhalle ihr 20- jähriges Bestehen als Veranstaltungshalle mit einem großen Geburtstagsevent am 14. Dezember. Das umfangreiche kulturelle und musikalische Programm bot Unterhaltung für die ganze Familie – mit einer Lokolino-Kinderecke, Schlittschuhlaufen auf der Eisbahn und einem Auftritt des Göttinger Symphonie Orchesters. Backstage-Führungen und Technikshows erlaubten einen seltenen Blick hinter die Kulissen, und die Ausstellung nahm die Besucher mit auf eine Zeitreise in die Vergangenheit. Dabei wurden nicht nur die Highlights der letzten 20 Jahre präsentiert, sondern auch die wechselhafte Geschichte der Lokhalle selbst.

Dass die vergangenen zwei Jahrzehnte eine Erfolgsgeschichte sind, ist nicht von der Hand zu weisen: Die Lokhalle hat große Weltstars nach Göttingen geholt: etwa Bryan Adams, Joe Cocker und Sting. Mit „Wetten, dass …?“ (2001), der Live-Übertragung des 80. Geburtstags von Günter Grass (2007) und nicht zuletzt dem Bundesvision Song Contest (2014) hat die Lokhalle bewiesen, dass sie auch für große TV-Produktionen geeignet ist. Erst im letzten Jahr kehrte die Produktionsfirma Brainpool in die Lokhalle zurück, um das Bühnenprogramm ,Alphapussy‘ von Carolin Kebekus aufzuzeichnen. Und auch außerhalb des klassischen Bühnen- und Konzertprogramms beweist die Lokhalle regelmäßig ihre Vielseitigkeit: Hunderte Firmenevents, Haus- und Order messen aus den verschiedensten Branchen, Tagungen und Kongresse sowie Sportveranstaltungen fanden bereits im Industriedenkmal und im umfangreichen Außenbereich statt.

Die Geschichte der Lokhalle beginnt bereits 1854, als die Eisenbahn nach Göttingen kommt und eine Werkstatt für Reparaturen benötigt wird. Die ,Maschineninspektion‘ nimmt im Juli 1855 ihren Betrieb auf, repariert und wartet Dampflokomotiven. In den nächsten Jahrzehnten wird die ,Königliche Eisenbahn-Hauptwerkstatt Göttingen‘ sukzessive vergrößert. Der bekannte und markante Lokhallenbau wird zwischen 1917 und 1920 als Lokrichthalle des ,Reichsbahn-Ausbesserungswerks‘ errichtet: 174 Meter lang, 89 Meter breit und bis zu 15 Meter hoch ist der Koloss zwischen Bahnhof und Leine. Mit bis zu 1.800 Mitarbeitern avanciert das Ausbesserungswerk zum größten Arbeitgeber der Stadt. Doch im Jahr 1965 endet das Zeitalter der Dampfloks in Göttingen, und am 3. März 1976 schließt das Ausbesserungswerk nach rund 120 Jahren endgültig. Die Lokhalle fällt anschließend in einen 22 Jahre währenden Dornröschenschlaf, wird zum Spielball eines Investors und ist mehrmals vom Abriss bedroht.

Mit seiner Vision eines multifunktionalen Kulturzentrums entfacht der Göttinger Architekt Jochen Brandi im Jahr 1979 eine 20 Jahre andauernde öffentliche Diskussion um die Zukunft der Lokhalle. Nachdem die Kaufverhandlungen zwischen der Stadt Göttingen und der Bundesbahn gescheitert waren, kauft im Frühjahr 1984 ein Bovender Bauunternehmer das gesamte Gelände. Kurz darauf wird mit dem Abriss nahezu sämtlicher Neben gebäude begonnen, der bereits vereinbarte Abriss der mittlerweile denkmalgeschützten Lokhalle bleibt allerdings aus. Obwohl in den nächsten Jahren eine Vielzahl von Nutzungskonzepten entwickelt werden, kommt keines davon zur Umsetzung. Schnell sind die Fronten zwischen der Stadtverwaltung, dem Investor und den verschiedenen Bürgerinitiativen verhärtet. Im Jahr 1987 kann die Stadt einen Abriss letztlich nur durch den Kauf der Lokhalle verhindern. Die Suche nach einem finanzierbaren Nutzungskonzept beginnt von vorn, von Erfolg ist sie nicht gekrönt. Im Jahr 1991 scheint das Schicksal der Lokhalle endgültig besiegelt, denn wider Erwarten erhält die Stadt eine Abrissgenehmigung vom Institut für Denkmalpflege.

Es ist die ihren langen Schatten vorauswerfende Expo 2000 in Hannover, welche die Lokhalle vor dem Abriss bewahrt: Im September 1991 schlägt die Planungsgruppe ein Wissenschaftsmuseum als dezentralen Expo- Standort in der Lokhalle vor. Die Göttinger Stadtverwaltung bleibt jedoch skeptisch und treibt die Abrisspläne weiter voran.

Der entscheidende Neustart gelingt erst im Jahr 1993, als die mittlerweile mit der städtebaulichen Entwicklung des Lokhallengeländes beauftragte städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft GWG ein US-amerikanisches Architektenteam engagiert. Dieses kommt in seinem ersten Masterplan zu dem überraschenden Ergebnis: Die Lokhalle lässt sich in einem Verbund aus Kino, öffentlichem Wintergarten und Tagungszentrum erhalten.

Als am 12. Dezember 1995 die Bauarbeiten am zukünftigen CinemaxX-Kino beginnen, ist dem ehemaligen Geschäftsführer Klaus Hoffmann klar, dass nun der Erhalt der Lokhalle gesichert ist. Als Nutzungskonzept sieht der im Jahr 1996 überarbeitete Masterplan für das inzwischen Otto-Hahn-Zentrum getaufte Lokhallengelände die Einrichtung eines ,Forums für Wissenschaft und Technik‘ vor. Es soll perspektivisch zu einem Wissenschaftszentrum von nationaler Bedeutung ausgebaut werden. In der Zwischenzeit wird die GWG angewiesen, ein eigenes Veranstaltungsmanagement aufzubauen, um Events in der Lokhalle zu realisieren.

Die Lokhallensanierung beginnt im Frühjahr 1998, und nach nur neun Monaten Umbauzeit findet im Dezember die erste Veranstaltung in der Lokhalle statt, ein von einem Göttinger Unternehmer organisiertes Junioren-Fußballturnier. Das rettende Expo-Projekt ,Forum für Wissenschaft und Technik‘ begrüßt von Juni bis Oktober 2000 seine Besucher in der Lokhalle. Doch die Pläne für eine zukünftige Nutzung als Wissenschaftszentrum haben sich längst zerschlagen. Im Anschluss an das Expo-Projekt übernimmt die GWG das Veranstaltungsmanagement für die Lokhalle dauerhaft.

Aus der Zwischenlösung von einst ist heute ein festes Team von 39 Mitarbeitern gewachsen, welches bereits mehr als 1.200 Veranstaltungen mit fast vier Millionen Besuchern in der Lokhalle realisiert hat. Die vielen regelmäßig wiederkehrenden Veranstaltungen belegen, dass die Lokhalle bestens aufgestellt ist. Die Auszeichnungen Best Center (2009), Green Globe (2012) und Location Award (2015) zeigen zudem, dass die Lokhalle Göttingen national zur Spitze gehört und keinen Vergleich scheuen muss. Ein Grund für diesen nachhaltigen Erfolg liegt in der stetigen Weiterentwicklung der Lokhalle und ihres Umfelds. Damit die langfristige Konkurrenzfähigkeit der Lokhalle gesichert bleibt, hat die GWG die Halle 3 ausgebaut (2011), eine neue Wegverbindung zum Schützenplatz angelegt (2016) und erst in diesem Jahr die Zufahrtswege optimiert sowie ein neues Hotel an die Lokhalle geholt. „Wir wachsen mit unseren Kunden und setzen Investionen zukunftsorientiert ein, um die Erfolgs geschichte Lokhalle weiterzuschreiben“, sagt dazu die Leiterin des Veranstaltungsmanagements und Prokuristin Nicole Klammer.

Dabei sind es nicht nur diese direkten Investitionen, die die Lokhalle zu einem ernstzunehmenden regionalen Wirtschaftsfaktor machen: Die meisten Dienstleistungen rund um den Veranstaltungsbetrieb werden durch regionale Unternehmen erbracht. Dazu kommt die indirekte Wertschöpfung durch die Lokhallenbesucher, wenn sie etwa in Göttingen einkaufen, essen gehen oder übernachten.

In den letzten fünf Jahren erzielte die Lokhalle eine Auslastungsquote von mehr als 90 Prozent und eine Besucherzahl von über 950.000. „Heute wissen wir, dass sich die mutige Entscheidung, die Lokhalle in den 1990er-Jahren zu erhalten, mehr als ausgezahlt hat“, erklärt die GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe. „Das ist uns Ansporn und Verpflichtung zugleich.“ Die Lokhalle Göttingen ist ein fester Bestandteil der städtischen Kultur- und Wirtschaftslandschaft und als Veranstaltungshalle nicht mehr wegzudenken. Mit den jüngsten Umbaumaßnahmen im Umfeld hat die GWG die Weichen für anhaltendes Gelingen gestellt. Es geht in Richtung Zukunft – die Lokhalle bleibt auf der Erfolgsspur!